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Flüchtlingslager im Westjordanland - "Was uns wirklich belastet, ist die Enge"

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Mit der Staatsgründung Israels entstand auch das Flüchtlingslager Aida in Bethlehem im Westjordanland, und es wächst auch heute noch. Fast alles dort hängt vom Geld der UN ab.

Seit fast 70 Jahren gibt es das palästinensiche Flüchtlingslager Aida im Westjordanland. Etwa 5.000 Menschen leben hier - was ihnen fehlt ist eine Perspektive.

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"Zelte waren es damals vor 70 Jahren, direkt nach dem arabisch-jüdischen Krieg. Später dann kleine Barracken, danach Häuser. Es wurde immer weiter gebaut", erklärt Ma’moun Abdul Qader Budair und wischt sich mit dem staubigen Handrücken den Schweiß von der Stirn. Er ist der Imam der Moschee im Flüchtlingslager Aida, und gerade räumt er Schutt aus einer schmalen Gasse. Eine Mauer musste weg, Platz ist kostbar im Flüchtlingslager. "Und auch heute noch müssen wir weiterbauen. Aber ein Konzept oder einen Masterplan gibt es dafür nicht", sagt er und erklärt, dass er jetzt Pause machen muss. Gleich wird der Muezzin zum Mittagsgebet rufen.

Eingeklemmt zwischen der Stadt Bethlehem und der Mauer, die das Westjordanland von Israel trennt, ist eine horizontale Expansion für das Flüchtlingslager unmöglich. Umbauten, Anbauten, und vor allem Aufbauten in die Höhe sind die sehr begrenzten Möglichkeiten. Die Versorgung mit Wasser und Elektrizität, sowie der Zugang zum Abwassersystem ist die größere Herausforderung. Nicht alle Wohnungen haben Wasseranschluss, die Versorgung mit Strom ist improvisiert, die vorhandene Infrastruktur ist alt und störungsanfällig.

Leben zwischen Mauern

"Was uns aber wirklich richtig belastet, ist die Enge. Wir können uns kaum bewegen. Unser Lager geht bis zur Mauer. Weiter können wir nicht. Dahinter ist freies Feld, aber das gehört heute den Israelis“, sagt Nareman Sameer und zeigt nach Norden. Dort, direkt hinter der Mauer, die Israel zum Schutz vor Terroristen errichten ließ, stehen Olivnbäume auf freiem Feld.

Für das Alrowwad Kulturzentrum organisiert Narem Sameer Aus- und Fortbildungsmaßnahmen: Kunst und Kultur, insbesondere auch zur Stärkung von Frauen und Mädchen in der Gesellschaft. Vor allem aber bietet Alrowwad eines: Praktische Beschäftigung und Qualifikation.

„Obwohl die meisten von uns eine gute Schulbildung haben, ja sogar zur Universität gehen könnten, so findet doch kaum einer Arbeit. Hier bei uns können sie kreativ sein, können eine Ausbildung machen.“

Überleben ohne UN-Gelder undenkbar

Die Arbeitslosenquote ist hoch im Flüchtlingslager, der Zugang zum israelischen Arbeitsmarkt ist beschränkt. Diejenigen, die eine Arbeitserlaubnis für Israel besitzen, sind meist in Jerusalem als niedrig qualifizierte Hilfsarbeiter im Baugewerbe beschäftigt.

"Es geht darum, diesen Teufelskreis zu durchbrechen. Die Menschen hier brauchen Perspektiven! Sie wollen nicht in Abhängigkeit leben von Spendengeldern und UN-Mitteln."  Und doch sei ein Leben, gar ein Überleben wie Nareman Sameer betont, ohne UN-Gelder im Lager Aida undenkbar. "Natürlich brauchen wir die UNWRA! Wie soll es sonst weitergehen?"

Humanitäre Hilfe als politisches Druckmittel

Seit 1950 arbeitet die UNWRA (UN Works and Relief Association) für die als Palästinensische Flüchtlinge registrierten Menschen. Deren Zahl ist von ehemals 950.000 auf heute knapp 5 Millionen angestiegen. Die Finanzierung durch die UNWRA stellt die wesentliche Grundlage  für die Menschen in den Lagern dar: für Schulen, Krankenstationen, Infrastruktur und  Nahrungsmittel.

Über US-Präsident Trumps Entscheidung, die US-Finanzierung für die UNWRA zurückzuhalten schüttelt Nareman Sameer verzweifelt den Kopf. "Damit setzt Trump humanitäre Hilfe als politisches Druckmittel ein! Und das auf dem Rücken der Menschen hier!"

Auch im Flüchtlingslager herrscht Fachkräftemangel

Flüchtlingslager Aida im Westjordanland
Flüchtlingslager Aida im Westjordanland
Quelle: ZDF/Holger Koch

Im Hintergrund beginnt eine Bandsäge zu kreischen, die Alrowwad-Schreinerei ist mit allen nötigen Werkzeugen ausgestattet, die Auftragslage ist gut. "Türen, Betten, Tische, und Stühle, eben das was die Menschen am nötigsten brauchen", sagt Hitham Al Hroob, der Schreiner im Alrowwad-Zentrum. "Wir arbeiten fast zum Selbstkostenpreis, und wir versuchen immer eine günstige Finanzierungsmöglichkeit zu finden, die Leute zahlen eigentlich immer in Raten." Die Schreinerei ist nur ein Projekt des Kulturzentrums, auch eine Näherei und eine Großküche sind im Programm, genauso wie Kurse in Mediengestaltung. Ein Sprungbrett für die jungen Palästinenser in ein mögliches Berufsleben.

Eine qualifizierte Fachkraft würde sich auch Abdul-Salam manchmal wünschen. "Klar, finanziell ist es schwierig, aber zu tun habe ich genug", sagt er und schraubt weiter an einem Roller. Zweiräder sind das einzig wirklich probate Fortbewegungsmittel im Lager Aida. Und alles was fährt und knattert ist von großem Interesse für die Kinder im Lager. Junge Zuschauer hat Abdul-Salam genug. Vielleicht ist tatsächlich eine zukünftige Fachkraft dabei.

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