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Österreich - Wahlkampf der Ich-AGs

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Österreich wählt im Oktober. Schon wieder. Diesmal den Kanzler. Kern, Kurz oder Strache - einer von ihnen wird das Rennen machen. Es ist ein Dreikampf um den Einzug ins Kanzleramt, bei dem große Egos und die Inszenierung in sozialen Netzwerken eine zentrale Rolle spielen.

Genau in zwei Monaten, am 15. Oktober findet die Wahl in Österreich statt. Wird es zu einer Wende in Österreich kommen? An eine Neuauflage der totgelaufenen großen Koalition (ÖVP/SPÖ-Konservative und Sozialdemokratie) glaubt wohl kaum noch jemand.

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Wortgewandt, dynamisch, modebewusst - also als der etwas andere, moderne Politikertyp: So präsentieren sich die drei Spitzenkandidaten im Rennen um das Kanzleramt. Es treten an: der amtierende Kanzler Christian Kern von den Sozialdemokraten (SPÖ). Dazu seine Herausforderer, der 31-jährige Außenminister sowie Chef der Konservativen (ÖVP) Sebastian Kurz und der Rechtspopulist Heinz-Christian Strache von der Freiheitlichen Partei ( FPÖ).

Große Egos, clevere Strategen

Alle drei einen große Egos, Machtbewusstsein - und sie sind clevere Strategen. Der herkömmliche Wahlkampf schleppt sich dahin. Kein Wunder, die Österreicher sind ihm überdrüssig. Und so konzentrieren sich die Kandidaten auf die sozialen Medien.

Facebook-König ist noch Strache: Seine rechtspopulistische FPÖ setzt schon am längsten aufs Internet, auch weil sich dort die teils extremen, fremdenfeindlichen Positionen am besten verbreiten lassen. Aber auch Sozialdemokrat Kern begreift Klicks und Likes als potentielle Stimmen. Sein Social Media-Team postet fleißig auf Instagram und Facebook.

Die Bildsprache erinnere stark an Barack Obama, sagtSocial Media-Beraterin Judith Denkmayr: "Wir hätten halt auch ganz gern unsere Obamas. Die derzeitigen politischen Führungskräfte in Österreich orientieren sich sehr stark an diesem Stil." In diesem Sinne versuchte sich der medienaffine Kanzler Kern sogar als Pizzabote. Sein Video erreichte zwar allein auf Facebook mehr als eine Million Menschen, sorgte aber auch für Spott und Häme.

Auch bei Sebastian Kurz ist alles akribisch durchdacht. "Sebastian Kurz ist immer in Bewegung. Er ist immer dabei, ein bisschen die Welt zu retten. Das ist eine sehr gekonnte politische Inszenierung", so Denkmayr. Der 31-Jährige beherrsche in der medialen Inszenierung den Spagat zwischen jugendlicher Frische und staatsmännischer Erfahrung.

Kurz gibt den Kurs vor

Die starke Personalisierung des Wahlkampfs liegt vor allem an Kurz. Er ist gerade mal 31 Jahre alt, Außenminister und seit kurzem Vorsitzender der Konservativen. Seine vor einem Jahr noch am Boden liegende Partei hat er quasi erpresst: Nehmt mich, zu meinen Bedingungen - oder ihr geht unter: So hat er die ÖVP unter seine Kontrolle gebracht und kurzerhand umbenannt, in Liste Sebastian Kurz. Und aus Mangel an Alternativen feiert man ihn wie einen Erlöser. Seit der junge Außenminister die Partei zur Ich-AG umgeformt hat, führt er alle Umfragen klar an. Bleibt das so, steht seinem Weg zur Kanzlerschaft kaum etwas im Weg.

Aber auch der Vorsitzende der Sozialdemokraten wurde zu Amtsantritt gefeiert: Kern ist amtierender Kanzler und will es bleiben. Vor einem Jahr wechselte der smarte Manager und Chef der österreichischen Bundesbahn (ÖBB) in die Politik. Kern verspricht Arbeitsplätze, will einen Mindestlohn einführen und steht für mehr soziale Gerechtigkeit. Vor allem ist der Quereinsteiger aber angetreten, um die zerstrittene SPÖ zu retten. Doch die andauernden Streitigkeiten seiner Partei haben längst dazu geführt, dass sein Heilsbringer-Image bröckelt.

Das Problem der FPÖ heißt Kurz

Provokation von rechts außen und Anti-Establishment - dafür stand Heinz-Christian Strache bislang. Seit zwölf Jahren ist er Chef der rechtspopulistischen FPÖ. Sein Lebensziel ist es, Kanzler zu werden. Auch er geht dafür mit der Mode, versucht spritzig zu wirken, am Puls der Zeit zu sein. Seine Umfragewerte sinken trotzdem. Der Markenkern der FPÖ ist zu sehr auf Einwanderungs- und Ausländerfragen beschränkt.

Das Problem für die FPÖ: Kurz besetzt diese Themen genauso und gibt seinen Anhängern weniger das Gefühl, im rechten Eck zu stehen. Kurz hat in der Flüchtlingskrise eine klare Haltung an den Tag gelegt, Merkels Flüchtlingspolitik kritisiert und sich für die Schließung der Balkan-Route eingesetzt, was er in fast jedem Interview gebetsmühlenartig wiederholt. Sein neues Ziel: die Schließung der Mittelmeerroute. Das kommt an. Dieser harte Kurs macht vor allem Strache zu schaffen. Der Rechtspopulist beklagt den Themenklau - Machtmensch Kurz beobachtet das genüsslich.

Große Koalition gilt als verbrannt

Aber auch wenn Kurz in Umfragen vorne liegt: Die Wahrscheinlichkeit, dass die rechtspopulistische FPÖ in Zukunft mitregiert sei groß, meint Politikberater Thomas Hofer: "Ich glaube, die FPÖ ist näher an der Macht denn je. Jetzt ist es so, dass sich die große Koalition eigentlich selber ad absurdem geführt hat und diese Option selber nicht mehr als realistisch sieht. Und deshalb ist die Chance auf eine Regierungsbeteiligung, egal ob mit der SPÖ oder der ÖVP, deutlich gestiegen - nicht die Chance auf die Kanzlerschaft, aber die Chance, zumindest als Junior-Partner der nächsten Bundesregierung anzugehören."

Jahrzehntelang war die große Koalition politische Gewissheit in Österreich, mittlerweile wird sie von den meisten Österreichern mit Stillstand, mit Durchwurschteln und Postengeschachere assoziiert. Und ein "Weiter so!" will nicht so recht passen zu dem Aufbruch-Image, dass sich die Kandidaten verpasst haben. Ein Bündnis mit den Rechtspopulisten schließen weder Sozialdemokraten noch Konservative aus. Und so wird die FPÖ nach der Wahl im Oktober wohl auch im Bund mitregieren. Hält der Hype, wohl mit Kurz als Kanzler. Der Stilwechsel ist vollzogen. Die politische Zeitenwende steht Österreich noch bevor.

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