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Aufruhr im Bällebad

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Wahl der Grünen-Fraktionsspitze - Aufruhr im Bällebad

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Mit ihrer Kandidatur könnten Cem Özdemir und Kirsten Kappert-Gonther nicht nur die Amtsinhaber treffen. Auch das Bild einer porentief harmonischen Partei könnte Schaden nehmen.

Katrin Göring-Eckardt, Cem Özdemir, Kirsten Kappert-Gonther
Quelle: dpa

Montagmittag sprach Annalena Baerbock sehr ausführlich über das Klimapaket der Bundesregierung. Eine halbe Stunde lang bewertete sie einzelne Maßnahmen wie auch die Gesamtperformance, sie nahm sich Zeit. Zum Abschluss wurde sie zur Wahl der Grünen-Fraktionsspitze am Dienstag befragt: welchen Ausgang sie sich wünsche, wie sie mit der bisherigen Spitze zusammengearbeitet habe. Dazu sei nun wirklich alles gesagt, sagte Baerbock. "Das ist ein demokratisches Verfahren, man werde danach gemeinsam weiter als Team zusammenarbeiten. "Und deswegen beenden wir hiermit diese Pressekonferenz."

Özdemirs überraschende Kandidatur

Dass viele Grüne aber auch wirklich gar keine Lust haben, über dieses Thema zu sprechen, ist nachvollziehbar. Von Umfragehoch zu Umfragehoch war die Partei seit der Bundestagswahl gesurft, unterstützt durch grüne Themenhochkonjunktur und angeführt von einer Parteispitze, die den wohligen Duft der Harmonie verströmte. Ob ihre durchaus kunstvoll zelebrierte Wir-mögen-uns-wirklich-Attitüde dabei noch mehr potenzielle Wähler überzeugte als die zweite Nachkommastelle bei der EEG-Umlage, mag empirisch schwerlich nachweisbar sein - klar ist jedoch: Die Grünen hatten sich strategisch bestens eingerichtet in ihrem Raum hermetischer Harmonie. Eine Art politisches Bällebad, ganz in grün, in dem ihnen scheinbar nichts und niemand wehtun konnte.

Bis Cem Özdemir und Kirsten Kappert-Gonther sich für den Fraktionsvorsitz bewarben. Viele in Partei und Fraktion werteten das als grobe Ungehörigkeit. Ausgerechnet nachdem jüngst die Wahlen in Sachsen und Brandenburg kaum mehr gekannte Dämpfer brachten, drohe das Herausforderer-Duo die grüne Außenwirkung zu beschädigen. Als besonders schamlos empfanden es dabei manche, dass das Duo bei der Fraktionsklausur jüngst in Weimar nichts von seinem Plan erkennen ließ. Aufruhr im Bällebad.

Hofreiter demonstriert Einigkeit

Wir versuchen in der Fraktion möglichst geschlossen und gemeinsam zu agieren - und das ist uns, wenn ich mir die letzten zwei Jahre anschaue, glaube ich gar nicht so schlecht gelungen.
Anton Hofreiter

"Ich glaube, man freut sich nie, wenn man Gegenkandidaten bekommt", sagte einer der beiden Herausgeforderten, Anton Hofreiter - um gleich nachzuschieben: "im ersten Moment. Aber man muss ehrlicherweise sagen: Natürlich gehört’s selbstverständlich in einer Demokratie dazu, dass mehrere Menschen um einen Platz kandidieren."

Natürlich, selbstverständlich ist vorstellbar, dass er und Katrin Göring-Eckardt auf diesen speziellen Nachweis praktizierter Demokratie ehrlicherweise hätten verzichten können, weil erst dadurch der Vorwurf medial breitgetreten wurde, unter ihnen sei die Fraktion zu wenig wahrnehmbar, sie gingen zu wenig auf einzelne Fraktionsmitglieder ein. "Wir versuchen in der Fraktion möglichst geschlossen und gemeinsam zu agieren - und das ist uns, wenn ich mir die letzten zwei Jahre anschaue, glaube ich gar nicht so schlecht gelungen", sagt Hofreiter zu den meist anonym geäußerten Vorhaltungen, "aber selbstverständlich kann man sich darum auch immer noch weiter bemühen".

Abstimmverhalten wohl über Kreuz

Es ist in jedem Statement die Behutsamkeit herauszuhören, mit der die Wettbewerber agieren. Auch die Herausforderer führen eher einen Wattebauschwahlkampf. Die vielen weltweiten Herausforderungen erforderten Antworten, begründete Özdemir seine Kandidatur: "Wir bringen die Kompetenz  mit, gerade hier in der Fraktion, mit 67 großartigen Abgeordneten - aber ich glaub‘, da geht noch mehr." "Ich wünsche mir, dass wir diskursiver werden", ergänzt Kappert-Gonther, es sei wichtig, "dass wir mit der gesamten Stärke der Fraktion diese schwache Bundesregierung noch stärker konfrontieren". Alle betonen, man wolle einen fairen Wettbewerb. Geradezu greifbar: Niemand will nachher verantwortlich sein für einen bleibenden Schaden im mühsam austarierten Beziehungsgeflecht von Partei, Fraktion, Linken und Realos.

Apropos: Die Flügelhistorie hat zu einer speziellen Wahlprozedur geführt - und nun dazu, dass Vertreter der einzelnen Lager wohl gegen die ihnen politisch näherstehenden Kandidaten stimmen: Özdemir-Unterstützer, in aller Regel Realos, werden im ersten Wahlgang für die linke Kappert-Gonther stimmen. Unterstützer von Hofreiter, der Frontfigur des linken Flügels, gegen sie.

Wie gehen die Grünen mit dem Ausgang um?

Fazit: alles ziemlich kompliziert. Und so mochte sich kaum jemand öffentlich positionieren. Wer prominente Grüne nach einer direkten Wahlempfehlung fragte, wurde meist angeschaut wie jemand, der einem Veganer einen Mettigel im Speckmantel anbietet: Danke nein, aber ganz sicher nein. 

Spannend wird neben dem Wahlausgang - viele erwarten ein knappes Rennen - der Umgang mit dem Ergebnis. Denn wie unverwüstlich die viel gepriesene grüne Geschlossenheit tatsächlich ist, wird sich wohl erst danach zeigen. Denn es wird Verlierer geben - und mindestens: einen feinen Riss durch die Fraktion.

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