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500 Jahre Reformation - Ökumene im WG-Zimmer

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Morgen feiern die Protestanten 500 Jahre Reformation. Seither konkurrieren zwei christliche Konfessionen - bis heute. Was trennt evangelische und katholische Christen 2017?

"Evangelische / Katholische Kirche" - ein Wegweiser in Kühlungsborn zeigt in die beiden Richtungen, in denen sich die verschiedenen Kirchen befinden
"Evangelische / Katholische Kirche" - ein Wegweiser in Kühlungsborn zeigt in die beiden Richtungen, in denen sich die verschiedenen Kirchen befinden Quelle: dpa

Hannah Thielmann und Jonas Sträßer müssen es ganz genau wissen. Sie studieren Theologie, er katholische in Frankfurt, sie evangelische in Mainz. Seit dreieinhalb Jahren sind die beiden ein Paar. Kennengelernt haben sich Hannah und Jonas in einem religiösen Jugendkreis. Beide sind in ihren Gemeinden sehr engagiert: Jonas ist Messdiener und leitet die Kinderfreizeiten; Hannah organisiert Gottesdienste für Kinder.

Jonas hätte nicht gedacht, mal eine evangelische Freundin zu haben, weil er stark in der katholischen Kirche verwurzelt sei. "Aber gut, die Liebe fällt halt irgendwo hin und ist bei Hannah sehr gut gelandet", sagt der 24-Jährige, "und die Diskussionen ergeben sich dann im Laufe der Beziehung." Zum Beispiel über das Abendmahl: Katholiken glauben, dass Brot und Wein in der Eucharistie zu Leib und Blut Christi verwandelt werden. Evangelische Christen sehen sie hingegen eher als Symbol für die Anwesenheit Jesu.

Katholische Einladung längst überfällig

Hannah geht deswegen nicht zur katholischen Eucharistie, wenn sie mit Jonas die Messe besucht: "Ich gehe aus Respekt vor den Katholiken nicht", erklärt die 20-Jährige, "weil ich nicht das Gleiche im Brot sehe wie sie." Anders als die evangelische hat die katholische Kirche bisher keine Einladung zum Abendmahl an alle Christen ausgesprochen. Johanna Rahner, Professorin für katholische Theologie an der Universität Tübingen, sieht diese Einladung jedoch als geboten an: "Es ist theologisch sehr gut begründet, alle evangelischen Christen einzuladen."

Hannah und Jonas beim letztjährigen katholischen Weltjugendtag in Krakau
Hannah und Jonas beim letztjährigen katholischen Weltjugendtag in Krakau Quelle: privat

Zunächst aber steht die Entscheidung der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) aus, ob zumindest evangelische Ehepartner zur Eucharistie zugelassen werden. Rahner erwartet, ohne die DBK unter Druck setzen zu wollen, "im Laufe diesen oder nächsten Jahres eine positive Entscheidung". Hannah würde sich sehr freuen, gemeinsam mit Jonas am Abendmahl teilzunehmen: "Wenn die Einladung da ist, bin ich die Erste, die aufsteht und hingeht."

Unterschiedliche Position der Laien

Auch beim sogenannten Amtsverständnis bemerken Hannah und Jonas immer wieder Unterschiede. Hannah erzählt vom evangelischen Gottesdienst zum Semesterstart, bei dem sie gepredigt und den Segen gesprochen hat. In der katholischen Kirche sind diese Dienste den geweihten Priestern vorbehalten. Für die evangelische Theologin Ulrike Link-Wieczorek von der Universität Oldenburg hängt das auch mit einem "gewissen Misstrauen auf katholischer Seite gegenüber den Laien" zusammen. Katholiken würden es anders ausdrücken und sagen, dass nur geweihte Personen in direkter Nachfolge zu den Aposteln stehen.

Voneinander lernen

Die beiden Studenten haben im Laufe ihrer Beziehung viel über die jeweils andere Konfession gelernt. "Aber ich habe mich auch mehr mit meiner eigenen Kirche auseinandergesetzt", erklärt Jonas. Das ist auch Ziel des neuen Religionsunterrichts in Berlin. Die beiden Kirchen haben einen gemeinsamen Lehrplan erstellt, sodass evangelische und katholische Kinder zusammen unterrichtet werden können. Mathias Bröckl, im Erzbistum Berlin für den Religionsunterricht zuständig, geht es darum, "sich gegenseitig anzunehmen, ohne die Unterschiede zu nivellieren".

Hannah und Jonas wünschen sich, dass alle Schüler den Religionsunterricht gemeinsam besuchen; man könne viel voneinander lernen. Hannah fehlt an ihrer Kirche häufig das Heiligkeitsgefühl. "Die katholische Kirche kriegt es sehr gut hin, Gott tatsächlich als heilig zu verehren - in meiner Kirche wirkt es manchmal eher profan", erklärt sie.

Mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede

Und Jonas? Den fasziniert an der evangelischen Kirche der direkte Kontakt zu Jesus. "Diese starke persönliche Beziehung zu Jesus Christus verliert sich manchmal in der katholischen Liturgie", sagt er und fügt als weiteren Wunsch hinzu, dass in der Frage des Frauenpriestertums zeitgemäße theologische Lösungen gefunden werden.  

Die beiden Kirchen verbindet aber auch eine ganze Menge - und so natürlich auch Hannah und Jonas. Sie gehen zu wichtigen Anlässen gemeinsam zum Gottesdienst und beten zusammen. "Gott achtet beim Gebet bestimmt nicht auf die Konfession", ist sich Hannah sicher.

Im Glauben verbunden

In sozialen und ökologischen Fragen sind sich die Kirchen ebenfalls einig: Sie wollen die Schöpfung bewahren, Flüchtlinge aufnehmen und Ausgegrenzten beistehen. "Dafür müssen sie in einer sich immer weiter säkularisierenden Gesellschaft zusammenarbeiten", fordert Ulrike Bohländer vom Zentrum Oekumene der beiden hessischen Landeskirchen.

Hannah und Jonas machen es vor: "Die konfessionellen Unterschiede spielen zwar eine Rolle, aber wir sind im Glauben an den dreieinigen Gott verbunden", sagt Hannah. Das gilt sowohl im Kleinen im WG-Zimmer als auch im Großen in den Kirchen.

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