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Krise in Österreich - "Der Wahlkampf wird richtig schmutzig"

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Laut Österreich-Experte Thomas Hofer wird sich Sebastian Kurz an der Spitze der ÖVP halten können – selbst wenn dem Kanzler das Misstrauen ausgesprochen wird.

Sebastian Kurz
Kann sich Sebastian Kurz an der Spitze der ÖVP halten?
Quelle: ap

heute.de: Was beschäftigt Österreich mehr – der Tod Niki Laudas oder die Regierungskrise?

Thomas Hofer: Der österreichischen Psyche geht es gerade gar nicht gut. Mit Niki Lauda ist eine Ikone von uns gegangen. Er war für uns eine sehr prägende Figur – vielleicht auch, weil er sehr unösterreichisch war. Er hat die Fehler nicht bei anderen gesucht, sondern zuerst bei sich. Sonst gilt in Österreich: Wer im Fußball verliert, gibt dem Rasen die Schuld oder der Mondphase. Heinz-Christian Strache inszeniert sich gerade ja auch als Opfer einer Verschwörungstheorie. Niki Lauda war da deutlich selbstkritischer.

heute.de: Trotzdem hört man gerade wenig Selbstkritik. Österreich scheint sich mit der Korruption arrangiert zu haben.

Hofer: Der Skandal legt ein Sittenbild zutage, wie Politik hierzulande oft tickt. Das ist ein Dämpfer für Österreichs Image. Dabei hat sich in den letzten Jahren durchaus was getan. Die Gesetze wurden verschärft. Es gibt zig Fälle, die gerichtsanhängig sind. Trotzdem trauen wir unseren Politikern zu, dass sie bestechlich sind und Gelder in alle Richtungen fließen. Wir stehen erst ganz am Anfang der Aufklärung.

heute.de: Wie stark ist Kanzler Kurz angeschlagen?

Aber ich glaube nicht, dass Kurz mit einer Abwahl schon Geschichte wäre – er wird sich an der Spitze der ÖVP halten können und kann bei der Wahl auch Stimmen von der FPÖ gewinnen.
Thomas Hofer, Österreich-Experte

Hofer: Kurz hatte die Wahl zwischen Pest und Cholera. Seine Grundsatzentscheidung war richtig: Nach diesem Skandalvideo Schluss mit der Koalition und Neuwahlen. Jetzt kommt es darauf an, ob er am Montag den Misstrauensantrag übersteht. Es würde ihm weh tun, nicht als Kanzler in den nächsten Wahlkampf zu ziehen. Aber ich glaube nicht, dass Kurz mit einer Abwahl schon Geschichte wäre – er wird sich an der Spitze der ÖVP halten können und kann bei der Wahl auch Stimmen von der FPÖ gewinnen. Aber natürlich ist er geschwächt. Und eine Koalitionsbildung wird jedenfalls schwierig. Außerdem gibt es schwere emotionale Verwundungen, der Wahlkampf wird richtig schmutzig werden.

Heute.de: Welche Strategie wird Kurz nun verfolgen?

Seine Botschaft lautet: Wir dürfen Österreich nicht in die Krise gleiten lassen.
Thomas Hofer über Sebastian Kurz

Hofer: Er versucht gerade, ganz den Staatsmann zu geben. Er appelliert an die staatstragende Rolle der Sozialdemokratie und der gemäßigten Freiheitlichen. Seine Botschaft lautet: Wir dürfen Österreich nicht in die Krise gleiten lassen.

heute.de: Die Linke scheint aus der aktuellen Krise kein Kapital schlagen zu können. Steht Österreich weiter rechts als Deutschland?

Hofer: Das hat viel mit Jörg Haider zu tun. Er hat schon Mitte der 1980er-Jahre das Thema Migration heftig bespielt, ironischerweise auch das Thema Korruptionsbekämpfung. Er hat die Eliten bekämpft, die großen Volksparteien vor sich hergetrieben und Österreich, was den Diskurs angeht, nach rechts gerückt.

heute.de: Haider ist aber seit zehneinhalb Jahren tot.

Hofer: Aber er prägt bis heute. Straches bisherige Karriere wäre ohne ihn so nicht denkbar gewesen. Natürlich hat das aber auch mit unserer Geschichte zu tun: Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Deutschland als Täter und Österreich als das erste Opfer von Hitler-Deutschland gesehen. Wir hatten lange einen schlampigen Umgang mit unserer Vergangenheit, weshalb unsere politische Kultur auch rhetorische Rülpser von rechts eher runterspielt.

Das Interview führte Raphael Rauch.

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