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Paris im Freudentaumel - "Deschamps ist der wahre Jupiter"

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Die Equipe Tricolore ist Fußball-Weltmeister. Die Freude über den Erfolg ist in Frankreich grenzenlos. Die Hauptstadt Paris steht Kopf.

Paris im Freudentaumel
Frankreich ist Weltmeister: Paris im Freudentaumel
Quelle: reuters

Schon am Morgen staute sich die Hitze in der Stadt, die Anspannung entlud sich am Sonntagmittag in einem nicht enden wollenden Hupkonzert. Voller Vorfreude auf das Spiel, aber auch vor Nervosität, der schöne Traum könnte platzen. Denn der WM-Titel bedeutet für die Franzosen viel mehr als Fußballweltmeister zu sein. Er gibt ihnen die Leichtigkeit und Freude wieder, die ihnen seit den Anschlägen vor drei Jahren etwas abhandengekommen ist. Es ist eine Rückkehr zu einem fröhlicheren, leichteren Selbst, das sich wieder etwas zutraut.

Der Trainer hat sie zusammengeschweißt

Der Fußballtrainer Didier Deschamps und seine Mannschaft haben das Land nicht nur verzaubert, sie haben es geeint. "Deschamps", sagt Vanessa, eine elegante Pariserin und Geschäftsfrau im Fußballfieber, "ist der wahre Jupiter". Damit spielt sie auf den Präsidenten Emmanuel Macron an, der bei seinem Einzug in den Élysée Palast mit dem tatkräftigen römischen Gott verglichen wurde und sich inzwischen am Reform-Widerstand seiner Landsleute die Zähne ausbeißt. Nicht er, sondern Deschamps hat Wunder möglich gemacht.

Der Trainer hatte den Mut, aus jungen Spielern eine Mannschaft zu formen, er hat sie zusammengeschweißt und zu einer Disziplin bewegt, an die Franzosen nach dem Desaster im Jahr 2010 nicht mehr geglaubt haben. "Das Bild von der WM-Mannschaft, die sich damals verweigerte, hat keiner vergessen", sagt Vanessa. "Deschamps hat den Franzosen wieder Mut und Energie gegeben, etwas, das durch die Anschläge, dem anstrengenden, stagnierenden Alltag, den vielen Steuerabgaben doch etwas verloren gegangen war", sagt sie. "Der WM-Sieg ist gut für Macrons Reformen."

Integration und Einheit sind plötzlich möglich

Deschamps hat in den Franzosen das geweckt, was Emmanuel Macron mühsam versucht: Teamgeist, Jubel und Lust auf eine neue Ära. Die Franzosen, das zeigt Deschamps, können mehr als Streiks. Die Auswahl der Spieler, ganz überwiegend mit Migrationshintergrund, eint ebenfalls die französische Gesellschaft, wie es bislang nicht gelang.

"Die Franzosen stellen fast ausschließlich Franzosen mit dem selben Hintergrund ein, selbst diejenigen aus dem Kolonien mit französischem Pass haben es schwer, hier Fuß zu fassen", sagt ein in Paris lebender Engländer, der in einem internationalen Konzern arbeitet. Plötzlich ist Integration und Einheit doch möglich. Vor der Bastille trommeln französisch-afrikanische Fans, in blau-weiß-rot umhüllt, der Mannschaft vor dem Spiel Mut zu und tanzen ausgelassen mit den Passanten. Seit Tagen singen die Menschen auf der Straße ihre Nationalhymne, die Marseillaise. "Le jour de gloire est arrivé!" Der Tag des Ruhms ist gekommen. "Bis vor Kurzem kannte kaum einer richtig den Text", sagt David, ein Mittvierziger Pariser, der eben diese Ermüdung ausstrahlt, von der Vanessa gesprochen hat.

"Heute sind wir alle Franzosen"

Im Café "Les Chimères" im Marais ist von den Spuren des Alltags nichts zu spüren. Adeline, eine Architektin, ruft in der Halbzeit: Wer hat die Farben blau-weiß-rot? Eine junge Frau mit Rastazöpfen hilft aus. Ein indischer Hipster mit seinem ebenso bärtigen Ehemann lassen sich gleich mit bemalen. In der 55. Minute stimmen alle ein in die Marseillaise. Es hilft: Das 3:1 fällt. Doch es fallen noch mehr Tore. Und dann der Freudentaumel: Frankreich ist Weltmeister. Adeline und das ganze Bistro sind außer sich vor Freude. "Das ist gut für das ganze Land, für die Reformen", sagt sie. Eine 48-jährige Frau mit dem Namen Fanta stimmt ihr zu: "Das ist wie eine gemeinsame Taufe. Heute sind wir alle Franzosen."

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