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Friedensbewegung - "Ostermärsche sind so aktuell, wie lange nicht"

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Zu Ostern demonstrieren vor allem ältere Menschen gegen Atomwaffen. Die Jugend hat andere Ziele, für die sie sich einsetzt. Warum das so ist, weiß Friedensforscher Gregor Hofmann.

Ein Luftballon mit einer Friedenstaube hängt am Rucksack einer Frau beim Ostermarch in Duisburg, 15.04.2017.
Archiv: Ein Luftballon mit einer Friedenstaube hängt am Rucksack einer Frau beim Ostermarch in Duisburg
Quelle: dpa

heute.de: Werden die Ostermärsche in diesem Jahr mehr Zulauf von jungen Menschen der "Fridays for Future"-Bewegung bekommen?

Gregor Hofmann: Ich glaube, dass sich viele junge Menschen nicht durch die Ostermarsch-Bewegung angesprochen fühlen.

heute.de: Warum?

Hofmann: Die Ostermärsche drehen sich um die klassischen Themen der Friedensbewegung - Kritik an der nuklearen Abschreckung und Aufrüstung, Kritik am sogenannten militärisch-industriellen Komplex, Kritik auch an konkreten Waffenarsenalen, damals wie heute.

Für viele Jugendliche und junge Erwachsene spielen diese klassischen Bedrohungen in ihrer Wahrnehmung keine wichtige Rolle mehr. Krieg oder gar ein Atomkrieg ist für viele ein Gedanke aus der Vergangenheit. Völlig abstrakt.

heute.de: Sie fühlen sich von anderen Dingen bedroht?

Hofmann: Bedroht fühlen sich viele eher durch eine Einschränkung ihrer Freiheit, wie es die Proteste gegen die EU-Urheberrechtsreform gezeigt haben oder eben durch den Klimawandel und den damit einhergehenden Gefahren, von denen allerdings Krieg und Konflikt nur eine ist. Hauptsächlich geht es dabei um die Zerstörung der Umwelt und unserer Lebensgrundlagen. Das ist es, was viele Jugendliche bei den "Fridays for Future"-Protesten umtreibt, weniger die Gefahr eines Krieges.

Ich glaube, dass deshalb die Friedensbewegungen, die in diesem Jahr wieder mit altbewährten Slogans wie "Abrüstung schafft Sicherheit - Zu Ostern auf die Straße für Frieden, für Abrüstung und Gerechtigkeit" aufwarten, die jungen Menschen auch nicht inhaltlich abholen.

heute.de: Und der Marsch selbst?

Hofmann: Die Forschung zeigt, dass klassische ritualisierte Märsche auch nicht mehr so viele Menschen ansprechen, dass viele Leute gerade eher nach kreativen Ausdrucksformen wie Happenings oder Flashmobs suchen. Das zeigt beispielsweise die "Occupy Wallstreet"-Bewegung. Auch spielt das Internet selbst eine große Rolle, weil man da seinen Protest formulieren kann.

heute.de: Die Zahl der Menschen, die an den Ostermärschen teilnehmen, ist rückläufig. Gibt es eine Prognose für dieses Jahr?

Hofmann: Die Aufkündigung des INF-Vertrags zum Verbot von Mittelstrecken-Raketen und auch die aktuelle Debatte über Rüstungsexporte und die Steigerung der Verteidigungs-Ausgaben nährt die Angst vor einer neuen Aufrüstungsspirale. Ich gehe davon aus, dass in diesem Jahr wieder etwas mehr Menschen auf die Straße gehen. Aber es werden nicht mehrere Zehntausende oder Hundertausende sein, wie es beispielsweise in den 1980er oder 2003 im Zuge des Irakkrieges der Fall war.

heute.de: Sind Menschen heutzutage zu bequem, um noch auf die Straße zu gehen?

Hofmann: Ich glaube, die Menschen sind nicht zu bequem, sie nutzen nur andere Möglichkeiten. Das Internet gibt die Möglichkeit, die eigene Meinung einem weitaus größeren Publikum zuzutragen. Es gibt heute die Möglichkeit, über Online-Petitionen oder soziale Medien seine Meinung an Politiker heranzutragen. Das gab es so früher nicht. Wenn man einen Zettel am Schwarzen Brett aufgehängt hat, dann erreichte man die Kollegen oder die Kommilitonen. Heute kann man mit einem gut produzierten Video auf Instagram oder Youtube ganz andere Reichweiten in viel kürzerer Zeit erlangen.

heute.de: Warum sind die Ostermärsche heutzutage noch immer wichtig?

Hofmann: Die Themen treiben nach wie vor viele Menschen um. Ich würde so weit gehen und sagen, die Ostermärsche sind so aktuell wie lange nicht. Wir haben kriegerische Konflikte, auch in unserer unmittelbaren Nachbarschaft. Die Gefahr einer Aufrüstungsspirale besteht. Außerdem zeichnet Deutschland sich im Vergleich zu anderen Staaten weiterhin durch eine starke zivile Orientierung in der Außen- und Sicherheitspolitik aus.

In der Friedensforschung spricht man vom Konzept der Zivilmacht: Deutschland hat eine Kultur der militärischen Zurückhaltung sowie der zivilen Konfliktbearbeitung in seiner Außenpolitik - und auch eine Tradition der Zusammenarbeit mit anderen Staaten, was aus der deutschen Vergangenheit, aber auch aus der starken Friedensbewegung der 1960er Jahre und folgender Jahrzehnte resultiert.

heute.de: Wie könnte man das Konzept der Ostermärsche entstauben, um auch die Jugend anzusprechen?

Hofmann: Man müsste vielleicht kreativere Konzepte entwickeln, die mehr die jungen Menschen ansprechen und das Ganze vielleicht auch in eine breitere Strategie in den sozialen Medien einbetten. Was erfolgversprechend sein kann, weiß ich nicht. Ich habe nur das Gefühl, dass man junge Menschen in ihrer eigenen Lebensrealität abholen muss. Aber auch das kann sich alles ändern. Man hat in den 1990er Jahren den Abgesang auf die Ostermärsche angestimmt und der Kosovo-Krieg 1999 und der Irakkrieg 2003 haben die Menschen wieder auf die Straße getrieben.

heute.de: Es braucht also für jede Generation eine Initialzündung, damit sie auf die Straße geht?

Hofmann: Durchaus. Es gehört immer eine gewisse Initialzündung dazu. Das war zum Beispiel in den 1960er- und 1970er-Jahren der Vietnam-Krieg, später der NATO-Doppelbeschluss und die folgende Aufrüstung.

Für meine Generation war es der Irakkrieg und für diese Generation ist es momentan der Klimawandel, der die jungen Menschen auf die Straße treibt. Aber ich glaube, die Agenda wird von ihnen breiter gesetzt, als es die Ostermärsche abdecken könnten.

Das Interview führte Florence-Anne Kälble.

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