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Orang-Utan-Baby gerettet - Taymurs erster schöner Tag

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Seiner Mutter entrissen, aus dem Regenwald geschmuggelt und unter Drogen gesetzt: Die Geschichte des Orang-Utan-Babys Taymur ist ein grausames Beispiel für den illegalen Wildtierhandel. Jetzt ist Taymur in einer Rettungsstation angekommen.

Menschenaffe Taymur sieht zum ersten Mal den Regenwald! Sein bisheriges Leben: Geschmuggelt, unter Drogen gesetzt, kalter Entzug. Doch das Martyrium ist vorbei – das ist seine Geschichte.

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"Taymur! Taymur!" Sanft lockend ruft der Fotograf das kleine Äffchen. Aber Taymur hört nicht. Der Orang-Utan sitzt hochkonzentriert auf der Rückbank eines Geländewagens und blickt aus dem Fenster. Seit Stunden zieht dort der Urwald vorbei, schlanke Baumriesen, schlammige Flüsse, endloses Grün. "Taymur", lockt der Fotograf: "Schau zu mir." Aber der Affe wendet den Blick nicht ab. Taymur sieht zum ersten Mal den Regenwald, er wirkt wie erstarrt, nur seine Augen wandern. Die Helfer haben ihren Schützling noch nie so aufmerksam erlebt.

Verletzt, traumatisiert, unter Drogen

Der Jeep mit dem stillen Äffchen kämpft sich von Schlagloch zu Schlagloch immer tiefer in den Dschungel des indonesischen Teils der Insel Borneo. Für Taymur geht auf der holprigen Piste ein Leidensweg zu Ende, der selbst hartgesottene Tierschützer frösteln lässt. Als Neugeborenes seiner Mutter entrissen, wurde Taymur außer Landes geschmuggelt und nach Kuwait verkauft. Bei einem Verkehrsunfall fällt das Orang-Utan-Baby der Polizei in die Hände. Es ist verletzt, traumatisiert und offensichtlich unter Drogen entsetzt.

Andreas Kynast
Andreas Kynast Quelle: ZDF/Jule Roehr

Er habe Taymur "aus Spaß" Rauschgift gegeben, gibt der Besitzer zu Protokoll. Der Mann ist selbst drogenabhängig und hat den Orang-Utan als Statussymbol erworben. In den Golfstaaten gilt es als hip, ein Wildtier zu besitzen. Aus der arabischen Presse erfahren die Tierschützer der Organisation "Borneo Orangutan Survival" (BOS) von Taymur. Sie beschließen, das damals vermutlich einjährige Baby zu retten und in seine Heimat zu holen. Das Äffchen haust in einem unwürdigen Käfig im Zoo von Kuwait und leidet unter kaltem Drogenentzug. Zu Taymurs Verhaltensauffälligkeiten gehört außerdem die Angst vor Menschen.

Papierkrieg um Taymur dauert fast ein Jahr

Der Handel mit exotischen Wildtieren ist ein Geschäft, das kriminelle Banden genauso skrupellos und mafiös betreiben wie den Drogen- oder den Menschenhandel. Seltene Arten gelten als besonders gewinnträchtig. Für die vom Aussterben bedrohten Orang-Utans ist der Schmuggel eine Katastrophe. "Es gibt ja nicht mehr viele", sagt Daniel Merdes von BOS Deutschland: "Orang-Utan-Mamas gebären nur ein Baby und wenn es gestohlen wird, wird die Mutter meistens getötet. Aber jeder Orang-Utan zählt."

Der Papierkrieg um Taymur dauert fast ein Jahr. Und die Heimreise, die der kleine Orang-Utan im April endlich antritt, wird noch einmal all seine Kraft kosten. Dreißig Stunden muss Taymur in einer hüfthohen Kiste durchhalten. Ein erfahrener Tierarzt begleitet ihn. Als der Affe auf dem Flughafen von Jakarta ankommt, ist er schwach und desorientiert. Liebevoll nehmen ihn die Tierschützer in ihre Obhut. Taymur ist zurück in seinem Herkunftsland, aber immer noch nicht am Ziel.

Die letzte Etappe auf Taymurs Weg in die Freiheit wird vier weitere Monate dauern. So lange muss der Orang-Utan in Quarantäne durchhalten und Impfungen und Untersuchungen über sich ergehen lassen. Wieder ist die Unterkunft provisorisch - ein Freizeitpark in der indonesischen Hauptstadt. "Seine Traumatisierung ist unvorstellbar", sagt BOS-Chef Jamartin Sihite: "Es ist eine beispiellose Reise für einen Orang-Utan, der noch nicht einmal drei Jahre alt ist. Ein Alter, in dem Orang-Utans normalerweise noch sehr von ihren Müttern abhängig sind."

Blick in einen Himmel, den keine Gitterstäbe zerteilen

In der Nähe der Ortschaft Nyaru Menteng kommt der Geländewagen mit dem stillen Taymur endlich zum Stehen. Inmitten des Dschungels, umgeben von Vogelgezwitscher und einem imposanten Insektenkonzert, betreibt BOS eine Rettungs- und Aufzuchtstation. Auf einem Spielplatz toben Windeln tragende Baby-Orang-Utans herum. Ältere Artgenossen hangeln an Bäumen oder liegen dösend in der Sonne. Als das Autofenster, durch das er die ganze Fahrt lang geblickt hat, heruntergefahren wird, wagt sich Taymur hinaus. Ganz langsam und sehr vorsichtig.

Wenn er sich eingewöhnt hat, wird Taymur in die Affenschule gehen. Er muss lernen, was ihm seine Mutter nie beibringen konnte: Futter suchen, auf Bäume klettern, ein Nest bauen, Feinde erkennen. Vielleicht kann er eines Tages ausgewildert werden - in ein mit Spendengeldern erworbenes Gebiet, das vor Wilderern bewacht wird und vor Abholzung geschützt ist. Die Helfer sind zuversichtlich, denn Taymur ist zäh, clever und jetzt auch nicht mehr ängstlich.

Mit grenzenloser Erleichterung erleben die Tierschützer den Moment, in dem ihr argwöhnischer Schützling zu begreifen scheint, dass er in Sicherheit ist. Taymur flitzt über den Rasen, turnt zwischen den Seilen, schlürft aus einer Kokosnuss. Dann lässt er sich auf den Rücken fallen und blickt in einen Himmel, den keine Gitterstäbe zerteilen.

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