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Normalität für Obdachlose - Das Café im Schatten der Gleise

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Reden, chatten, Kaffee trinken - im Café am Gare d‘Austerlitz erleben Obdachlose eine Normalität, die ihnen in Paris ansonsten verschlossen bleibt.

Obdachlos in Paris
Quelle: dpa

Das Frühstück wird schnell knapp. Ein halbes Baguette, etwas Konfitüre und eine große Schale für den Kaffee mit heißer Milch. "Gibt es noch Butter?", fragt einer. "Die Milch ist alle", tönt es an einer anderen Ecke. Ein normaler Dienstagmorgen im Café am Gare d’Austerlitz. Es ist nicht chic, aber immer gut gefüllt. Ein Café für Obdachlose. Ein Ort, an dem sie nicht nur etwas zu essen bekommen, sondern auch Gespräche führen können, untereinander und mit den freiwilligen Helfern.

Ein junger Mann liest aus einer kostenlosen Zeitung vor. Er fabuliert über Bitcoins. Louis heißt er, ist Anfang dreißig, schaut mit wachen Augen um sich rum, drückt sich gut aus. Warum er keine Arbeit findet, kann sich keiner so recht erklären. "Er sagt, er sucht", sagt eine Helferin, die für den kleinen Raum mit Internetzugang verantwortlich ist. Dort chatten Obdachlose und andere, die in Heimen wohnen, über Facebook mit ihren Freunden oder mit ihrer Familie in der fernen Heimat.

Zwei Welten kreuzen sich

Im Raum nebenan läuft Chantal in einem weißen Künstlerkittel von Karton zu Karton. Jahrelang hat sie hier mit Obdachlosen gewerkelt, Objekte aus Ton geschaffen. Jetzt müssen sie diesen Platz räumen. SNCF, die französische Bahn, baut um und braucht den Platz selbst. Die französische Caritas, die das Obdachlosencafé dort vor vielen Jahren geschaffen hat, muss ausweichen. Das Café soll woanders wieder eröffnet werden, aber wo und wann genau weiß noch niemand. Chantal weiß gar nicht wohin mit den vielen Kunstwerken und Postern. "Willst du sie haben?", fragt sie einen Mann, der mit anpackt. "Ich habe keine Wände", sagt er.

Marie-Hélène hat Wände. Sie gehört eigentlich in das andere Paris. Das von "Amélie", dem Film, der so viele verzaubert hatte mit seinen lieblichen Details. Marie-Hélène hat ein Schokoladengeschäft. Seit sieben Jahren pendelt sie zwischen den beiden Lebenswelten und verbringt Zeit mit den Obdachlosen. "Ich wollte meinen Ängsten begegnen", erklärt sie. Als sie ihren Laden aufmachte, kämpfte sie mit Existenzangst. "Ich hatte Angst, mein Haus zu verlieren, kein Geld mehr zu haben, selbst auf der Straße zu landen", erinnert sie sich. Marie-Hélène hätte in ihrer freien Zeit auch in ein Spa gehen können, um zur Ruhe zu kommen. Doch sie wählte die Obdachlosen, die genau dort waren, wo sie nur in ihren Albträumen war. Sie bekamen Gesichter.

"Mitleid ist kein gutes Gefühl"

Der Namenlose am Straßenrand – hier heißt er Pierre, Louis oder Bassam. "Viele fragen mich, wie es ist, mit Obdachlosen umzugehen, wie man sich verhält", erzählt Benhouil, der seit Jahren beim Frühstück für die Obdachlosen hilft. "Ich sage ihnen immer: Das ist genauso leicht und genauso schwierig wie mit anderen Menschen auch."

Mit einem Unterschied: Die Normalität verschwindet bei manchen von einer Sekunde auf die andere. Sie macht dann Aggression und Wut Platz. So wie bei Bassam, der ein zupackender, durchsetzungsstarker und fähiger Typ ist, aber wegen einer Kleinigkeit schnell austicken kann. "Viele hier haben psychische Probleme, vielleicht sogar die meisten", sagt Marie-Hélène. Sie sagt es ruhig, feststellend. Mitleid hat sie keines mehr. "Das ist ohnehin kein gutes Gefühl", sagt sie. "Keiner will es und es ist auch nicht angebracht." Wenn sie an einem Obdachlosen mit einem Schild vorbeigeht, auf dem "Ich habe Hunger" steht, berührt sie das nicht mehr, wie sie ganz offen sagt. "Keiner in Paris muss Hunger haben, es ist für alle durch verschiedene Einrichtungen gesorgt", sagt Marie-Hélène.

Aus der Kurve geflogen

Unter den Café-Besuchern hatten einige früher alltägliche Existenzen. Da ist der Musiklehrer, der 30 Jahre lang in Deutschland unterrichtete und nach einem Unfall psychisch seinen Alltag nicht mehr fortsetzen konnte. Oder Pierre, der sein Leben lang durch die Welt gereist ist, aus Bolivien zehn Jahre lang Instrumente und Kleidung exportiert hat. Als seine Mutter krank wurde und er nach Frankreich zurückkehrte, geriet er aus dem Gleichgewicht. An sein altes Leben erinnern nur sein Hut mit der gelb-rot-grünen Schärpe und sein dunkelroter Kaschmirschal. Seine Zähne sind kaputt, er ist dürr. Wenn seine Gesundheit einmal wieder besser wird, will er nach Bolivien zurück, kündigt er an.

Für Charles Le Gac de Lansalut, Vertreter der Caritas France in Paris, ist das hier "ein Platz für jedermann". Das schöne Paris ist sehr förmlich, geradezu höfisch. Aber an diesem Ort kennt man sich, nennt sich beim Vornamen. Alle duzen sich. Le Gac de Lansalut nennt das "die Schönheit der Beziehungen", die hier gewachsen sind. Er hofft, dass dieser Ort woanders wieder entstehen wird.

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