Sie sind hier:

UNESCO-Entscheidung - Orgel ist Welterbe der Menschheit

Datum:

Sie gilt als "Königin der Instrumente", die Orgel - tief verwurzelt in der deutschen Kultur. Nun hat die UNESCO den Orgelbau zum immateriellen Kulturerbe der Menschheit erklärt.

Archiv: Ein Orgelbauer arbeitet am 23.03.2017 an der neuen Orgel in der Konzertkirche Neubrandenburg
Archiv: Ein Orgelbauer arbeitet am 23.03.2017 an der neuen Orgel in der Konzertkirche Neubrandenburg Quelle: dpa

Freunde der Orgelmusik wiegen sich im Hochgefühl. Was sie schon lange herbeisehnen, hat sich jetzt erfüllt: Orgelbau und Orgelmusik, in Deutschland so präsent wie sonst kaum irgendwo, gehören nun zum immateriellen Kulturerbe der Menschheit. Der zuständige Ausschuss der UNESCO nahm den deutschen Antrag auf seiner Sitzung auf der südkoreanischen Ferieninsel Jeju an.

Mehr als ein Kircheninstrument

"Nicht nur das Tun der Kulturschaffenden ist nun von höchster ethischer Instanz bestätigt", sagt der Musikwissenschaftler und Mitinitiator der Antrags, Michael Kaufmann, glücklich. Nun müsse die Anerkennung genutzt werden, damit "personelle und finanzielle Ressourcen für den Erhalt und die Fortschreibung des Instruments und seiner Kultur eröffnet werden". In der Verantwortung seien nicht nur die Kirchengemeinden als Eigentümer von Orgeln, sondern auch der Staat, der etwa die Ausbildung regele, sagt Kaufmann. Er lehrt an der Hochschule für Kirchenmusik der Badischen Landeskirche in Heidelberg und leitet dort ein Forschungsprojekt auch zur sozialpolitischen Bedeutung der Orgel.

Für den 50 Jahre alten Experten ist die Orgel weit mehr als ein Kircheninstrument. Sie sei über Jahrhunderte bei höfischen Festen und zu Bauerntänzen gespielt worden. In den 1920er Jahren hätten Kinoorgeln zur musikalischen Untermalung von Stummfilmen gedient. Und schon vor dem Wendeherbst 1989 in der DDR seien Orgelkonzerte ein Symbol des Widerstands gewesen, erklärt er.

Ausbildung nur in Ludwigsburg

Im Südwesten ist die Tradition so allgegenwärtig wie sonst kaum in Deutschland: mit 7.000 bis 8.000 Instrumenten gibt es hier die größte Orgeldichte. Bundesweit sind es etwa 50.000 Orgeln - vor allem in Kirchen und Konzertsälen, die von Zehntausenden von haupt- und nebenamtlichen Organisten gespielt werden. Auch 60 der rund 400 Betriebe haben nach Darstellung der Vereinigung der Orgelsachverständigen Deutschlands ihren Standort in Baden-Württemberg. Wer Orgelbauer werden will, lernt das alte Handwerk an der Oscar-Walcker-Schule in Ludwigsburg, der zentralen Ausbildungsstätte für den Orgelbau.

"Es ist schwierig, junge Menschen dafür zu begeistern. Aber alle, die hier bei uns lernen, sind mit Leib und Seele dabei", sagt der Abteilungsleiter Musikinstrumentenbau an der Schule, Werner Stannat. Die Lage des Orgelbaus in Deutschland sei bisweilen nicht einfach, weil es immer weniger Geld gebe und zudem etwa Kirchen und damit die Orgeln aufgegeben würden. Das Instrument sei ein Gesamtkunstwerk aus Architektur, Technik und Klang - es gehe um Feinmechanik wie bei einem Uhrwerk, aber auch um modernste High-Tech, sagt Kaufmann, der an der Schule unter anderem auch Restauratoren ausbildet. Jedes Instrument werde individuell für einen Raum gebaut.

Lebendige Orgelkultur

Die Orgeltradition steht nun auf der Liste des immateriellen Kulturerbes mit Hunderten anderen Ausdrucksformen aus allen Weltregionen. Dazu gehören etwa die Genossenschaftsidee und -praxis aus Deutschland, die Heilig-Blut-Prozession im belgischen Brügge und der argentinische und uruguayische Tango. "Die Orgelkultur ist eine traditionelle Kulturform, die in Deutschland eine wichtige Basis hat", sagt der Vizepräsident der Deutschen UNESCO-Kommission, Christoph Wulf. Die vielen lokal- und regionalspezifischen Orgelbaustile, Kompositionen und Aufführungsformen sowie staatliche und kirchliche Ausbildungsmöglichkeiten seien Belege dafür, wie lebendig die Orgelkultur ist.

Seinen Ursprung habe das Instrument vor mehr als 2.000 Jahren im hellenistischen Ägypten - sei seit dem Mittelalter aber vor allem in Deutschland weiter entwickelt worden. Musikfreunde weltweit schätzen Orgeln als muskalische Glanzpunkte von orchestraler Strahlkraft. Wer eine so hochkomplexe Maschine wie eine Orgel bedienen will, müsse enorme Denkarbeit leisten, sagt Kaufmann. "Um sich zu koordinieren, müssen Kopf und Körper im Einklang sein", sagt er. "Der Atem muss fließen, dann fließt auch die Musik." In der Stephanskirche in Karlsruhe bedient er eine Orgel der Werkstatt Klais (Bonn), zieht die Register, greift in die Tasten, tanzt über die Pedale - der ganze Körper ist in Aktion. "Es ist ein Gefühl von Erhabenheit und Demut gleichermaßen", meint der Musiker, und lässt die voluminösen Klänge sich im Raum entfalten. Er sieht nun eine Perspektive, die Traditionen des Bauens und Spielens von Orgeln neuen Generationen ungebrochen zu überliefern.

Die Website verwendet Cookies, um Ihnen ein bestmögliches Angebot zu präsentieren. Nähere Informationen und die Möglichkeit, die Verwendung von Cookies einzuschränken finden Sie hier.

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert auf Mein ZDF! Abo beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert

Sie wechseln in den Kinderbereich und bewegen sich mit Ihrem Kinderprofil weiter.