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Entscheidung oft bei Angehörigen - Schweres Erbe Organspende

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Dramatisch wenige lebensrettende Organe: Gesundheitsminister Spahn will die Organspende deshalb zum Normalfall machen. Bisher lastet die Entscheidung meist auf den Angehörigen.

Krankenschwester und Angehörige am Bett eines Patienten auf einer Intensivstation
Quelle: dpa

Etwa 10.000 Menschen warten in Deutschland auf eine neue Niere, Lunge oder ein neues Herz. Jeden Tag sterben drei von ihnen, weil für sie nicht rechtzeitig ein passendes Organ gefunden wird. Und die Zahl der Spender geht weiter zurück - auf knapp 800 im vergangenen Jahr. Um mehr Leben zu retten, will Gesundheitsminister Jens Spahn die Organspende zum Normalfall machen: Wer zu Lebzeiten nicht ausdrücklich widerspricht, soll Spender werden.

In neun von zehn Fällen müssen Angehörige entscheiden

Bisher ist es genau umgekehrt: Nur wenn ein Mensch zugestimmt hat, dürfen Organe und Gewebe nach Feststellung  seines Hirntods entnommen werden. Hat der Verstorbene seine Entscheidung nicht dokumentiert - beispielsweise durch einen Spenderausweis oder eine Verfügung - müssen die Angehörigen entscheiden. Nach Angaben der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) ist das derzeit die Regel, nämlich in neun von zehn Fällen.

Ein schweres Erbe für diejenigen, die zurückbleiben, und das sie in dem Moment antreten sollen, in dem Trauer und Schmerz besonders heftig sind. Und zudem in einem Augenblick, in dem der Hirntod des geliebten Menschen zwar diagnostiziert wurde, die Versorgungsgeräte sein Herz aber noch pochen und ihn lebendig erscheinen lassen.

"Es ist eine weitreichende Entscheidung, die jemand treffen muss für einen Menschen, den er nicht mehr fragen kann, und das in einer Situation, in der man eh schon emotional neben sich steht", sagte der Intensivmediziner Friedhelm Bach, der am Evangelischen Klinikum Bethel in Bielefeld seit Jahren als Transplantationsbeauftragter auch Angehörige betreut. 

Die Angst vor der falschen Entscheidung

Die Ablehnungsrate bei Hinterbliebenen sei in seinem Krankenhaus gestiegen, sagt Bach. Normalerweise liege die Zahl der Organentnahmen im zweistelligen Bereich, im vergangenen Jahr seien es lediglich zwei Fälle gewesen - er habe jedoch mehr als zehn Mal so viele Gespräche mit Hinterbliebenen geführt. Vor allem die persönliche Verunsicherung sei oft sehr groß - aus Angst, etwas Falsches zu tun, etwas, das nicht im Sinne des Verstorbenen sein könnte, sagten viele lieber Nein zur Organspende.

Tief beeindruckt hat Bach eine verzweifelte junge Mutter, die einer Organ-Entnahme ihres Mannes zustimmte, um dem plötzlichen Tod des 25-Jährigen "etwas Sinnhaftes" zu geben. Oder die Frau eines 87-jährigen Spenders, die sagte "Das war sein Wille, und dann ist es gut so". Ob Ja oder Nein - am wichtigsten sei, dass Angehörige mit der Entscheidung, die sie am Ende fällen, gut leben können und langfristig ihren Seelenfrieden finden.

Oft seien Angehörige auch schlicht nicht gut informiert, hat Andreas Molitor in seiner Arbeit festgestellt - er ist Transplantationsbeauftragter am Gemeinschaftsklinikum Mittelrhein in Koblenz, wo im Jahr etwa ein Dutzend Organ-Entnahmen durchgeführt werden. Mitunter spiele auch die Sorge eine Rolle, es werde nicht alles medizinisch Notwendige getan, um den Patienten am Leben zu erhalten.

Tod sollte zu Lebzeiten ein Thema sein

Hinterbliebenen sollte eine solche Entscheidung aber gar nicht erst zugemutet werden, sagt Molitor. "Wir müssen da raus", mahnt auch Friedhelm Bach vom Evangelischen Klinikum Bethel. Mit einer "Widerspruchslösung", wie sie Gesundheitsminister Spahn vorschwebt, komme das gesellschaftliche Tabu-Thema Tod zu Lebzeiten auf den Familientisch und zwinge dazu, sich damit intensiv auseinanderzusetzen.

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