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Kommentar zum Bericht des IPCC - Nach uns die Sintflut?

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Der Sonderbericht des Weltklimarates IPCC warnt, dass sich die Erde schneller erwärmen könnte, als bisher gedacht. Dazu ein Kommentar von Özden Terli aus der ZDF-Wetterredaktion.

Özden Terli, Eisschollen
Meteorologe und ZDF-Wettermoderator Özden Terli mahnt zum Handeln gegen den Klimawandel. Quelle: ap / ZDF, R. Rossival

Der lange erwartete Sonderbericht des Weltklimarates liegt nun vor. Und wer hätte es gedacht: die Wissenschaftler mahnen drastische Schritten an. Das ist allerdings nichts Neues. Wirklich überraschend ist der Bericht auch nicht. Dennoch ist er einer der wichtigsten Berichte überhaupt. Er zeigt: entweder setzen wir alles - und das bedeutet auch wirklich "alles" - daran, bis Ende des Jahrhunderts höchstens die 1,5 Grad zu erreichen. Oder hunderte Millionen Menschen müssen sich auf extreme Bedingungen einstellen, die ihre Existenz gefährden.

Wir hatten einen Vorgeschmack, ganz speziell in Deutschland, wie sich der Klimawandel anfühlt. Dieser Sommer, der bereits im April losging und der, genau gesagt, immer noch anhält. Immer noch werden 26 Grad erreicht in dieser Woche.
Ja, klar: Wetter ist kein Klima. Aber wir wissen sehr genau, dass das Jahr 2018 völlig anders gelaufen ist, als die Jahre zuvor. Auf nationaler, europäischer Ebene und global. So steckt der Jetstream, das Starkwindband, dass die Tiefs bewegt - oder auch nicht, wie eben in diesem Jahr -, wieder fest. Das ist ganz so wie im Sommer und beschert uns damit einen durchaus angenehmen Altweibersommer.

Anomalien lösten Extremwetter aus

Aber ganz so einfach können wir uns das nicht machen. Denn diese Art des Feststeckens, diese Art der Anomalie löst Extremwetter aus. Während bei uns die Sonne scheint, gelangen mit Tiefs warme und feuchte Luftmassen in die Arktis. Und das ist schlecht. Die Eisbildung wird gestört. Das Fehlen des Eises wirkt wiederum auf den Jetstream und verändert seine Lage - es wird klar, das System verstärkt sich. Von diesen Vorgängen gibt es noch zahlreiche andere, die ausnahmslos alle das Eis in der Arktis weiter abschmelzen.

Wissenschaftler wissen mittlerweile sehr viel, es mangelt nicht an Erkenntnissen über die Veränderungen. Bestimmte Eliten haben sich aber dazu entschlossen das Problem zu ignorieren. Dazu gehört die Ölindustrie, die bereits Ende der Siebzigerjahre eigene Wissenschaftler beauftragte, wie sich das Verbrennen fossiler Brennstoffe auf die Atmosphäre auswirkt. Ganz vorn mit dabei der Konzern Exxon. Die Wissenschaftler fanden heraus, was sie herausfinden mussten: Die vom Menschen emittierten Treibhausgase sorgen für eine zusätzliche Erwärmung - und die Produkte der Ölindustrie sind dafür verantwortlich.

Interessen der Instustrie stehen über Bedürfnissen

Anstatt die Ergebnisse zu veröffentlichen oder gar im Sinne des Klimaschutzes zu verwenden, wurden sie geheim gehalten. Im Jahr 1989 startete der Konzerne eine Kampagne, um Falschinformationen zu streuen, Wissenschaftler zu diskreditieren und den Klimaschutz zu unterminieren. Dazu wurden sogenannte Thinktanks finanziert. Das teilte der Konzern selbst mit. Ähnliches passiert immer noch, zum Beispiel durch das"Koch-Imperium" in den USA. Die Interessen der Industrie wurden - und das ist bis heute so - über das grundlegende Bedürfnis der Menschen gestellt: eine saubere funktionierende Biosphäre, die Grundlage unserer Existenz ist. Politisch unterstützt wird das in den USA durch eine Präsidenten Donald Trump, der aus dem Pariser Klimaabkommen ausgestiegen ist und unter anderem die Kohleförderung wiederbelebt. Dabei ist gerade Kohleförderung ein wirklicher Klimakiller.

Kohle hat sich in Zeitspannen von zehn bis 100 Millionen Jahren gebildet hat, wodurch das Kohlendioxid der Atmosphäre entzogen wurde. Man muss also kein Experte sein, um zu verstehen, dass ein massives Verbrennen der Kohle- und Ölreserven innerhalb von 150 bis 200 Jahren eine denkbar schlechte Idee gewesen ist. Somit wird also das Kohlendioxid wieder in die Atmosphäre geblasen. Damit verändern wir die Zusammensetzung der Atmosphäre, wir gestalten sie regelrecht neu. Bis heute hat sich die Erde um etwa ein Grad im Vergleich zur vorindustriellen Zeit erwärmt, und das hat bereits Auswirkungen, die unumkehrbar sind. Das Kohlendioxid bleibt aber viele hunderte Jahre in der Atmosphäre und wirkt weiter.

Überraschungen im Klimasystem

Klimawissenschaftler gehen davon aus, dass im System Erde mehrere Kipppunkte vorhanden sind, können jedoch noch nicht genau sagen, wann diese Punkte erreicht sind - ein enormes Risiko. Denn ist ein Kipppunkt überschritten, setzt sich ein sich selbst verstärkender Prozess in Gang. Dieser würde unser Bemühen, eine katastrophale Erwärmung einzuschränken, zunichtemachen. Diese Kippunkte sind unter Umständen gleichzeitig erreicht, es gibt also keine Zeit ein Problem nach dem Andern zu lösen. Es überrollt uns - was sich mit einer weiteren Erwärmung drastisch erhöht.

Die Klimakrise betrifft nicht nur die Menschen in Bangladesch oder auf fernen Südseeinseln. Sie trifft alle Menschen - ob arm oder reich, ob am Polarkreis oder am Äquator, auf den Bergen oder in einem Flussdelta. Im Jetzt oder in der Zukunft und zwar von unserer Generation aus gesehen: alle. So gewaltig ist das Problem, und die Krise überholt uns rechts, wie links - ohne das wir überhaupt mit dem Klimaschutz begonnen hätten. Die Auswirkungen sind heftiger und gewaltiger, als es vor Jahren prognostiziert wurde. Es gibt ein krasses Auseinanderklaffen, zwischen dem, was Wissenschaftler sagen, mahnen und aufgrund ihrer Arbeiten befürchten, und dem, was weltweit für den Klimaschutz getan wird.

Die niederländische Wissenschaftlerin Helen de Coninck ist eine Leitautorin des IPCC-Berichtes und sagt dazu: "Das Leben der Menschen wird nie wieder so sein wie zuvor, so oder so" - also ob wir uns anpassen und das 1,5-Grad-Ziel ernst nehmen oder ob wir uns auf drei bis vier Grad zubewegen. Es kommt auf die nächsten Jahre an. Für die kommenden Generationen wird alles, was uns heute so wichtig erscheint keine Rolle spielen. Sie werden wissen wollen, "was habt ihr für den Klimaschutz getan?" Daran werden wir alle gemessen werden. Das Zeitfenster ist klein, aber das Ruder können wir noch herum reißen - für uns und für unsere Kinder.

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