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Fußball-WM in Russland - Anpfiff auch fürs Wirtschaftswachstum?

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Es wird wahrscheinlich die teuerste Fußball-Weltmeisterschaft aller Zeiten. Ob Russland aber langfristig wirtschaftlich davon profitiert, daran zweifeln Ökonomen.

Archiv: Nur als Schattenriss ist ein Arbeiter zu erkennen, der am 25.08.2017 auf der Baustelle Mordowia-Arena in Saransk (Russland) steht
Die WM in Russland bringt Touristen und Geld ins Land. Aber ob sie langfristig positive Effekte auf die Wirtschaft hat, ist unklar. Quelle: dpa

Der offizielle Etat für die Fußball-WM liegt bei zehn Milliarden Euro. Doch tatsächlich dürfte Russland für die Fußball-Weltmeisterschaft eher elf bis knapp zwölf Milliarden Euro ausgeben oder umgerechnet 13 bis 14 Milliarden US-Dollar, das wäre dann nochmals mehr als Brasilien vor vier Jahren tatsächlich aufgewendet hat, nämlich 11,6 Milliarden Dollar.

Russland selbst rechnet zwar mit einer belebenden Wirkung auf die Wirtschaft: Ohne die WM gebe es kein Wirtschaftswachstum, hatte der stellvertretende Ministerpräsident Arkadi Dworkowitsch jüngst behauptet. Das Bruttoinlandsprodukt soll im Zeitraum von 2013 bis 2023 um zwei Prozent oder 31,5 Milliarden Dollar zulegen.

Ökonomen: Sportliche Großereignisse haben sogar negative Effekte

Zahlen, die Ökonomen nicht überzeugen: Die Investitionen dürften sich kaum positiv auf die russische Wirtschaft auswirken. "Sportliche Großereignisse haben in den letzten Jahrzehnten in aufstrebenden Ländern wie Brasilien und Südafrika, also mit Russland vergleichbaren Volkswirtschaften, in der Regel einen negativen Effekt auf die jeweilige Volkswirtschaft gehabt", sagt Gert G. Wagner, Ökonomieprofessor und Senior Research Fellow am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). "Alles andere sind urbane Mythen."

Die Investitionen sind in den Ausbau oder Neubau der Stadien geflossen, aber auch in die Verkehrsinfrastruktur. Flughäfen wurden modernisiert, doch nicht in dem Maß wie zunächst angekündigt. So habe man eine neue Landebahn für den Moskauer Flughafen nicht rechtzeitig fertigstellen können, sagt Daria Orlova, Russland-Expertin der Dekabank. Auch verschiedene Hotelprojekte seien nicht gebaut worden.

Kurzfristig gibt es vielleicht kleinere Effekte: So haben 3,5 Millionen Menschen Tickets für die Fußballspiele gekauft. 1,5 bis zwei Millionen Fans kommen aus dem Ausland. Sie geben ihr Geld für Essen, Getränke und Übernachtung aus, das dürfte den entsprechenden Dienstleistungsbranchen Tourismus, Einzelhandel sowie dem Lebensmittel- und Getränkesektor zugutekommen.

"Doch diese Touristen verdrängen diejenigen, die sonst nach Russland gereist wären", meint die Analystin. Allenfalls wegen höherer Hotelpreise oder vielleicht etwas lockerer sitzendem Geldbeutel der Fußballfans könnte es da kurzfristig ein Plus geben. Ken Van Weyenberg von der Vermögensverwaltung Candriam rechnet zwar mit einem zusätzlichen BIP-Wachstum von 0,2 bis 0,3 Prozent. Das entspreche den kurzfristigen Zuwächsen früherer Weltmeisterschaften in anderen Ländern.

Fabriken werden zugunsten der Umwelt während der WM stillgelegt

Aber ob es wirklich zu einer merklichen wirtschaftlichen Belebung komme, da hat Analystin Orlova Zweifel. Denn in Industrieregionen wie Jekaterinburg würden Fabriken und Industrieanlagen zum Teil stillgelegt, um die Umweltverschmutzung während der WM vorübergehend einzudämmen. Das hatte vor zehn Jahren auch China während der Olympischen Spiele so gehandhabt. Die Wirtschaftsleistung wird also gedrosselt. "Ob die wahrscheinliche Zunahme der Dienstleistungsbranche das aufwiegen kann, das ist noch nicht klar", sagt die Osteuropa-Expertin der Dekabank. Ohnehin könnten sich im zweiten Quartal die Sanktionen auswirken, die die USA im April verhängt hatten.

Wegen dieser Sanktionen könnten auch die Marketing-Effekte geringer ausfallen, auf die die Gastgeber meist hoffen: Investoren und Touristen lernen so ein Land kennen und könnten zurückkehren, um weiter zu investieren oder das Land näher zu erkunden. Doch die Sanktionen und die unsicherere internationale Lage dürften dem entgegenstehen, glaubt Daria Orlova. Auch mittel- bis langfristig sind positive Effekte kaum zu erwarten.

Die Investitionen in die Sportstätten sind oft nicht nachhaltig. "Nach der WM werden die neuen Stadien in der Provinz wahrscheinlich leer stehen", vermutet Gert Wagner vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Sinnvoller wäre es, man hätte stattdessen normale Wohnungen und Häuser  gebaut, das Geld könne schließlich nur einmal ausgegeben werden. "Die Fußball-WM ist Geldverschwendung im Interesse der Oberschicht", meint der DIW-Ökonom.

Ökonom: Kosten und Autokratie hängen zusammen

Ohnehin sei ein Ereignis wie die Fußball-WM zu klein, um langfristige positive Wirkung auf die russische Wirtschaft zu entfalten, deren Bruttoinlandsprodukt bei 1,3 Billionen Dollar liegt. Bis 2016 war sie wegen des Ölpreisverfalls geschrumpft und erst im vergangenen Jahr wieder um 1,5 Prozent gewachsen.

Dass der Staat in dieser Lage die teuerste WM aller Zeiten veranstalte, sieht Wagner kritisch: "Je autoritärer ein Staat ist, umso mehr Geld versenkt er bei sportlichen Großveranstaltungen. In einem demokratischen Staat muss man für ein Späßchen wie die Fußball-WM, die ich mir natürlich auch ansehen werde, die Zustimmung der Bevölkerung einholen - und bekommt sie vielfach nicht mehr. Man denke an die Ablehnung einer Olympia-Bewerbung durch die reichen Hamburger. Das sollte uns schwer zu denken geben."

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