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Prozess in Israel - Militärgericht klagt 16-Jährige an

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Sie schlug vor laufender Kamera einem israelischen Soldaten ins Gesicht. Nun steht die Palästinenserin vor Gericht. Die einen sehen sie als Provokateurin, die anderen als Ikone.

Ahed Tamimi
Der Prozess gegen die 16-jährige Palästinenserin Ahed Tamimi hat vor einem israelischen Militärgericht begonnen. Tamimi hatte einen israelischen Soldaten vor laufender Kamera geschlagen. Quelle: dpa

Wie so oft im israelisch-palästinensischen Konflikt ist es ein Amateurvideo, das sich über die sozialen Netzwerke verbreitet und eine heftige Kontroverse auslöst, sogar über die Konfliktregion hinaus. Auf den Bildern ist die 16-jährige Palästinenserin Ahed Tamimi aus Nadi Saleh zu sehen, einem kleinen Dorf im Westjordanland. Das Mädchen mit blonder Lockenmähne tritt und schlägt auf zwei israelische Soldaten ein, einer ihrer Hiebe trifft schließlich einen Soldaten ins Gesicht. Der bewaffnete Soldat reagiert kaum.

In Israel wurden daraufhin die Soldaten für ihre zurückhaltende Reaktion gelobt und Tamimi als Provokateurin kritisiert. In den palästinensischen und anderen arabischen Medien wurde die junge Frau als Heldin, ja Ikone des Widerstands gegen die israelische Besatzung gefeiert. Seit dem 19. Dezember 2017 sitzt sie in Untersuchungshaft. Nun steht sie vor dem israelischen Militärgericht und wird unter anderem wegen Körperverletzung angeklagt. Der Fall Tamimi - eine klassische David-Goliath-Geschichte, nicht zuletzt vermutlich auch deswegen so viel diskutiert, weil Ahed mit ihren blonden Korkenzieherlocken und blauen Augen optisch so gar nicht ein gewalttätiges Image unterstützt.

Menschenrechtsorganisation fordert Freilassung

Amnesty International fordert zum Prozessauftakt Ahed Tamimis sofortige Freilassung: "Nichts, was Ahed Tamimi getan hat, kann die fortwährende Inhaftierung eines 16-jährigen Mädchens rechtfertigen", heißt es in der Stellungnahme der Menschenrechtsorganisation. "Die israelischen Behörden müssen sie umgehend freilassen."

Über die Freilassung von Ahed macht sich ihr Vater, Bassem Tamimi, keine Illusionen: "Meiner Erfahrung nach muss sie mit sechs bis acht Monaten Gefängnis rechnen", schätzt der langjährige Aktivist. "Ahed wollte nie eine Ikone sein", sagt er, "aber die Umstände haben dazu geführt, dass sie eine geworden ist. Widerstand ist hier keine Wahlmöglichkeit, sondern eine Pflicht." Tamimi und ihre Familie nehmen für sich in Anspruch, überwiegend gewaltlos, aber bisweilen auch gewaltsam zu provozieren, weil neben ihrem Dorf Nabi Saleh eine - völkerrechtlich illegale - israelische Siedlung steht. Die Soldaten - in den Augen der Tamimis die Vertreter der illegalen Besatzer - stehen auf dem Standpunkt, nur ihre Pflicht zu tun und die Siedlung und ihre Bewohner zu schützen.

Im Kleinen geht es also um die Henne und Ei Frage: wer hat wen zuerst provoziert und warum eigentlich. Im Einzelfall ist das anhand der Videos oft schwer nachzuvollziehen.

Ahed wurde vom türkischen Präsidenten ausgezeichnet

Darüber hinaus geht es aber - wie so oft im Nahost-Konflikt - darum, dass beide Seiten sich als Opfer darstellen, als diejenigen, die nur reagiert, aber nie agiert haben. So können sich alle bequem als Unschuldige präsentieren. Der Fall Ahed Tamimi steht für den Kampf der Lebenswelten und den Kampf der Narrative, der jeweiligen Propaganda.

Prosteste in Nabi Saleh
Prosteste in Nabi Saleh am 13. Januar Quelle: reuters

Erstaunlicherweise kulminiert er im kleinen Dorf Nabi Saleh nicht zum ersten Mal. Die palästinensischen Bewohner des Dorfes sind für ihren Widerstand bekannt. Regelmäßig eskaliert hier die Gewalt. Ein Onkel von Ahed kam dabei ums Leben. Viele der Dorfbewohner halten ihre Demonstrationen mit der Videokamera fest und sie schicken ihre Kinder von klein an in die erste Reihe.

So auch Ahed. Sie ist nämlich keine Unbekannte. Bereits 2012 gab es Videos von ihr, die sie zeigen, wie sie sich als kleines blondes Mädchen gegen die schwerbewaffneten Soldaten stellt. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan empfing sie damals in der Türkei und verlieh ihr einen Preis für Courage. Der Status der Kinderheldin war aus palästinensischer Sicht also schon damals etabliert.

Aufwachsen inmitten von Propaganda

Ahed Tamimis Weggefährtin in Nabi Saleh heißt Janna Jihad. Sie ist erst zwölf Jahre alt und oft zusammen mit Ahed unterwegs. Sie filmt und demonstriert ebenfalls regelmäßig, das sei ihr ein Anliegen, erzählt sie uns: "Ich bin sehr stolz darauf, dass ich den Menschen da draußen die Wahrheit erzählen kann. Manchmal bin ich auch vor der Kamera. Dann gehe ich zu den Soldaten und fange an, sie zu provozieren. Ich sage ihnen: Das ist nicht Euer Land! Verschwindet."

Dass Kinder wie Janna und Ahed nur eine Wahrheit kennen, ist kein Wunder. Auf der einen Seite steht außer Frage, dass Kinder im Westjordanland unter speziellen Umständen aufwachsen. Sie müssen Checkpoints passieren, haben das israelische Militär und die Siedler gleich vor der Nase. Auf der anderen Seite fungiert die palästinensische Propaganda als Verstärker im Schüren von Feindbildern. Beispiel Staatsfernsehen: In Kindershows bekommen Kinder, die sich politisch äußern möchten, eine Plattform. Hass auf Israelis, auf die Besatzung und auch Antisemitismus werden uneingeschränkt verbreitet. Wohl kaum ein palästinensisches Kind wächst ohne diesen Hass auf. So auch Ahed Tamimi.

Heldin oder Provokateurin?

In Israel beschäftigen sich auch Minister mit dem Fall Tamimi. Naftali Bennett, Israels Bildungsminister, tat kund, dass er sich wünsche, dass das Mädchen ihr Leben im Gefängnis beende. Fürsprecher hat Ahed Tamimi in Israel nur bei eher politisch linken Menschenrechtsorganisationen, die Aheds Verhalten zwar nicht loben, aber ihre ausweglose Situation als Palästinenserin, die unter Besatzung lebt, rechtfertigen.

Was bleibt nach dem Prozess - egal wie er ausgehen mag? Ahed Tamimi wird für die Palästinenser Heldin, für die meisten Israelis Provokateurin bleiben. Die wenigsten sehen wohl, dass die 16-Jährige auch vor allem Opfer ist: Opfer der politischen Situation und Opfer der eigenen Propaganda, die sie missbraucht.

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