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Liberale Politik in der Kritik - Oh, wie schön ist Kanada?

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Das Klischee von Kanada als weltoffene Einwanderungsnation passt nicht ganz zu dem, was unsere Reporterin vor Ort erlebt. Ein Erfahrungsbericht.

Inglis Falls in Kanada
Inglis Falls ist einer der drei Wasserfälle, die die Stadt Owen Sound in Ontario, Kanada, umgeben. Quelle: Anna-Maria Schuck

Woran denken Sie, wenn Sie "Kanada" hören? Beeindruckende Landschaften? Freundliche, aufgeschlossene Menschen? Eine erfolgreiche Einwanderernation? Vielleicht sogar: Justin Trudeau? Das ist doch dieser liberale, smarte, moderne und – geschenkt – gutaussehende kanadische Premierminister, oder?

Sie sind nicht allein mit Ihrer Meinung. Kürzlich ist Kanada in einer Studie der Marktforschungsagentur Ipsos auf Platz 1 der Länder und Institutionen mit dem positivsten Einfluss auf die Welt gewählt worden. Immerhin: Auf Platz 3 liegt demnach Deutschland. Die USA landen abgeschlagen auf Platz 12. Kanadische Städte werden regelmäßig unter die lebenswertesten Städte der Welt gewählt. Und: Kanada gehört zu den beliebtesten Reisezielen der Deutschen.

Oft wird Kanada als das Land porträtiert, das Populismus und Nationalismus trotzt, ein erfrischendes Gegengewicht zu Trump-Amerika im Süden. Aber seien wir ehrlich: Das ist nur die halbe Wahrheit.

Trudeau ist "eine Katastrophe für unser Land"

"Trudeau ist ein Kleinkind. Viel zu idealistisch, viel zu unerfahren. Den kann man doch nicht ernst nehmen!", sagt Gary Smith, der seinen echten Namen lieber nicht online lesen möchte. Die Redaktion hat diesen deshalb geändert. Der 76-Jährige nimmt einen kräftigen Schluck aus seinem Cocktailglas, als wollte er sich selbst beruhigen. "Nein, ehrlich, der Mann ist eine Katastrophe für unser Land!" Wir sitzen auf dem kleinen Balkon der Smiths in der Kleinstadt Owen Sound am Huronsee, einem der fünf Großen Seen Nordamerikas, drei Autostunden von Toronto entfernt.

Wald bei Owen Sound, Kanada
Idyllisch - umgeben von Wald - liegt die Kleinstadt Owen Sound am Huronsee, einem der fünf Großen Seen Nordamerikas. Quelle: Anna-Maria Schuck

"Cheers!" Ein Prost auf die Einbürgerung seiner Tochter Meredith. Seit gestern ist die 44-Jährige offiziell US-amerikanische Staatsbürgerin. Ob das die stolzen kanadischen Eltern nicht schmerzt, will ich wissen. "Nicht im geringsten", erklärt Shirley Smith (74 Jahre alt, Name wurde geändert) pragmatisch. Ihre Tochter habe in Washington, D.C. studiert, ihren Mann kennengelernt, ihren Sohn Jack bekommen. "Seien wir ehrlich: Sie wird nie zurückkommen. Kanada ist ihr einfach zu sozialistisch."

"Kanada ist ihr einfach zu sozialistisch"

Zu sozialistisch? Kanada? Es ist schwer zu glauben. Meredith arbeitet als Politikberaterin für die US-Republikaner - "aus Überzeugung", wie ihre Eltern sagen. Zu ihren berühmten Klienten gehörte New Jerseys ehemaliger Gouverneur Chris Christie, der gerne republikanischer Präsidentschaftskandidat geworden wäre und dann von Donald Trump geschlagen wurde.

"Verstehen Sie mich nicht falsch", sagt Gary. "Ich mag den Stil von Donald Trump nicht, aber ich mag seine Wirtschaftspolitik. Dieser Mann versteht sein Handwerk." Noch lieber mag Gary Kanadas Ex-Premierminister Stephen Harper, Trudeaus konservativen Vorgänger: "Dieser Mann war ein guter, pragmatischer Manager. Er hätte wiedergewählt werden sollen!" Wurde er aber nicht. Nach fast zehn Jahren im Amt war 2015 Schluss für Harper.

Wie Kanadier über Trudeaus Politik denken

Kritik an Trudeaus "Multikulti-Ansatz"

Einer von Harpers ehemaligen Weggefährten sorgt in diesen Tagen für eine neue Debatte über die kanadische Seele: Maxime Bernier. Der konservative Abgeordnete war unter anderem Außen- und Wirtschaftsminister in den Harper-Regierungen - und gilt immer noch als sehr einflussreich. Auf Twitter attackierte er kürzlich Premierminister Trudeau für dessen progressiven "Multikulti-Ansatz". In seiner Eröffnungsrede zum berühmten Danforth-Food-Festival in Toronto Anfang August feierte Trudeau einmal mehr die Vielfalt Kanadas: "Unsere Unterschiede sind Grund für unsere Stärke, nicht für unsere Schwäche!"

Maxime Bernier am 01.08.2018 in Ottawa
Der konservative Abgeordnete Maxime Bernier attackierte die Politik von Premierminister Trudeau. Quelle: picture alliance / empics

Berniers harsche Erwiderung: "Ja, Kanada ist ein großes und vielfältiges Land. Diese Vielfalt ist Teil von uns und sollte gefeiert werden. Aber wo ziehen wir eine Grenze?" Seiner Meinung nach sei der soziale Zusammenhalt Kanadas in Gefahr. "Trudeaus extremer Multikulturalismus, sein Diversitäts-Kult werden uns in kleine Stämme spalten, die immer weniger gemeinsam haben. (...) Wenn alles kanadisch ist, was bedeutet das dann noch?" Berniers Meinung nach sollte sich Kanada auf die eigenen kulturellen Traditionen besinnen und auf das, was Kanada von anderen Kulturen unterscheide.

Die Luft für die Liberalen wird dünner

Bernier trifft damit einen Nerv. Ja, es gibt immer noch viele, besonders in der frankophonen Provinz Québec, die Trudeau unterstützen. Aber ein Jahr vor den nächsten Parlamentswahlen schrumpft sein Vorsprung auf die Konservativen gewaltig. In den jüngsten Umfragen liegt Trudeaus liberale Partei knapp unter 35 Prozent; die Konservativen kommen auf etwas über 34 Prozent. Knapper könnte der Unterschied kaum sein.

Panorama der Stadt Toronto in Kanada
Kanadische Städte werden regelmäßig unter die lebenswertesten Städte der Welt gewählt, auch Toronto. Quelle: Anna-Maria Schuck

Selbst in der Provinz Ontario mit ihrer progressiven, multikulturellen Hauptstadt Toronto ist mit Doug Ford kürzlich ein äußert umstrittener, Hardcore konservativer Premier gewählt worden. Zu seinen ersten Amtshandlungen gehörte es, den progressiven Sexualkundeunterricht in Schulen umzukrempeln und sein Wahlkampfversprechen "a buck a beer" - ein Dollar pro Bier - einzulösen.

Rechtsextreme Gruppen patrouillieren an der Grenze zu den USA

Eine andere Entwicklung, die es nur selten in Medien außerhalb Kandas schafft, ist eine, die an der Grenze zu den USA spielt, übrigens die einzige Landesgrenze Kanadas. Seit einigen Monaten patrouillieren hier an verschiedenen Stellen selbst ernannte "Patrioten", Mitglieder ultrarechter Milizen. Ihr Ziel: Flüchtlinge, die vor Trumps restriktiver Einwanderungspolitik gen Norden flüchten und ihr Glück in Kanada suchen, abschrecken.

Die rechtsextreme Bewegung in Kanada habe damit eine neue Qualität erreicht, erklärt Barbara Perry, Rechtsextremismusforscherin an der Universität von Ontario. "Das Ganze unterscheidet sich stark von dem, was wir bislang in der Szene beobachten konnten. Diese Entwicklung ist beunruhigend!"

"Wir sind nicht immun gegenüber Populismus und Extremismus"

Mindestens 100 rechtsextreme Gruppen gebe es im Moment in Kanada, manche haben nur einzelne Mitglieder, andere Dutzende. Die meisten seien gegen die liberale Regierung in Ottawa, gegen den Islam per se - und erst recht gegen Einwanderung. "Sie sind größer und aktiver, als die meisten Leute denken", sagt Perry. Viele Gruppen hätten sich unmittelbar nach der Wahl von Trudeau gegründet.

Archiv: Justin Trudeau am 12.07.2018 in Brüssel
Nicht jeder Kanadier steht hinter dem liberalen Kurs von Kanadas Permierminister Justin Trudeau. Quelle: ap

"Wir sind nicht immun gegenüber Populismus und Extremismus", sagt Rob Russo, Leiter des Hauptstadtbüros der Canadian Broadcasting Corporation, dem führenden Nachrichtensender Kanadas. Der bisherige gesellschaftliche Konsens, dass Einwanderung eine Erfolgsgeschichte sei, "wird hier immer öfter in Frage gestellt."

Hinweis der Redaktion: Anna-Maria Schuck arbeitet im Rahmen des Arthur F. Burns Fellowships als Gastredakteurin bei der Canadian Broadcasting Corporation in Toronto.

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