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Der Papst und die Politik - Nur Worte oder auch Taten?

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Wenn es um Politik und Wirtschaft geht, spricht Papst Franziskus oft deutliche Worte. Doch kann er auch wirklich politisch etwas bewegen? Oder bleiben seine Worte ohne Wirkung?

Papst Franzsikus während der Osternacht im Petersdom
Papst Franziskus (r., hier im Petersdom) ruft zu Ostern zum Ende der kriegerischen Konflikte auf. Doch der Papst und sein Apparat belassen es nicht bei den fast schon routinierten Worten.
Quelle: dpa

Zum Osterfest richtet Papst Franziskus traditionell eine Friedensbotschaft an die Welt. Er ruft zum Ende der aktuellen kriegerischen Konflikte auf, kritisiert die Ausbeutung von Menschen und Ressourcen und ruft zu mehr Solidarität mit den Notleidenden auf. Es ist beinahe schon wie ein Ritual – zu Ostern und zu Weihnachten. Millionen Menschen verfolgen über Radio, Fernsehen und im Internet die Ansprache. Zum Teil stehen die Konflikte etwa in Syrien, im Sudan, in der Ukraine oder dem Heiligen Land seit vielen Jahren im Skript der Urbi et Orbi-Ansprachen. Doch der Papst und sein Apparat belassen es nicht bei den fast schon routinierten Worten. Sie handeln auch.

Füße geküsst

Papst Franziskus (unten) kniet nieder, um Riek Machar, Rebellenführer im Südsudan, die Füße zu küssen.
Papst Franziskus (unten) kniet nieder, um Riek Machar (r.), Rebellenführer im Südsudan, die Füße zu küssen. (Archiv)
Quelle: vatican media/ap/dpa

Zuletzt hatte Franziskus Mitte April die zerstrittenen politischen Führer des Südsudan zu zweitägigen Gesprächen in den Vatikan geladen. Offiziell als Einkehrtage deklariert ging es dabei um handfeste Politik. Wie aus diplomatischen Kreisen zu hören war, hat die internationale Gemeinschaft die Aktion unterstützt und genau beobachtet, was die beiden politischen "Erzrivalen" Salva Kiir und Riek Machar im Vatikan machten.

Franziskus griff dabei einmal mehr zu einem ungewöhnlichen Mittel. Zum Abschluss des Treffens kniete sich der 82-jährige Pontifex vor jedes Mitglied der politischen Delegation auf den Boden und küsste ihnen die Füße, verbunden mit einem eindringlichen Appell, das unterzeichnete Friedensabkommen einzuhalten und die Konflikte zwischen den verfeindeten Ethnien und Parteien beizulegen.

Papst sendet klare Botschaft in Richtung Trump

Es sind neben den Worten diese Gesten, mit denen der Papst versucht Politik zu machen. Dazu gehört etwa, wenn er im Mai 2014 an der Trennmauer zwischen Bethlehem und Jerusalem das Papamobil anhalten lässt, aussteigt, sich an die Mauer lehnt und stumm im Gebet verharrt; oder im Februar 2016 sein Besuch an der Grenze zwischen Mexiko und den USA. Demonstrativ winkt der Pontifex von Mexiko aus den Menschen in den USA jenseits eines tiefen betonierten Wassergrabens und einem hohen Zaun zu. Wenige Stunden später wird er bei der fliegenden Pressekonferenz sagen: "Ein Mensch, der nur daran denkt, Mauern zu errichten, wo auch immer, und nicht Brücken zu bauen, ist nicht christlich."

Das war eine klare Botschaft in Richtung US-Präsident Donald Trump. Der kam nicht zuletzt durch viele Stimmen von Katholiken ins Amt. Dass seine Politik nur schwer mit der des Papstes zusammenpasst, ist offensichtlich. Zwar vermeidet Franziskus einen offenen Konflikt. Aber seine Worte sind deutlich.

Dass er Anfang April mit Wilton Gregory einen Afroamerikaner zum Erzbischof in der Hauptstadt Washington ernannt hat, der zudem ganz auf seiner Linie liegt, darf auch als Wink in Richtung der Regierenden verstanden werden. Es ist ein weiterer Baustein beim Umbau des Bischofskollegiums, mit dem der Papst weltweit eine Neupositionierung der katholischen Kirche vorantreibt. Es ist eine Kirche, die sich stärker vor Ort in politische Belange einmischt und zwar nicht nur bei Moralfragen, sondern immer stärker auch bei sozialethischen Themen.

Eigene Einheit für Mediation in politischen Konflikten

Aber der Papst und seine Diplomaten werden auch selbst aktiv. Die Südsudan-Initiative ist nur ein Beispiel. In der politischen Schaltzentrale des Vatikans, dem Staatssekretariat, wurde eigens eine kleine Einheit für Mediation in politischen Konflikten eingerichtet. Wenn alle Streitparteien zustimmen, wird der Heilige Stuhl aktiv. In Venezuela haben die Bemühungen bisher nicht zu einem Erfolg geführt. Das Tauwetter zwischen Kuba und den USA in der Ära Obama wurde unter anderem bei Gesprächen mit Vertretern beider Staaten hinter den dicken Mauern des Vatikans eingeläutet.

183 Staaten unterhalten diplomatische Beziehungen zum Heiligen Stuhl. Zum Vergleich: die UNO hat 193 Mitgliedsstaaten. Für die Länder ist der kleinste Staat der Welt deshalb politisch interessant, weil die katholische Kirche über ein weltweites Informationsnetz verfügt, das seinesgleichen sucht. Der Vatikan ist so ein wichtiger und diskreter Umschlagplatz für Informationen. Zugleich haben viele Regierungen erkannt, dass die Religionen im 21. Jahrhundert zu einem wichtigen Faktor in der internationalen Politik gehören. Da ist der Vatikan, der Kontakte zu nahezu allen Religionen und christlichen Kirchen unterhält, zunehmend ein wichtiger Ansprechpartner.

Dialog mit möglichst allen Seiten

Franziskus sieht sich als Brückenbauer, als Pontifex. Deshalb sucht er den Dialog mit möglichst allen Seiten. Für ihn sind die Begegnung und das direkte Gespräch der Schlüssel für Veränderungen. In diesem Sinn übt er sein Amt aus. Um der Menschen und des Friedens willen mischt er sich in die Politik ein. Das haben seine Vorgänger auch gemacht. Bei ihm geschieht das aber mit mehr Nachdruck und mit System. Bestes Beispiel ist seine Sozial- und Ökologie-Enzyklika "Laudato si". Die veröffentlichte er absichtlich wenige Monate vor dem entscheidenden Weltklimagipfel Ende 2015 in Paris, um auf die politische Debatte Einfluss zu nehmen.

Papst Franziskus hält eine Kerze
Franziskus sieht sich als Brückenbauer, als Pontifex. Deshalb sucht er den Dialog mit möglichst allen Seiten.
Quelle: dpa

Die Rolle von Johannes Paul II. bei der politischen Wende in Osteuropa in den 1990er-Jahren zeigt, dass die Päpste politische Prozesse entscheidend beeinflussen können. Die Päpste gelten als eine der wenigen weltweit anerkannten moralischen Autoritäten. Franziskus genießt in großen Teilen der jüdischen Welt, aber auch bei vielen Muslimen hohes Ansehen. Daher mag er vielleicht auf den ersten Blick nur auf seine Worte und Gesten beschränkt sein - doch darf man deren Wirkkraft nicht unterschätzen.

Jürgen Erbacher ist Redaktionsleiter der ZDF-Redaktion Kirche und Leben katholisch.

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