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Katholische Kirche - Papst will unangepasste Jugend

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2018 ist das Jahr der Jugend in der katholischen Kirche. Kurz vor Ostern rief Franziskus die Jugendlichen auf, unangepasst und aufrührerisch zu sein. Das bedeutet unruhige Zeiten.

Papst Franziskus am Kolosseum.
Papst Franziskus fordert Jugendliche auf, unangepasst und aufrührerisch zu sein. Das bedeutet auch für die katholische Kirche unruhige Zeiten, denn erste Forderungen der Jugendlichen etwa nach mehr Gleichberechtigung der Frauen werden laut. (Archivbild) Quelle: Alessandra Tarantino/AP/dpa

Franziskus hat Angst, dass die Jugend in Gesellschaft und Kirche abgehängt wird. Bei einer Bischofssynode im Oktober in Rom will er darüber diskutieren, wie das verhindert werden kann. Weil an einer solchen Veranstaltung vor allem Kleriker teilnehmen, sucht der Vatikan nach Wegen, vorab direkt mit den Jugendlichen ins Gespräch zu kommen.

Im Herbst 2017 wurde daher eine weltweite Online-Umfrage gestartet. Damit wollte der Vatikan mehr über die Lebenswirklichkeit der jungen Menschen erfahren, über ihre Probleme und die Herausforderungen, vor denen sie in Bezug auf ihre Lebensplanung stehen, sowie ihr Verhältnis zur Kirche. Gut 100.000 Jugendliche haben sich an der Umfrage beteiligt. Der Vatikan zeigte sich zufrieden. Global betrachtet fiel die Beteiligung allerdings für eine Organisation von 1,2 Milliarden Mitgliedern doch eher gering aus. Das könnte ein Zeichen dafür sein, dass nicht nur in Europa viele Jugendliche der Kirche bereits den Rücken gekehrt haben und von der Institution nicht mehr viel erwarten.

Rund 15.000 Jugendliche haben sich beteiligt

Der Papst will mit seinen aktuellen Initiativen gegensteuern. Für den traditionellen Kreuzweg am Kolosseum am Karfreitag bat er dieses Jahr Schüler, die Meditationen zu schreiben, nicht wie in den vergangenen Jahren üblich Theologen, Bischöfe oder Kardinäle. Mitte März lud er 300 Jugendliche aus aller Welt in den Vatikan ein. Von ihnen wollte er Input für die Diskussionen der Bischofssynode im Herbst. Sie sollten ihre Erwartungen an Politik, Gesellschaft und Kirche formulieren sowie ein Bild der aktuellen Lebenssituation der jungen Generation rund um den Globus zeichnen.

Über verschiedene Facebook-Gruppen beteiligten sich weitere rund 15.000 Jugendliche aus der ganzen Welt an den Gesprächen im Vatikan. Die meisten Teilnehmer waren katholisch, doch der Vatikan hatte ganz bewusst auch Jugendliche anderer Religionen nach Rom eingeladen sowie junge Menschen, die sich selbst als Atheisten bezeichnen.

Lebenssituationen junger Menschen sehr verschieden

Die Jugendlichen diskutierten über Arbeitslosigkeit, Armut und Gerechtigkeit, über Menschenhandel und Korruption in Staat und Wirtschaft, über Demokratie in der Kirche und um Christenverfolgung. Es ging um die Ambivalenz des technologischen Fortschritts und der digitalen Revolution. Einig waren sich die Jugendlichen, dass sie Begleitung und Orientierung für ihre Entscheidungen suchen. Sie machten aber zugleich deutlich, dass sie dabei selbst die Akteure sein wollen und nicht die Erwachsenen über ihre Köpfe hinweg entscheiden sollten.

Bei den Diskussionen fiel auf, dass die Lebenssituationen junger Menschen rund um den Globus sehr verschieden sind. Daher wird es auch unterschiedliche Antworten brauchen. Das bedeutet für die katholische Kirche, dass sie eine größere Vielfalt wird zulassen müssen. Das könnte auch für die katholische Sexualmoral gelten, denn hier urteilten die Jugendlichen sehr unterschiedlich, ob Veränderungen notwendig sind oder nicht.

Thema "Frau in Kirche und Gesellschaft" wichtig

Am Ende der einwöchigen Beratungen verabschiedeten sie ein zwölfseitiges Dokument. Darin beklagen sie, dass die Kirche oft zu "moralistisch" sei, dass sie eine zeitgemäße Sprache brauche und an den Orten sein müsse, wo die Jugendlichen sind: auf der Straße, in Bars, Kinos oder auf dem Sportplatz. Interessant ist, dass das Thema "Frau in Kirche und Gesellschaft" bei den Beratungen der Jugendlichen eine wichtige Rolle spielte. Zwar sprachen sie nicht explizit vom Frauenpriestertum, dennoch fordern sie mehr Sichtbarkeit von Frauen auf Posten mit Entscheidungsgewalt in der Kirche.

Das könnte durchaus zu kontroversen Diskussionen bei der Bischofssynode im Herbst führen. Denn einerseits betont Papst Franziskus seit fünf Jahren immer wieder, dass er mehr Frauen in Entscheidungspositionen der Kirche möchte, doch bei Personalentscheidungen im Vatikan hat er bisher keine klaren Signale gesetzt und auch strukturell keine Voraussetzungen für mehr Frauen in kirchlichen Leitungsfunktionen geschaffen. Es wird daher spannend, ob ihn vielleicht gerade die "unangepassten" Jugendlichen, die er sich immer wieder wünscht, zu konsequenterem Handeln in diesem Bereich bewegen werden.

Franziskus beklagt Schönheitswahn

In einem Interviewbuch, das kurz vor Ostern in mehreren Sprachen veröffentlicht wurde, spricht Franziskus unter dem Titel "Gott ist jung" ausführlich über die junge Generation. Kirche und Gesellschaft sollten sie unterstützen, zu "Antikonformisten heranzuwachsen". Er beklagt mangelnde Berufschancen und Zukunftsperspektiven für junge Menschen. Besorgt zeigt er sich, dass es heute einen immer größeren Druck gebe, sich einer Norm anzugleichen. Als Beispiel nennt er die auch unter Jugendlichen immer häufiger werdenden Schönheitsoperationen. Der Schönheitswahn "entmenschliche" letztendlich die Schönheit des Menschen. "Merken wir denn nicht, wie hässlich es ist, ‚wie alle anderen‘ zu werden?", so Franziskus.

Franziskus will, dass sich die katholische Kirche mehr um die Jugend kümmert. Auf weltkirchlicher Ebene hat er einen Beratungsprozess angestoßen. Allerdings wird sich in der Kirche nur dann etwas ändern, wenn auch die Verantwortlichen auf den unteren Ebenen ernsthaft mit der jungen Generation ins Gespräch kommen. Der Papst scheint keine Angst davor zu haben, dass die Jugend, wenn sie in seinem Sinne unangepasst ist, auch kritische Fragen stellt und alte Traditionen auf den Prüfstand stellen will. Das dürfte vor allem bei den konservativen Kräften in der katholischen Kirche für Unruhe sorgen. Für die katholische Kirche steht allerdings viel auf dem Spiel. Wenn sie den Dialog mit den Jugendlichen nicht ernst nimmt und sie nicht für Veränderungen bereit ist, wird sie den Anschluss an die junge Generation vielleicht endgültig verlieren. Den Abschluss des katholischen Jahrs der Jugend bildet übrigens der Weltjugendtag in Panama im Januar 2019.

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