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Indonesien - Palmöl - Fluch und Segen

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Palmöl ist ein begehrter Rohstoff, der Abbau boomt, viele Menschen in Indonesien leben von ihm. Aber er ist umstritten, weil die Ernte der Frucht massiv in die Umwelt eingreift.

Archiv: Arbeiter auf Palmölplantage in Borneo (Indonesien)
Arbeiter auf Palmöl-Plantage in Borneo.
Quelle: dpa

Es sieht zwar irgendwie unbeholfen aus, wie er mit seiner Sichel an der Ölpalme ratscht und ruckelt, zieht und drückt. Doch Aspar ist Profi. Ein, zwei, drei Schnitte - schon plumpst die Frucht der Ölpalme aus zehn Metern Höhe mit einem dumpfen Knall zu Boden. Aspar schnauft ein wenig, die Arbeit mit der meterlangen Stange, an deren Ende die Sichel befestigt ist, schlaucht. "Aber wenn man es einmal drauf hat, ist es ganz leicht", sagt er.

Er habe die Technik in Malaysia gelernt, zehn Tonnen der Palmölfrucht ernte er pro Monat. Der indonesische Arbeiter auf der riesigen Ölpalmen-Plantage der Firma "Sinar Mas Agri" im Norden Borneos sieht zufrieden aus. Kein Wunder, verdient der Ehemann und Vater eines Sohnes doch 200 Euro im Monat und damit mehr als ein Büroangestellter in der Hauptstadt Jakarta. "Für mich ist Palmöl pures Gold", sagt er. Obwohl - dabei schmunzelt er, schaut nach oben und tippt auf seinen gelben Helm - gefährlich sei sein Job schon.

Schulbildung inklusive

Der Weg zu Aspar und den Ölpalmen ist weit. Mit dem Flugzeug geht's von Jakarta auf der Insel Java zunächst nach Balikpapan auf Borneo, dann mit einem zweiten Flieger in den Norden der Insel nach Berau, um weitere fünf bis sechs Stunden mit dem Auto über Bergkämme zu fahren. Die Wolken hängen tief, der Wald ist düster.

Plötzlich, nach schier endloser Fahrt, öffnet sich vor einem die riesige Ölpalmen-Plantage der Firma "Sinar Mas Agri": 40.000 Hektar groß, das sind 60.000 Fußballfelder. Eine Fläche doppelt so groß wie Stuttgart. Vom Regen aufgeweichte, schier endlose Sandpisten, die kerzengerade die Palmenfelder durchschneiden. Eine gigantische Monotonie, eine riesige Industrie. Und eine sichere Existenz für Aspar und seine Familie. Sie wohnen in einer von der Firma auf der Plantage gebauten Siedlung, ihr Sohn geht dort in die Schule. Auch dafür hat "Sinar Mas Agri" gesorgt.

Rohstoff immer umstrittener

Wer durch die endlosen Reihen der Palmen spaziert, fragt sich unweigerlich: War das hier zuvor alles tropischer Regenwald? "Wir sind eine nachhaltige Firma. Wir finden kaum große Flächen, um wirtschaftlich arbeiten zu können", sagt Götz Martin, der deutsche Manager der Plantagen-Firma. Die Industrie müsse sich auf Effizienzsteigerung fokussieren und nicht auf Flächenerweiterung. Martin fühlt sich seinen Arbeitern verpflichtet. Die Nachrichten aus Europa, dass das EU-Parlament ab 2020 kein Palmöl als Rohstoff für Biosprit erlaubt und Palmöl immer mehr ein Imageproblem bekommt, beunruhigen ihn. "Wir befürchten, dass sich die Industrie rückwärts wendet und zu den alten Methoden zurückkehrt."

Die Diskussion um Palmöl ist nicht neu, doch nach der Entscheidung des europäischen Parlaments vom Januar ist sie aktueller denn je. Zwar müssen sowohl EU-Kommission als auch EU-Ministerrat noch zustimmen, doch die Entscheidung gilt bereits jetzt Umweltschützern als wichtiger Etappensieg.

Millionen Hektar Wald gerodet, weniger Elefanten

Dabei ist Palmöl Segen und Fluch zugleich. Die Frucht wird als Rohstoff zur Herstellung von Tiefkühlpizzen und Nutella gebraucht, sie steckt im Biodiesel, in Kosmetik und in Reinigungsmitteln, in Schokolade, in Keksen, in Fertigsuppen. Die Folgen: Zwischen 2000 und 2012 wurden in Indonesien sechs Millionen Hektar Wald gerodet. Allein 2012 waren es 840.000 Hektar - mehr als doppelt so viel wie in Brasilien.

Die Nachfrage nach Palmöl bleibt groß. Indonesien plant, bis 2025 die Anbaufläche von derzeit zehn Millionen Hektar auf 26 Millionen Hektar zu vergrößern. Und die Palmölproduktion Indonesiens soll von momentan 36,5 Millionen Tonnen pro Jahr auf 42 Millionen Tonnen im Jahr 2020 steigen. Die Folgen des Booms sind gravierend: Der Bestand an Sumatra-Elefanten hat sich um zwei Drittel dezimiert, es gibt nur noch 100 Nashörner auf der zweitgrößten indonesischen Insel. Und allein auf Borneo kamen in den vergangenen 16 Jahren 100.000 Orang-Utans ums Leben.

Umweltschützer alarmiert

Zahlen, die 11.000 Kilometer weiter westlich Roland Gramling vom World Wide Fund For Nature (WWF) auf die Palme bringen. "Wir müssen die Nachfrage senken", sagt der Umweltschützer in Berlin. "Wir fordern, auf Palmöl im Biodiesel zu verzichten. Und wir fordern ein Umwandlungsverbot von Regenwald in Palmöl-Plantagen." Es liege am Verbraucher, für ein Umdenken zu sorgen: "Essen Sie weniger Fleisch, fahren Sie weniger Auto, konsumieren Sie regionale Produkte, essen Sie weniger Fertiggerichte."

Wäre ein Boykott sinnvoll? Sollte man lieber auf Raps-, Kokos- oder Sonnenblumöl setzen? "Ein 1:1-Austausch würde nichts bringen, weil die Ölpalme einen viel größeren Output pro Hektar hat", sagt Gremling. Vermehrt sehe er gerade Aushänge an Eisdielen in Berlin, die darauf hinweisen, dass man kein Palmöl, sondern vielmehr Kokosöl zur Herstellung der Eiscreme verwendet habe. "Das ist eine Mogelpackung, führt nur in die Irre und kann keine Lösung sein."

Palmöl-Boom wichtig für Menschen auf Bormeo

Die Nachrichten aus dem fernen Europa bereiten den Menschen auf Borneo Sorgen. Es sind nicht nur die Arbeiter auf der Plantage, die vom Palmöl leben. Hyronimus Mat Eng, der in einem Dorf in der Nähe wohnt, hat zwei Töchter und fünf Söhne, schlug sich früher mehr schlecht als recht als Reisbauer durchs Leben und profitiert nun vom Palmöl-Boom. Sein kürzlich auf Stelen erbautes Holzhaus zeugt davon. Stolz führt der Familienvater durch die Küche, die noch nicht fertig ist, und durchs Wohnzimmer. Vor zwei Tagen habe er Strom bekommen. Diesen Luxus könne er sich leisten, weil die Firma "Sinar Mas Agri" Saatgut bereitstellt und ihm seine Ernte von seiner kleinen, aber eigenen Plantage abnimmt. "Auch meine Kinder sind im gleichen Business."

Hyronimus Mat Eng gehört zu den Dayaks, der Urbevölkerung Borneos, deren Vorfahren Kopfjäger waren und nun auf dem Erntedankfest nichts Böses im Schilde führen. Das halbe Dorf ist auf den Beinen, man hat sich schick gemacht und trägt traditionelles Gewand. Auf dem Fluss fahren Einheimische in einer Prozession auf Holzkähnen. Hyronimus Mat Eng trägt traditionelle Kopfbedeckung und hält eine Frucht der Ölpalme in seiner linken Faust, als er sagt: "Das hier ist unsere Kultur, unser Leben. Wir können unsere Kultur pflegen, weil uns die Palmöl-Plantagen das Geld bringen. Und wir müssen Bauern bleiben, um Erntedankfest zu feiern."

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