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Umstrittene Studie - Oxfam: Vermögensverteilung "außer Kontrolle"

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Die Wohlstandskluft ist laut Oxfam "außer Kontrolle" geraten. Fast die Hälfte der Weltbevölkerung habe kaum Geld, das Vermögen der Reichen steige. Doch es gibt Kritik am Bericht.

Handtaschen und Schmuck
Quelle: dpa

Die Kluft zwischen Arm und Reich in der Welt hat der Organisation Oxfam zufolge im vergangenen Jahr gefährlich zugenommen. Das Vermögen der Milliardäre sei um durchschnittlich 2,5 Milliarden US-Dollar (2,19 Milliarden Euro) pro Tag gestiegen - ein Plus von 12 Prozent zum Vorjahr. Indes habe die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung 11 Prozent - 500 Millionen Dollar je Tag - verloren.

Oxfam: Vor allem Frauen und Mädchen betroffen

Zu diesem Ergebnis kommt die Organisation in ihrem Ungleichheitsbericht, den sie kurz vor Beginn der Jahrestagung des Weltwirtschaftsforums (WEF) in Davos vorstellte. Auch in Deutschland habe sich die Lage nicht verbessert - nötig seien ein höherer Mindestlohn sowie eine stärkere Belastung von Vermögenden, Konzernen, Erbschaften und hohen Einkommen. Die Nothilfe- und Entwicklungsorganisation warnt zudem, dass weltweit besonders Frauen und Mädchen von sozialer Ungleichheit bedroht seien. So besäßen Männer im globalen Durchschnitt 50 Prozent mehr Vermögen als Frauen.

Seit Jahren versucht Oxfam vor dem Weltwirtschaftsforum im Schweizer Skiort Davos auf eine wachsende Schere zwischen Arm und Reich aufmerksam zu machen. Der jüngste Report fußt auf Zahlen aus dem Reichtum-Datenbuch der Bank Credit Suisse - und der jährlichen Liste der Milliardäre des "Forbes"-Magazins. Deren Zahl habe sich seit der Finanzkrise vor einem Jahrzehnt fast verdoppelt, schreibt Oxfam. Und doch seien Steuersätze für Reiche und Konzerne auf die niedrigsten Quoten seit Jahrzehnten gefallen.

Die Oxfam-Studie ist umstritten

Allerdings erhält Oxfam für die Erhebungsmethoden regelmäßig Kritik. "Die Vergleichbarkeit von Netto-Vermögensdaten ist ein Problem", sagt Maximilian Stockhausen, Economist für Verteilung am Institut der Deutschen Wirtschaft, gegenüber heute.de. Man könne verschuldete US-Studenten oder deutsche Studenten mit BAföG-Finanzierung nicht mit Bauern in Eritrea vergleichen, die kaum Netto-Vermögen besitzen. Zudem sei die Erhebung der Daten in Teilen Afrikas und Asiens schwierig, so Stockhausen.

Auch bei der Erhebung der Daten in Bestandteilen der Mittelschicht sehe Maximilian Stockhausen Probleme. "Vermögen aus Lebensversicherungen und Rentenvermögen werden in der Studie von Oxfam nicht genau erfasst. Würde man diese so messen, wie man es an der Spitze tut, würde sich die Vermögensungleichheit in Deutschland reduzieren."

Vermögensberechnung in Deutschland schwierig

Markus Grabka vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung sieht auch bei den Vermögen der Reichen Ungenauigkeiten in den Berechnungen. "In Deutschland gibt es keine Vermögenssteuer, daher kann man sich nur auf Schätzungen berufen." Diese sogenannten Reichenlisten griffen jedoch nur auf öffentlich zugängliche Quellen zu. Daher seien die Angaben sehr ungenau.

Auch der Ökonom Andreas Peichl kritisiert den Oxfam-Bericht. Er könne die Zahlen zur Verarmung nicht nachvollziehen, sagte der Leiter des Münchner Ifo-Zentrums für Makroökonomik der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Vielmehr wachse die Weltwirtschaft und die Armut sinke insgesamt auf der Welt deutlich.

Quelle: Oxfam / ZDF

Oxfam: Soziale Ungleichtheit verstärkt Spaltung in der Gesellschaft

Ellen Ehmke, Oxfam-Deutschland-Referentin für soziale Ungleichheit, sieht unterdessen dringenden Handlungsbedarf. "Jeder Tag, den wir verlieren, verschärft das Ungleichheitssystem." Weltweit lebten noch immer 736 Millionen Menschen in extremer Armut - also von maximal 1,90 US-Dollar je Tag. Die Entwicklung sei aber positiv: Die Zahl habe sich zwischen 1990 und 2010 halbiert und nehme weiter ab.

Oxfam warnt zudem, die Schere zwischen Arm und Reich verstärke die Spaltung in der Gesellschaft. Sie biete einen Nährboden für gefährliche Entwicklungen wie Rechtspopulismus und aggressiven Nationalismus.

Es gebe allerdings auch Fortschritte, so Oxfam-Steuerexperte Tobias Hauschild. Er verwiest dabei auf Pläne der EU zur Besteuerung von Großkonzernen oder die Aufhebung des Bankgeheimnisses in der Schweiz. "Das sind Dinge, über die vor zehn Jahren nicht geredet wurde." Nötig sei nun aber eine konsequente Sozialpolitik.

Bericht: Große Vermögensungleichheit in Deutschland

Hierzulande haben die Milliardäre ihr Vermögen im vergangenen Jahr um 20 Prozent gesteigert, wie aus dem Bericht hervorgeht. Insgesamt verfüge das reichste Prozent der Bevölkerung über ebenso viel Vermögen wie die 87 ärmeren Prozent. Damit zähle Deutschland zu den Industrienationen mit der größten Vermögensungleichheit. Mit 15,8 Prozent liege die Armutsquote auf dem höchsten Stand seit 1996, jedes fünfte Kind sei von Armut betroffen. Frauen hätten im Durchschnitt 21,5 Prozent weniger verdient als Männer; schlechter sei die Lage in der EU nur in Estland und Tschechien.

Zur Bekämpfung der Ungleichheit in Deutschland fordert Oxfam eine Erhöhung des Mindestlohns. "Der Mindestlohn ist zu niedrig, gerade in Ballungszentren", sagt Referentin Ehmke. So ließen sich etwa die stark steigenden Mieten mit dem derzeitigen Satz von 9,19 Euro pro Stunde nicht mehr bezahlen.

Experten: Erhöhung des Mindestlohns ändert nichts

Über diesen Vorschlag wundert sich Verteilungs-Experte Stockhausen. "Das ist überhaupt nicht das geeignete Instrument. Es ändert sich dadurch noch nichts an der Vermögenssituation." Würde man den Mindestlohn wie von den Linken gefordert auf zwölf Euro erhöhen, würden für Arbeitgeber auch die Arbeitskosten steigen. Dieser Effekt könnte mittelfristig zu einer höheren Arbeitslosenquote führen, so Stockhausen. Und die Besteuerung von Erbschaften habe in vergangenen Wahlkämpfen für wenig Begeisterung unter den Wählern gesorgt.

Diese Meinung vertritt auch Markus Grabka vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. Eine Vermögenssteuer würde erst bei sieben bis zehn Prozent wirksam werden, so Grabka. "Und das wäre in keiner Art und Weise politisch umsetzbar." Statt auf eine Umverteilung solle sich die deutsche Politik lieber darauf konzentrieren, die Vermögensbildung zu erleichtern. Das könne beispielsweise durch eine Umstrukturierung der privaten Altersvorsorge gelingen.

Mit Material von dpa, AP

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