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Papst Franziskus in der Kritik - Kulturkampf in der katholischen Kirche?

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Der Papst gerät zunehmend in die Kritik: Konservativen ist er zu liberal, manche werfen ihm Tatenlosigkeit in Missbrauchsfällen vor. Franziskus steht unter Beobachtung.

Papst Franziskus fasst sich während seiner wöchentlichen Generalaudienz an die Stirn, aufgenommen am 29.08.2018 im Vatikan, Italien
Generalaudienz in Rom: Der Papst gerät zunehmend ins Visier der Kritik. Quelle: dpa

Dass die Gegner von Papst Franziskus mit harten Bandagen kämpfen, ist nicht neu. Doch während die Angriffe früher eher gegen seine Unterstützer gingen, etwa bei den Bischofssynoden zu Ehe und Familie gegen den deutschen Kurienkardinal Walter Kasper, gerät in den vergangenen Monaten der Pontifex selbst ins Visier. Als Franziskus 2016 in seinem Lehrschreiben Amoris laetitia den Empfang der Kommunion für wiederverheiratete Geschiedene in Ausnahmefällen erlaubte, warfen ihm konservative Kreise Häresie vor. Vier Kardinäle, darunter die beiden deutschen Walter Brandmüller und der inzwischen verstorbene Joachim Meisner, warfen Franziskus brieflich "Zweifel" - lateinisch "dubia" - an der Treue zur Tradition vor und forderten ihn zu Korrekturen auf.

Umstrittene Position zu Homosexualität

Den Angriff ließ Franziskus ins Leere laufen. Ohne den Kardinälen zu antworten, bestätigte er wiederholt seinen Kurs in der Ehe- und Familienlehre. Dazu gehört, dass er über Homosexuelle wertschätzend spricht. Zuletzt geschehen vergangenen Sonntag, als er auf dem Rückflug von Irland Eltern homosexueller Söhne und Töchter einschärfte, diese nicht zu verurteilen oder gar zu verstoßen. Sein Nachklapp, im Kindesalter könne auch ein klärender Gang zum Psychiater hilfreich sein, sorgte zwar für Diskussion. Doch der Vatikan stellte schnell klar, dass der Papst nicht sagen wollte, es handle sich um eine Krankheit.

Genau solche Vorstellungen gibt es durchaus in konservativ-katholischen Kreisen. Während der amtliche Katechismus immerhin zugesteht, Schwule und Lesben hätten "diese Veranlagung nicht selbst gewählt" (homosexuelle Handlungen gelten nichtsdestoweniger als "in sich nicht in Ordnung"), sehen manche Konservative in Homosexualität den Inbegriff von Unmoral - und in ihrer gesellschaftlichen Duldung die erwiesene Unvereinbarkeit von rechtem Glauben und Moderne. Die homosexuelle Neigung vieler Kleriker gilt ihnen als eine Ursache für sexuellen Missbrauch, der Missbrauch als Auswuchs einer fehlgeleiteten liberalen Kirche.

Deshalb sind sie alarmiert, wenn der Papst einen wertschätzenden Ton gegenüber Homosexuellen anschlägt - umso mehr, wenn er auch noch Klerikalismus und Machtmissbrauch als eigentliche Wurzel des Übels nennt, wie vergangene Woche in einem Brief an alle Gläubigen. Zusätzliche Unruhe bringt die Ankündigung von Franziskus, auch die Hierarchen in der katholischen Kirche für Vertuschen oder eigene sexuelle Vergehen zur Rechenschaft zu ziehen.

Klare Worte, aber keine konsequenten Taten

Genau hier liegt ein Schwachpunkt von Franziskus. Zwar fand er immer wieder klare Worte zum Missbrauch, doch seine Taten folgten nicht so konsequent. Franziskus beteuert, dass er die Null-Toleranz-Politik, die sein Vorgänger Benedikt XVI. einführte, fortsetzen und selbst Bischöfe, Kardinäle und Ordensobere belangen will. Doch zeigte er in den sechs Jahren seines Pontifikats auch Beispiele allzu großer Nachsicht.

Franziskus lehnte gegen die Empfehlung der Glaubenskongregation die Entlassung eines italienischen Priesters aus dem Klerikerstand ab; später musste er eingestehen, dass es ein Fehler war. Im Januar löste er bei seinem Besuch in Chile einen Sturm der Entrüstung aus, als er Vertuschungsvorwürfe gegen Bischof Juan Barros als Verleumdung bezeichnete. Mittlerweile musste Franziskus zurückrudern, sich entschuldigen und den Bischof entlassen. Angesichts derartiger Vorfälle fällt es vielen schwer, die Vorwürfe, die seit Sonntag im Raum stehen, einfach als Rache eines verstoßenen und konservativen ehemaligen Spitzendiplomaten des Vatikans abzutun.

Wann wusste der Papst vom Fall McCarrick?

Erzbischof Carlo Maria Vigano, von 2011 bis 2016 päpstlicher Botschafter in Washington, behauptet, er habe Franziskus 2013 über frühere sittliche Verfehlungen von Kardinal Theodore McCarrick informiert. McCarrick war damals fast 83 und sieben Jahre im Ruhestand als Erzbischof von Washington. Bei den Vorwürfen ging es nicht um Missbrauch Minderjähriger, sondern um volljährige Seminaristen, die McCarrick Jahrzehnte zuvor ins Bett nötigte. Laut Vigano hatte schon Benedikt XVI. den pensionierten Kirchenmann 2009 oder 2010 deswegen zum Rückzug aus der Öffentlichkeit verpflichtet. Fakt ist aber, dass er weiter öffentlich auftrat, etwa bei großen Gottesdiensten, Kongressen und auch im Vatikan.

Erst vor zwei Monaten stufte das Erzbistum New York Hinweise auf sexuellen Missbrauch eines Minderjährigen durch McCarrick als "glaubwürdig und substanziell" ein. Daraufhin verbot ihm Franziskus die Ausübung jeglicher priesterlichen Tätigkeit. Vier Wochen später entließ er ihn in einem nahezu beispiellosen Akt aus dem Kardinalsstand.

Wann wusste Franziskus was im Falle McCarrick? Viganos Papier enthält zu viele Ungereimtheiten, um überzeugend zu sein; geschweige denn birgt es Fakten, die den Papst demontieren könnten. Aber ein Zweifel ist gesät. Vigano und einige Blogger haben ihren Scoop monatelang vorbereitet, das Memorandum am Wochenende lanciert, weil sie wussten, dass der Papst sich am Sonntag auf der Rückreise von Dublin im Flugzeug den Fragen von Journalisten würde stellen müssen.

Ein Papst unter Beobachtung

Es gelang ihnen nur leidlich. Denn Franziskus ging nicht auf das Spiel ein. Der Papst spielte den Ball zurück zu den Journalisten: Sie sollten sich selbst ein Urteil bilden; der Text spreche für sich. Erst "wenn etwas Zeit verstrichen ist", werde er "vielleicht etwas dazu sagen". Ein Zeitgewinn - aber es ist nicht ausgemacht, dass dem Papst das Schweigen an dieser Stelle helfen wird. Zweifel an seiner Integrität kann er am ehesten entkräften, wenn er seinen Worten zum Kampf gegen Missbrauch konsequente und transparente Taten folgen lässt. Franziskus steht auf jeden Fall unter besonderer Beobachtung - seiner Gegner und seiner Unterstützer.

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