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Stellvertreterkrieg am Euphrat - Syrien zwischen allen Fronten

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Türkische Truppen feuern auf Afrin. Die syrische Regierung rüstet die dortigen Kurden auf. Und im Hintergrund ziehen die USA und Russland ihre Strippen. Wer will was in Syrien?

Mehrere Gebiete Syriens sind derzeit noch heftig umkämpft. Im Südwesten kämpfen islamistische Milizen und andere Rebellengruppen gegen das Regime von Syriens Diktator Assad. Hunderttausende Menschen sind in Ost-Ghuta eingekesselt.

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Geradezu friedlich fließt der Euphrat - mitten durch Syrien. Doch die Idylle trügt. Denn entlang des geschichtsträchtigen Gewässers verläuft die Frontlinie zwischen den Großmächten, die sich wie zu Zeiten des Kalten Krieges einen Stellvertreterkrieg leisten: Westlich des Euphrat liegt der Einflussbereich Russlands, den Osten kontrollieren die USA. Beide rüsten Milizen auf, liefern Waffen und Know-How oder kämpfen gar mit eigenen Truppen und Kampfjets um Einfluss in Syrien.

Doch gerade verschiebt sich diese Frontlinie – zu Ungunsten der USA. Denn die mit den Amerikanern verbündeten Kurden müssen sich gegen einen neuen Feind auf syrischem Territorium wehren: Recep Tayyip Erdogan. Dessen Panzer rollen auf Afrin zu, reiben die kurdischen Kämpfer in der Region auf. Die türkische Armee ist ihnen technisch haushoch überlegen – den Kurden bleibt nichts anderes übrig, als Verstärkung aus anderen Landesteilen zusammenzuziehen.

Karte mit dem Grenzgebiet zwischen Türkei und Syrien mit den Flüssen Euphrat und Tigris und den Städten Afrin, Damaskus und Deir ez-Zor
Karte mit dem Grenzgebiet zwischen Türkei und Syrien mit den Flüssen Euphrat und Tigris und den Städten Afrin, Damaskus und Deir ez-Zor
Quelle: ZDF

Erdogans Armee feuert auf Verbündete der USA

Die Motive der türkischen Regierung hinter der Invasion sind klar: Ankara will auf jeden Fall verhindern, dass die Kurden noch stärker werden. 2019 sind Präsidentschaftswahlen, innenpolitisch kann Erdogan mit dem Angriff auf die Kurden punkten, wie ZDF-Korrespondent Uli Gack berichtet. Seit langem sorgt sich die Türkei über den steigenden Einfluss der Kurden an der Südgrenze. Im Nordirak haben sie bereits offen für eine Unabhängigkeit gestimmt. Gleichzeitig rüsten die USA die kurdische YPG in Syrien hoch. Sie sind der schlagkräftigste Teil der Syrisch Demokratischen Kräfte (SDF) und der Hauptverbündete im Kampf gegen den sogenannten Islamischen Staat (IS).

Politisch und militärisch erstarkte Kurden, da schrillen in Ankara die Alarmglocken. Denn zumindest dort bezweifeln sie, dass die YPG mit ihren Waffen ausschließlich auf IS-Kämpfer feuert: Für die türkische Regierung ist die YPG eine Terrororganisation, der bewaffnete Arm der PKK, die sie auf keinen Fall dulden kann – deswegen der Einmarsch in Afrin. Dass das NATO-Mitglied Türkei damit die Interessen der USA konterkariert und einen Verbündeten im Kampf gegen den IS unter Feuer nimmt, ist für die Regierung Erdogan offensichtlich zweitrangig.  

US-Flanke am Euphrat gerät unter Druck

Wie weit die Auswirkungen der türkischen Offensive reichen, zeigt sich etwa 300 Kilometer südwestlich: Dort reißt die Verlegung der kurdischen Truppen nach Afrin ein Loch in die US-Flanke am Euphrat. Von den USA protegierte Truppen sollen deswegen heftig attackiert worden sein.

Verbündete Milizen des Assad-Regimes, die von Russland gestützt werden, sollen sogar auf das Hauptquartier der Syrisch Demokratischen Kräfte (SDF) im Euphrat-Tal vorgerückt sein. Auch Mitglieder der Anti-IS-Koalition hätten dort unter Beschuss gestanden. Um sie zu verteidigen, so verlautete aus Washington, stiegen Kampfflugzeuge auf, Jets der Anti-IS-Allianz. Im folgenden Bombenhagel um den Ort Deir ez-Zor starben mehr als 100 regierungstreue Kämpfer, meldete die Allianz. Syrische Militärs zählten sogar mehr als 150 Tote und sprachen von einer Aggression der USA.

Kalter Krieg im 21. Jahrhundert

Wie fragil und unübersichtlich die Lage in Syrien ist, zeigt sich einmal mehr an den Ereignissen um Deir ez-Zor und Afrin. Denn während das Assad-Regime in Deir ez-Zor offenbar SDF-Truppen angriff, lieferte es Unterstützung an die YPG-Truppen in Afrin, um sich gegen die türkische Invasion zu wehren. Damit werden die SDF nun über die YPG von Assads Armee unterstützt – und gleichzeitig von den USA, die Assad absetzen wollen.

Hinter diesem strategischen Wirrwarr steht vor allem das Leid der syrischen Bevölkerung. Gleichzeitig zeigt es, wie viele Streitigkeiten inzwischen auf syrischem Boden ausgetragen werden – und das ist brandgefährlich: Nicht auszudenken, wenn sich amerikanische und russische Kräfte einmal direkt beschießen sollten: Kalter Krieg im 21. Jahrhundert.

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