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Streit unter Ökonomen - Wie berechenbar ist eine Krise?

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Die letzte Finanzkrise haben die Ökonomen nicht vorhergesehen. Volkswirte sehen neue dunkle Wolken am Horizont. Die Verschuldung einiger Länder wie Italien verstärkt die Sorge.

Skyline von Frankfurt
Frankfurter Bankenviertel: Wie vorhersagbar Finanzkrisen sind, ist umstritten. Quelle: dpa

"Krisen haben es so an sich, dass man sie meist erst sieht, wenn sie praktisch schon da sind", sagt Stefan Schneider, Chefvolkswirt der Deutschen Bank für Deutschland. Das klingt tatsächlich danach, als hätten die Ökonomen immer noch keine Mittel und Methoden gefunden, mit denen sie die Risiken besser einschätzen können. Können sie das überhaupt leisten?

Mit den aktuellen Methoden nicht, sagt Thomas Mayer, Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Instituts. Zumindest hätten sie die letzte Finanzkrise vor zehn Jahren nicht vorhersagen können. Der Grund: In den Modellen der maßgeblichen wissenschaftlichen Schulen der Makroökonomie sei die Finanzwirtschaft nicht angemessen berücksichtigt worden, meint Mayer, lange Jahre Chefvolkswirt der Deutschen Bank.

Er vergleicht das mit einem Wohnwagengespann: Wenn dabei die Wirtschaft die "Familienkutsche" sei und die Finanzwirtschaft der angehängte Wohnwagen, dann sei der Finanzsektor ins Schlingern geraten und hätte fast das Zugauto von der Straße rutschen lassen.

Wie ein GPS-System mit falscher Software

Doch anstatt nach der Krise daraus zu lernen, die Modelle neu zu justieren und die Rolle der Finanzwirtschaft entsprechend anders zu berücksichtigen, sei man wieder zum alten Modell zurückgekehrt. Und das könne man vergleichen mit einem GPS-System, bei dem die falsche Landkarte in die Software einprogrammiert sei.

Als Beispiel nennt Mayer die Bildung von Preisen am Finanzmarkt: Wenn man sich da nach der Volatilität, der Schwankungsanfälligkeit, richte, dann sei diese am geringsten, wenn die Märkte anfingen zu überhitzen -, wenn also der Herdentrieb einsetze, weil alle Anleger in eine Richtung liefen. Dann gebe das Modell Entwarnung, obwohl sich gerade dann Blasen bilden könnten - mit der Gefahr, dass eine solche Blase platze.

Die Strategie des Sachverständigenrats

Eine solch fundamentale Kritik an den Wirtschaftswissenschaften kann Lars Feld nicht nachvollziehen. Feld ist als Professor für Wirtschaftspolitik an der Universität Freiburg Vertreter der akademischen Zunft - und er ist Mitglied des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung. Dass das Finanzsystem nicht in den Modellen der Wirtschaftswissenschaft abgebildet sei, das könne man so pauschal nicht behaupten.

Man verlasse sich ohnehin nicht auf einzelne Modelle, sondern nehme eine Vielzahl von Ansätzen und empirischen Analysen zur Beurteilung von Zusammengänge hinzu. So arbeite nicht zuletzt der Sachverständigenrat. Dass dieser vor zehn Jahren nicht vor dem Ausbruch der Finanzkrise gewarnt habe, liege vielleicht sogar daran, dass man mit einer solchen Prognose noch mehr Unruhe und Unsicherheit heraufbeschworen hätte. Deshalb habe sich der Sachverständigenrat damals vermutlich nur moderat verhalten, verteidigt Feld die damalige Strategie des Rats. 

Streit der Schulen

Der Streit um die Prognosefähigkeit von Ökonomen ist ein grundsätzlicher der unterschiedlichen wissenschaftlichen Schulen: Die einen, die "Neoklassiker" oder "Neokeynesianer" arbeiten gern mit mathematischen Modellen. Die anderen der "österreichischen Schule" betonen die Bedeutung der einzelnen Menschen und deren individuelle Vorlieben für wirtschaftliche Prozesse.

So plädiert Mayer dafür, eine moderne Wirtschaftswissenschaft solle sich nicht mehr als Naturwissenschaft verstehen, die nach Modellen die Welt erklären kann. Sie sollte sich eher als Sozialwissenschaft begreifen. Dass die ökonomische Zunft nicht lernfähig sei, dass sieht Lars Feld von der Universität Freiburg nicht so. "In der Wirtschaft entscheiden Menschen", meint Feld. "Aber wir nutzen die Möglichkeiten der Mathematik, um unsere Argumente zu präzisieren und davon ausgehend Hypothesen empirisch zu überprüfen."

EZB - Gefangene ihrer Politik

Der Streit ist auch deswegen von Bedeutung, weil die Zentralbanken auch mit solchen Modellen arbeiten und damit die Geldpolitik lenken. "In der Medizin gibt es den Grundsatz, dass man dem Patienten vor allem keinen Schaden zufügen soll", sagt Mayer. Doch die EZB habe stattdessen eher die Dosis der falschen Medizin erhöht anstatt vorsichtiger zu agieren.

Der Sachverständigenrat hat sich in seinen jüngsten Gutachten zwar immer gegen eine zu lockere Geldpolitik etwa über ausgedehnte Anleihekäufe gewandt. "Wir haben aber die Politik des 'Quantitative Easing' nie grundsätzlich kritisiert, sondern fanden QE nur im Ausmaß zu umfangreich", sagt dessen Mitglied Feld. 

Mayer jedoch fordert mehr Bescheidenheit und Demut von der EZB. Solange diese nicht sicher sein könne, dass ihre Diagnose richtig sei, müsse sie sich auch zurückhalten. Doch sie sei inzwischen Gefangene ihrer eigenen Politik.

Hohe Verschuldung einiger Länder macht Ökonomen Sorgen

Sie müsse die Medizin absetzen, also die lockere Geldpolitik schnell beenden und die Zinsen allmählich wieder anheben. Dass das so kommt, glaubt er nicht: "Die EZB macht nicht mehr Geldpolitik, sondern nur noch eine Politik zur Erhaltung des Euro", sagt der Ökonom. Wegen der hohen Verschuldung einiger Länder - Venezuela, Argentinien, Türkei oder Italien - braue sich in der Weltwirtschaft einiges zusammen. "Ob das nur Risse in unserer ansonsten heilen Konjunkturwelt sind oder der Anfang einer großen Krise, das bleibt abzuwarten", warnt er. 

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