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Franziskus in Lateinamerika - Der Papst will eine andere Kirche

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Weg vom Elitären, hin zu den Nöten der Menschen - so will der Papst die katholische Kirche in Lateinamerika neu ausrichten. Gegen Korruption und Umweltzerstörung.

Papst Franziskus am 21. Januar 2018 in Lima
Beliebt ist Papst Franziskus auch in Peru (im Bild seine Ankunft in Lima). Aber ein Heimspiel ist seine Reise nach Lateinamerika dennoch nicht.
Quelle: reuters

Es war eine Reise in eigener Sache. Papst Franziskus ist nach Chile und Peru gekommen, um der katholischen Kirche einen neuen Kurs vorzugeben. Dabei stehen die beiden Länder symptomatisch für große Teile des Heimatkontinents des Papstes. Scharf kritisierte er Klerikalismus und die elitäre Haltung bei vielen Klerikern und Ordensleuten. Er forderte eine Kirche, die sich der Realität stellt und an der Seite der Menschen steht.

Das bedeutet letztendlich eine Kirche, wie sie im vergangenen Jahrhundert von der Theologie der Befreiung propagiert wurde. "Es gibt keine echte Evangelisierung, wenn Schuld am Leben unserer Brüder und Schwestern, insbesondere der Schwächsten nicht benannt und verurteilt wird", erklärte Franziskus am Sonntagmittag bei der Begegnung mit den Bischöfen Perus.

Korruption - "sozialer Virus"

Immer wieder sprach der Papst in dieser Woche von einer "prophetischen Kirche". Die scheue sich nicht, so Franziskus, "die Missbräuche und Exzesse, die am Volk begangen wurden, anzuprangern". Er ging mit gutem Beispiel voran und kritisierte in Peru beim Treffen mit Präsident Pedro Pablo Kuczynski sowie Vertretern aus Politik und Zivilgesellschaft die Korruption scharf.

Er sprach von einem "sozialen Virus", der den ganzen lateinamerikanischen Kontinent befallen habe. Ähnlich deutlich wurde er angesichts der Ausbeutung und Zerstörung der Umwelt. Hier forderte er von den politisch Verantwortlichen in Chile und Peru ein Umdenken. Dabei müssten vor allem die Rechte der Indigenen mehr beachtet werden.

Indigene sehen Papst als Verbündeten

Viel Zeit nahm sich Franziskus für die Begegnung mit den indigenen Völkern. Er sicherte ihnen seine Unterstützung zu beim Einsatz für ihre Rechte. Der Papst versäumte es allerdings, auch selbstkritisch auf die schwierige Geschichte der Kirche im Verhältnis zu den Indigenen zu blicken.

Zwar haben sich unter Franziskus die Beziehungen radikal gewandelt, so dass viele Indigene das Kirchenoberhaupt als Verbündeten ansehen und große Hoffnungen in ihn setzen, doch die katholische Kirche hat schwere Schuld auf sich geladen. Viele Indigene sehen große Teile der Kirche als Verbündete der Machthaber, die die Rechte der traditionellen Völker immer weiter beschnitten haben. Seit dem Amtsantritt von Franziskus und seiner klaren Unterstützung der Volksbewegung hat hier ein Umdenken eingesetzt.

Kein Heimspiel

Auffallend ist, dass zu den Veranstaltungen in Chile und Peru weit weniger Menschen gekommen sind, als die Veranstalter erwartet hatten. Bei den Gottesdiensten blieben große Teile der Flächen frei. Dem Papst war von Anfang an klar, dass der Besuch kein Heimspiel werden wird. Zu stark hat die seine Kirche auf dem "katholischen Kontinent" in den vergangenen Jahrzehnten an Rückhalt verloren.

Die lange Periode des konservativen Kurses von Papst Johannes Paul II. mit dem harten Kampf gegen die Theologie der Befreiung hat ihre Spuren hinterlassen. Die Folgen treten jetzt mit einiger Verzögerung zu Tage. Dazu kommt der Missbrauchsskandal, der vor allem in Chile, aber auch in Peru zu einem großen Vertrauensverlust in die Institution geführt hat.

Unmut über Papst-Worte zu Missbrauchsfällen

Zum Abschluss seines Besuchs in Chile sorgte Franziskus durch eine Bemerkung zugunsten eines Bischofs, der der Vertuschung von Missbrauchsfällen beschuldigt wird, für zusätzlichen Unmut. Dem Bischof von Orsono, Juan Barros Madrid, wird vorgeworfen, vor seiner Ernennung zum Bischof Zeuge von Missbrauch durch einen Priester gewesen zu sein. Er streitet das ab. Bisher gibt es keine Beweise.

Darauf verwies Franziskus und fügte an, dies seien alles Verleumdungen. Angesichts dieser Worte war schnell vergessen, dass er in Chile um Vergebung für den Missbrauch durch Geistliche gebeten und sich mit Opfern getroffen hatte.

Der Vorsitzende der Päpstlichen Kinderschutzkommission, Kardinal Sean Patrick O’Malley, kritisierte die Äußerungen des Papstes inzwischen scharf. Es sei "verständlich, dass die Papst-Worte in Chile für großen Schmerz bei Überlebenden sexuellen Missbrauchs" gesorgt hätten. Äußerungen, die die Botschaft vermitteln, "wenn du deine Vorwürfe nicht belegen kannst, glaubt man dir nicht", ließen jene allein, die derartige Gewalt erlitten haben, und stellten Opfer ins Abseits, erklärte O'Malley, der auch zum engsten Beraterkreis des Papstes, dem sogenannten Kardinalsrat, gehört.

Hoffen auf fruchtbaren Boden

Zum Auftakt seiner Reise besuchte Franziskus in Chile demonstrativ das Grab eines Bischofs, der im Volksmund als Armenbischof verehrt wird. In Peru rief er am Sonntag zum Abschluss die Bischöfe auf, "Straßenbischöfe" zu sein, die nicht an den Schreibtischen sitzen, sondern an der Seite der Menschen stehen. Das ist seine Vision von Kirche. Für eine Bilanz der 22. Auslandsreise von Papst Franziskus ist es zu früh. Eine echte Kurskorrektur in der katholischen Kirche Lateinamerikas braucht Zeit. Franziskus dürfte bewusst sein, dass er selbst wohl die Früchte nicht mehr ernten wird, sollten seine Samen der Veränderung auf fruchtbaren Boden fallen.

Allerdings betont der Pontifex immer wieder, dass es wichtig sei, Prozesse in Gang zu setzen. Darum geht es ihm bei seinen ständigen Reisen nach Lateinamerika. Mittlerweile war er schon zum vierten Mal auf seinem Heimatkontinent. Er will eine Reform anstoßen und sie zumindest bis zu dem Punkt bringen, an dem sie von einem Nachfolger nicht mehr so leicht umkehrbar ist.

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