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Opposition in Saudi-Arabien - Schlafende Hunde wecken

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Die USA schicken Truppen nach Saudi-Arabien. 1990 sollten schon mal US-Soldaten das saudische Königshaus gegen Invasoren schützen. Das verärgerte damals den jungen Osama bin Laden.

US-Soldaten währende der Operation Desert Shield in Saudi-Arabien 1990.
US-Soldaten während der Operation Desert Shield in Saudi-Arabien 1990 (Archivbild)
Quelle: ap

In den Augen vieler Muslime ist Saudi-Arabien nicht irgendein Land. Mit Mekka und Medina liegen dort die wichtigsten Wirkungsstätten des Propheten Mohammed. Und spirituell blieb die Hedschas-Region entlang der westlichen Küste Saudi-Arabiens immer ein wichtiger Bezugspunkt und Ort religiöser Gelehrsamkeit. Die Lebensweise der frühen muslimischen Gemeinde ist bis heute nicht nur für radikale Islamisten ein wichtiger Bezugspunkt.

Wer in Saudi-Arabien herrscht, die heiligen Stätten verwaltet, hat Macht in der gesamten muslimischen Welt. Die USA haben nun angekündigt, zusätzliche Truppen nach Saudi-Arabien zu entsenden – die genaue Zahl ist noch nicht bekannt. Nachdem eine Flugdrohne, womöglich iranischer Herkunft, Öl-Anlagen in Saudi-Arabien angegriffen hat, soll die US-Präsenz abschrecken. Eskaliert der Kalte Krieg mit dem Iran wäre Saudi-Arabien primäres Angriffsziel wie auch mögliche Operationsbasis der internationalen Koalition.

US-Stationierung beflügelte saudische Opposition

Auf externe Hilfe ist Saudi-Arabien nicht zum ersten Mal angewiesen, um die Herrscherfamilie mit ihren tausenden Prinzen und geschätzt hunderten Milliarden US-Dollar an Privatbesitz zu schützen. Als der Irak 1990 Kuwait besetzte und auch Öl-Quellen entlang der gemeinsamen Grenze mit Saudi-Arabien bedrohte, stationierten die USA im Rahmen der "Operation Desert Shield" mehr als 500.000 Soldaten.

Die Ankunft von Nicht-Muslimen auf heiligem Boden, zumal zum Schutz der heiligen Stätten selbst, erboste viele Muslime. Zwar verfasste der einflussreiche Geistliche Abd al-Aziz ibn Baz ein religiöses Edikt, das die Stationierung erlaubte, die religiöse Opposition im Land radikalisierte sich aber zunehmend. Der Schwarzmarkt für Audiokassetten mit regierungs- und amerikafeindlichen Inhalten blühte.

Als Reaktion auf die Angriffe auf zwei saudi-arabische Ölanlagen schicken die USA zusätzliche Streitkräfte in die Golfregion. Verteidigungsminister Mark Esper betonte, dieser Schritt sei reine Schutzmaßnahme.

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Eine "al-Sahwa al-Islamiya", das islamische Erwachen, genannte Bewegung um die konservativen Geistlichen Safar al-Hawali und Salman al-Auda forderte die saudische Regierung in den Jahren nach 1990 erstmals offen heraus. "Die Präsenz von US-Truppen - dazu noch Soldatinnen - auf Heiligem Boden war für die Sahwa so etwas wie das Thema Migration für die AfD. Sie wurden damit groß und sichtbar", berichtet Daniel Gerlach, Chefredakteur des Nahost-Fachmagazins zenith.

In einem Schreiben an das Königshaus verlangte die Sahwa die Etablierung religiös geprägter semidemokratischer Institutionen – ähnlich dessen, was viele Muslimbrüder in anderen Staaten fordern. Besagte Geistliche gehören bis heute zu den wichtigsten muslimischen Intellektuellen weltweit, wanderten aber auch immer wieder für ihre Kritik an der saudischen Regierung für Jahre ins Gefängnis. Salman al-Auda droht aktuell die Todesstrafe in Saudi-Arabien.

König schickte bin Laden in die Wüste

Einen anderen Ausweg aus der Krise bot 1990 Osama bin Laden dem saudischen König an. Frisch heimgekehrt vom Krieg gegen die sowjetische Besatzung Afghanistans, wollte bin Laden seine tausenden Gotteskrieger zur Verteidigung Saudi-Arabiens gegen Saddam Hussein einsetzen. Dass der damalige König Fahd die USA seinen Kämpfern vorzog, empfand bin Laden als Schmähung. Sein Hass auf die USA nahm dort einen wichtigen Anfang - in den Folgejahren verübte Al-Kaida die ersten Anschläge auf die "dreckigen, ungläubigen Kreuzritter", wie bin Laden die USA bezeichnete. Letztlich ist die Stationierung von US-Truppen 1990 fest verknüpft mit den Anschlägen vom 11. September 2001.

Heute ist Saudi-Arabiens Regierung besser gerüstet gegen interne Widersacher. Seit Jahren investiert der Staat Milliardensummen in den Ausbau digitaler wie analoger Überwachungstechnologie. 2016 richtete Riad mit Nimr al-Nimr den wichtigsten Führer der schiitischen Minderheit im eigenen Land hin. Im Osten des Landes, wo auch die wichtigsten Öl-Felder liegen, lebt auch die benachteiligte schiitische Minderheit. "Die Saudis fürchten, dass der Iran dort aktiv werden könnte und sie sich selbst dort nicht ausreichend verteidigen könnten", sagt Fachjournalist Gerlach. Auch deshalb wollte Saudi-Arabien eine US-Truppenpräsenz im Land. Der Iran führt das Vorgehen gegen Schiiten im sunnitisch dominierten Königreich immer wieder als Grund für seine Unterstützung schiitischer Gruppen auf der arabischen Halbinsel an.

Zwei Machtblöcke stehen sich am Persischen Golf gegenüber: der Iran und Saudi-Arabien. Der Drohnenangriff auf die saudischen Ölanlagen bedeutet eine weitere Eskalation.

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Sahwa hat noch immer Unterstützung in der Bevölkerung

Dass Saudi-Arabien zwar weltweit konservative islamische Bewegungen unterstützt, im eigenen Land dennoch gegen eine radikalislamische Opposition kämpft, ist nur scheinbar ein Widerspruch. Schließlich sind Kern dieses Konflikts weniger gesellschaftspolitische oder moralische Trennlinien als vielmehr die Frage, ob die Macht des Königshauses legitim ist. Die Aktivisten wollen nicht nur den aktuellen König vom Thron stoßen, sondern die Monarchie und den amerikanischen Einfluss in der Region gleich mit abschaffen.

"Die Reformer, die in Saudi-Arabien wohl die größte Unterstützung der Bevölkerung haben, sitzen im Gefängnis. Diese Figuren, vor allem die Vertreter der sogenannten Sahwa-Bewegung, sind mitunter politisch ziemlich radikal: anti-westlich, anti-amerikanisch, anti-schiitisch", sagt Nahost-Experte Gerlach. Die ideologisch ähnlich veranlagten Muslimbrüder hätten im Königreich eine große Anhängerschaft. "Die Sahwa ist sehr erfolgreich auf den Zug der Sozialen Medien aufgesprungen. Diese Twitter-Scheichs haben gezeigt, dass die Bewegung in viele Richtungen wandlungsfähig und einflussreich ist. Sogar der Islamische Staat ließ sich von Vertretern der Sahwa inspirieren", betont Gerlach.

Umerziehungslager für Radikale

Während prominenten Regime-Kritikern jahrelange Einzelhaft oder gar die Hinrichtung droht, unterhält Saudi-Arabien für die Masse seiner politischen Gefangenen ein Gefängnis-System der besonderen Art: In fünf Anlagen mit insgesamt mehr als 5.000 Plätzen sollen verurteilte Terroristen, was im Königreich ein sehr weiter Begriff sein kann, wieder in die Gesellschaft eingegliedert werden. Mit Islamstudien unter Anleitung geprüfter Prediger, einem monatlichem Taschengeld in Höhe von hunderten Euro und umfangreichen Besuchsrechten für Angehörige, berichtet die New York Times. Wie erfolgreich dieses teure Programm ist, ist unklar. In unregelmäßigen Abständen kommt es auch in Saudi-Arabien zu Anschlägen dschihadistischer Kämpfer auf Einrichtungen der Regierung.

Viele saudische Dschihadisten seien in den Jemen abgewandert, das Netzwerk seit dem Tod bin Ladens geschwächt, erzählt Gerlach. "Andererseits haben dschihadistische Kräfte oft genung gezeigt, dass sie sich schnell wieder formieren können, anpassungsfähig und bereit zur Hinnahme großer Verluste sind. Die Präsenz von US-Truppen würde sicher wieder Diskussionen in den sozialen Medien auslösen und zum Thema in den Moscheen werden."

Krieg gegen den Iran geht nur mit den USA

Für das Königshaus der Al Saud ist das ein kalkuliertes Spiel mit dem Feuer. Auch den eigenen Truppen vertrauen sie nur begrenzt, zu sehr sind sie geschwächt von Günstlingswirtschaft, zu überfordert wirkten sie bislang damit, den Aufstand der Huthi-Milizen im verarmten Nachbarland Jemen dauerhaft niederzuschlagen. Und das, obwohl die Monarchie das dritthöchste Rüstungsbudget weltweit hat – laut dem schwedischen Forschungsinstitut SIPRI 67,6 Milliarden US-Dollar im Jahr 2018.

Saudi-Arabien weiß, dass es einen Krieg gegen den Iran nur mit Unterstützung der USA gewinnen kann – und ist sich bewusst, wie unbeliebt diese Allianz bei Teilen der eigenen Bevölkerung ist. Dass prominente Oppositionelle in den vergangenen Jahren vermehrt verhaftet wurden, liegt auch an den Kriegsvorbereitungen. Auf keinen Fall soll die Front gegen den Iran Brüche im eigenen Land erhalten.

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