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Zum Paneuropäischen Picknick - Jede Zeit hat ihren Zaun

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Es begann mit dem Paneuropäischen Picknick und endete mit einer Massenflucht - vor 30 Jahren trafen sich DDR-Bürger an Ungarns Grenze in Sopron. In der Nähe steht heute ein Museum.

Kurzzeitige Grenzöffnung in Sopron
DDR-Bürgerinnen und Bürger nutzten beim paneuropäischen Picknick den geöffneten Grenzzaun, um mit ihren Kindern zu flüchten.
Quelle: dpa

Bundeskanzlerin Angela Merkel und Ministerpräsident Viktor Orban haben sich heute im west-ungarischen Sopron getroffen - jenem Ort, an dem vor 30 Jahren das Paneuropäische Picknick stattfand, das in die erste Massenflucht von DDR-Bürgern mündete. Ermöglicht wurde dies durch die Öffnung eines Grenzzauns.

Eiserner Vorhang trennte Ost und West

In Ungarn und Deutschland sieht man Zäune sehr unterschiedlich, das zeigt sich auch beim Besuch des ungarischen Zaunmuseums ganz in der Nähe des Picknickorts. Wo Sandor Gojak lebt, war mal eine Art Ende der Welt. In West-Ungarn, bei Sopron, zu deutsch Ödenburg, trennte der Eiserne Vorhang Ost und West. Hier durften auch Ungarn nur einreisen, wenn sie eine Sondergenehmigung hatten. Das war vor 1989. 

Sandor Gojak ist heute noch ein bisschen stolz darauf, dass er zu der Elite zählte, die hier leben und arbeiten durfte: "Es war mir eine Ehre, hier Dienst zu tun!", sagt der ehemalige ungarische Grenzsoldat. "Nur die zuverlässigsten durften hier als Soldat dienen. Das wichtigste war: keine Verwandten im Westen. Als Korporal wurde ich dreimal ausgezeichnet!" Sandor Gojak hat dieser Ehre ein Denkmal gesetzt: Er leitet Ungarns einziges Zaun-Museum.

Warnschüsse über Flüchtenden

Heute vor 30 Jahren wurde die Grenze zwischen Österreich und Ungarn geöffnet.
Vor 30 Jahren wurde die Grenze zwischen Ungarn und Österreich geöffnet.
Quelle: ap

In seinem Garten mit Blick auf das sanft gewellte Weinbaugebiet stellt er aus, wie der Osten einst die Menschen von der Flucht abhalten wollte: Der Stacheldraht, die Wachtürme, ja sogar die Minen werden hier erklärt. "Es ist eine technische Sperre", betont er. "Einen Zaun hat man am Garten, aber nicht an einer Grenze. Und die Leute, die damals rüber wollten, das waren Grenz-Verletzer."

Er hat sie Warnschüsse hinter den Flüchtenden gehört, er hat sie gesehen, wie sie gen Westen rannten. Am 19. August geschah es zum ersten Mal, beim Paneuropäisches Picknick. Das "Picknick" galt als politischer Testballon: Wie würde die Sowjetunion unter Gorbatschew auf eine - wenn auch nur zeitweilige - Grenzöffnung zwischen Ost und West reagieren? Die überrumpelten Grenzer setzten der ersten Massenflucht des Jahres keinen Widerstand entgegen. Und Moskau blieb ruhig.

Man verteilte Flugblätter für das "Picknick" insbesondere an die Ostdeutschen, die in Ungarn kampierten und abwarteten. Ungarn galt schon länger als durchlässigster der Bruderstaaten. Rund 700 Ostdeutsche hatten dann den Mut, beim "Picknick" in den Westen zu rennen. Die Bilder von jungen Leuten, die die Freiheit feierten, gingen um die Welt - und natürlich auch in DDR. Es war der Anfang einer Massenbewegung gen Westen, die zum Fall der Mauer, des Eisernen Vorhangs im November 1989 beitrug.

Zäune "nötig, um Flüchtlinge abzuhalten"

Vom großen Geist der Freiheit des Paneuropäischen Picknicks spürt man wenig, wenn Sandor Gojak in seinem Zaunmuseum vor einer ungarischen Schulklasse spricht - auch nicht bei den Schülern. "Ist schwer zu begreifen, dass die Grenze damals dicht war", sagt Balint, der geboren wurde, als der Shopping-Ausflug nach Wien für seine Eltern schon normal war. Auf die Frage, warum das so schwer vorzustellen sei, es gäbe doch heute wieder einen Zaun in Ungarn, sagt er: "Tja, das ist jetzt nötig, um Flüchtlinge abzuhalten, die zu uns ins Land zu kommen." Auch Eliza ist ein bisschen hin- und her-gerissen: Ja, es sei schon komisch, dass es diese Zeit gab, als man nicht einfach jederzeit über die Grenze konnte, aber "es war irgendwie verständlich". Und natürlich mache es Sinn, auch heute wieder Zäune zu bauen, "gegen Menschen, die wir nicht wollen".

Aus welchen Gründen die Menschen heute oder damals den Zaun überwinden wollen - darüber erzählt Sandor Gojak der Schulklasse nichts. Er hat auch so genug zu erzählen, denn hier steht auch der "Orban-Zaun". Sandor meint, es sei Orban persönlich zu verdanken, dass er den ausstellen darf, an ihn habe er deshalb geschrieben, um ein Exponat gebeten. "Auch dieser Zaun ist Teil unserer Geschichte", meint Sandor, ebenso wie der Eiserne Vorhang einst. Jede Zeit hat ihren Zaun - so sieht es Sandor.

Freiheit nicht für alle

Als die deutsche Bundeskanzlerin zum 30. Jahrestag des paneuropäischen Picknicks nach Sopron reist, steht sie anders zu Zäunen als Sandor Gojak oder dessen Premierminister - und ihr Gastgeber - Viktor Orban. Ungarn habe am 19. August 1989 "dem Willen der Freiheit von Deutschen aus der damaligen DDR so etwas wie Flügel verliehen", sagt Merkel zum 20. Jahrestag des paneuropäischen Picknicks und betont damit, wie sich damals für jeden Einzelnen neue Möglichkeiten auftaten - inklusive natürlich für sie selbst. 

Doch die Freiheit, die der Fall des Eisernen Vorhangs brachte, interpretiert Viktor Orban anders: als Befreiung einer Nation von sowjetischer Fremdbestimmung. Es ist für Viktor Orban kein Gegensatz einerseits stolz zu sein auf den Satz von Helmut Kohl, die Ungarn seien die ersten gewesen, die einen Stein aus der Berliner Mauer geschlagen hätten - und andererseits Zäune bauen zu lassen gegen Menschen, auf der Suche nach ihrer individuellen Freiheit. Der neue Zaun, so sieht es Orban, bewahre Freiheit, die der Ungarn nämlich. Die Freiheit anderer Menschen interessiert ihn nicht. Merkel mahnt unterdessen die Kompromissfähigkeit der EU-Staaten gerade in strittigen Fragen an: "Sopron ist ein Beispiel dafür, wie viel wir Europäer erreichen können, wenn wir für unsere unteilbaren Werte mutig einstehen."

Sandor mag Zäune, weil sie klare Grenzen suggerieren in einer verwirrenden Welt. Doch gerade hier, im Westen Ungarns, wirkt das so sinnlos: Hier haben alle Orte zwei bis drei Namen, ungarische, deutsche, auch kroatische, hier sind die Menschen immer zu-, ab- und durchgewandert - allen Zäunen zum Trotz. Sandor hat nie den Drang verspürt, wegzugehen. "Nein, nein, ich bin hier geboren, warum sollte ich weg hier? Nein ich will nicht weg von meiner Heimat. Wir waren zufrieden mit unserem Schicksal, wer nicht zufrieden war, ist geflohen." Dass Zäune diese individuelle Entscheidung erschweren, ist ihm wohl einen Moment entfallen. Sandor hat sich immer arrangiert. Auch mit dem neuen Ungarn.

Bundeskanzlerin Angela Merkel und der ungarische Regierungschef Viktor Orban haben sich heute anlässlich der ersten Massenflucht von DDR-Bürgern im westungarischen Sopron zu einem Festakt getroffen.

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