Sie sind hier:

100 Jahre Oktoberrevolution - "Die Macht lag auf der Straße"

Datum:

Ausgerechnet in Russland, einem sehr armen Agrarland, fand die erste kommunistische Revolution statt. Warum sie erfolgreich war, erläutert der Historiker Jan Claas Behrends.

Russische Oktoberrevolution
Petrograd: Russische Oktoberrevolution Quelle: Russisches Staatsarchiv/ap/dpa

heute.de: Vor 100 Jahren gab es zwei Revolutionen in Russland. Warum war erst die zweite, die bolschewistische Oktoberrevolution, erfolgreich?

Jan Claas Behrends: Wir betrachten heute das ganze Jahr 1917 als einen revolutionären Prozess, der im Februar mit der Absetzung des Zaren beginnt, sich über den Herbst bis in den Bürgerkrieg hineinzieht. Das waren alles Etappen einer Revolution. Und auch der Sieg der kommunistischen Bolschewiki war nur eine Etappe in der politischen Radikalisierung, bei der Revolutionsführer Wladimir Iljitsch Lenin dann die Macht übernahm. Die Ereignisse hatten zudem viel mit dem Ersten Weltkrieg von 1914 bis 1918 zu tun. Russland war 1917 nach drei Jahren Krieg am Ende seiner Kräfte.

heute.de: Warum aber waren ausgerechnet die kommunistischen Bolschewiki erfolgreich?

Behrends: Anfangs war ihr Sieg nur vorläufig. Sie übernahmen die Macht in der damaligen Hauptstadt Petrograd, die heute St. Petersburg heißt. Gleichzeitig löste sich der Staat in dem Riesenreich auf. Finnland, Polen, Georgien und die Ukraine versuchten, sich aus der kolonialen Umklammerung zu lösen. Die Bolschewiki mussten sich die Macht im größten Land der Erde erst erobern. Aber, das sagten die Bolschewiki selbst, 1917 habe die Macht auf der Straße gelegen. Lenin hatte die politische Entschlossenheit, beherzt zuzugreifen, und die Skrupellosigkeit, die Macht, als er sie erstmal in Händen hielt, mit allen Mitteln zu verteidigen.

heute.de: Warum ausgerechnet der Kommunist Lenin?

Behrends: Er war seit zehn Jahren unumstrittener Parteichef der Bolschewiki, auch wenn er sich im Exil aufhielt. Noch im Januar 1917 zweifelte er stark an der Revolutionsfähigkeit der Russen. Doch nachdem er im April 1917 aus der Schweiz nach Russland zurückgekehrt war, zeigte ihm sein politischer Instinkt, wie er diese Revolution selbst anführen konnte.

heute.de: Karl Marx und Friedrich Engels, die Begründer des Marxismus, haben ihre Gesellschaftsutopie auf der Grundlage einer kapitalistischen Wirtschaftsordnung entwickelt. Aber Russland war alles andere als kapitalistisch. Das russische Reich war ein armes Agrarland. Wie konnte es sein, dass in einem solchen Land die erste kommunistische Revolution gelang?

Behrends: Hier zeigt sich die Kluft zwischen Theorie und Praxis. Die marxistische Theorie sagt, dass die Revolution in den besonders fortgeschrittenen kapitalistischen Volkswirtschaften stattfinden wird. Doch die politische Wirklichkeit des 20. Jahrhunderts sah anders aus. Der Kommunismus war und ist dort erfolgreich, wo es große autoritäre Modernisierungsprojekte gab - in Russland, China, Vietnam, Kuba. Kommunistische Herrschaft eignet sich weniger für fortgeschrittene Länder, sondern ist ein Projekt von Eliten gewesen, die in eher weniger entwickelten Staaten versucht haben, zum Kapitalismus aufzuholen. 

heute.de: Und was ist mit der Utopie von der gerechten Gesellschaft, in der alle genug für ein gutes Leben haben und Hass und Missgunst ausgemerzt sein werden?

Behrends: Schon in seinem Hauptwerk, dem "Kommunistischen Manifest" von 1848, waren für Karl Marx die vollkommene Industrialisierung und Urbanisierung der Welt die Pfeiler seiner Utopie einer gerechten Gesellschaft. Und Lenin hat gesagt: Kommunismus ist Sowjetmacht und Elektrifizierung. Denn in den Weiten des Agrarreichs gab es damals keinen Strom.

heute.de: Es gehörte aber nicht zur kommunistischen Utopie, den vom Zaren zusammengerafften Kolonien beispielsweise am Schwarzen Meer oder in Asien, Freiheit zu gewähren?

Behrends: Die Kommunisten bedienten sich zwar der Rhetorik der nationalen Befreiung, aber schon im Frühjahr 1918 verhinderten die Bolschewiki, dass die Ukraine unabhängig wurde. Sie bedauerten auch, dass Teile Polens und Finnlands nicht mehr zurückzuholen waren. Hinter diesen Gedanken stand auch der Wunsch, die Revolution auf eine Weltrevolution auszuweiten.

heute.de: Warum konnte aus der Utopie des Kommunismus so etwas Schreckliches wie der Stalinismus entstehen, der Millionen Menschen das Leben kostete?

Behrends: Auch hier gibt es wieder den Unterschied zwischen Theorie und Praxis. Marx glaubte, dass der Staat unter kommunistischer Herrschaft absterben wird. In der Praxis war das niemals der Fall. Im Gegenteil, der Staat wurde unter den Bolschewiki zum Terrorregime ausgebaut. Die Diktatur versuchte bis ins private Leben, das Dasein der Menschen zu regulieren. Was Lenin begann, trieb Josef Stalin auf die Spitze, denn er verfügte über die passenden Instrumente wie die Geheimpolizei und den Ein-Parteien-Staat.

heute.de: Gehörte der Terror zur Durchsetzungsstrategie der Kommunisten?

Behrends: Lenin selbst bezichtigte die Imperialisten, wie er England, Frankreich oder Deutschland nannte, des millionenfachen Todes von Menschen im Ersten Weltkrieg. Warum sollte er nun Rücksicht nehmen? Das war die Logik der Weltkriegsepoche. Gewalt zur Durchsetzung politischer Ziele wurde damals als legitim angesehen.

heute.de: Das heißt, der einzelne Mensch galt nichts, nur die Masse Mensch, die ein Land mit Muskelkraft und Köpfchen modernisieren sollte?

Behrends: Der Einzelne galt etwas, wenn er eine Position innerhalb der Partei oder des Machtapparates innehatte. Arbeiter und Bauern aber waren Verfügungsmasse zum Aufbau des Kommunismus.

heute.de: Woran ist der Kommunismus gescheitert?

Behrends: Wer sagt, der Kommunismus sei gescheitert, nimmt eine sehr europäische Perspektive ein. Die Chinesen sehen das völlig anders. Ihre Regierung begreift sich noch immer als kommunistische Herrschaft. China ist extrem erfolgreich mit den höchsten Wachstumsraten in der globalisierten Welt. In Russland ist der Kommunismus gescheitert, weil er die autoritäre Modernisierung des Landes nicht durchsetzen und den Menschen kein besseres Leben bieten konnte. In China sind die Erfolge einer autoritären Modernisierung viel größer und der Wohlstand der Menschen ist gewachsen.

heute.de: Die Mehrheit der Balten, Polen, Tschechen jedenfalls sehnt sich keine Sekunde den Kommunismus zurück. Was ist in Europa vom Kommunismus übrig geblieben?

Behrends: Einiges aus den Diktaturzeiten. In Russland sind es die Geheimpolizei und die Armee. Diese Institutionen haben sich nicht wirklich gewandelt.

heute.de: Und was ist mit der marxistischen Kapitalismuskritik?

Behrends: Wieder sehen wir den Unterschied zwischen Theorie und Praxis. Kritisch über die eigene Gesellschaft nachzudenken, wie Marx es gemacht hat, ist eine große Tradition, die sich im 20. Jahrhundert fortgesetzt hat bei Antonio Gramsci, Theodor W. Adorno oder Jean-Paul Sartre. Gerade in der globalisierten Welt ist Gesellschaftskritik weiter notwendig. Aber der Kommunismus an den Schalthebeln der Macht war wahrscheinlich zu größeren Verbrechen in der Lage als die bürgerliche Gesellschaft.

heute.de: Warum?

Behrends: Weil die bürgerliche Gesellschaft stärker auf das Individuum und seine Rechte zielt. Menschenrechte sind der kommunistischen Diktatur bis heute fremd.

Das Interview führte Katharina Sperber

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert auf Mein ZDF! Abo beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert

Sie wechseln in den Kinderbereich und bewegen sich mit Ihrem Kinderprofil weiter.