Sie sind hier:

Parlamentswahl in Südafrika - "Viele Südafrikaner trauen gar keiner Partei"

Datum:

Schlechte Schulen, extreme Arbeitslosigkeit, Krebsgeschwür Korruption: Die südafrikanische Politologin Sanusha Naidu spricht im Interview über die Probleme ihres Landes.

heute.de: Südafrika ist reich an Bodenschätzen. Weshalb leben dennoch viele Millionen Menschen in Armut?

Sanusha Naidu: Der Reichtum des Landes ist sehr ungleich verteilt. Bislang halten sehr wenige fast alles in den Händen, während ein Großteil der Bevölkerung leer ausgeht. Eine kleine Gruppe von Menschen besitzt den Großteil der Unternehmen des Landes und profitiert davon. Hinzu kommt, dass der Bergbau die südafrikanische Wirtschaft nach wie vor dominiert und das Land es bislang nicht geschafft hat, genügend andere Industrien und Wirtschaftszweige aufzubauen. Das heißt: Es gibt massive Abhängigkeiten und viele Menschen finden keine Arbeit. Das bringt sie in existenzielle Not.

heute.de: "Ein besseres Leben für alle", hat der frühere Präsident Nelson Mandela einst den Südafrikanern versprochen. Sein Nachfolger Jacob Zuma allerdings galt als korrupt, die Regierungspartei ANC wurde schon als "Mafia-Clique" beschrieben. Wo steht die Partei am heutigen Tag, an dem Südafrika ein neues Parlament wählt?

Naidu: Es stimmt, dass bestimmte Politiker die Partei als ihren Privatclub angesehen und ausschließlich für ihre Eigeninteressen genutzt haben, um sich zu bereichern. Dieser kriminelle Egoismus hat dem Land und dem Ansehen des ANC sehr geschadet. Zumas Nachfolger Cyril Ramaphosa ist im Februar 2018 mit dem Versprechen angetreten, die Korruption zu bekämpfen. Er hat dem Versprechen auch Taten folgen lassen und zum Beispiel eine Kommission eingesetzt, die alle ANC-Kandidaten überprüft hat. Es wäre wichtig gewesen, die Ergebnisse vor der Wahl zu veröffentlichen - aber sie sind noch unter Verschluss. Ramaphosa hat im ANC starke Gegenspieler, die viel zu verlieren haben und noch immer über viel Macht verfügen. Viele Südafrikaner verbittert das und sie wissen nicht, wen sie wählen sollen.

heute.de: Dabei haben sie auf dem Papier die Wahl zwischen 48 Parteien.

Naidu: Ja, aber viele von ihnen sind schwach organisiert und keine echte Konkurrenz für den ANC, der noch immer Millionen Wähler mobilisieren kann. Es sind zwar weniger als zu Mandelas Zeiten, aber es wird wohl deutlich ausreichen, um diese Wahl zu gewinnen. Die Bindung vieler Südafrikaner zu der Bewegung, die sie von der Apartheid befreit hat, ist nach wie vor groß. Interessant ist aber vielmehr, wie viele Menschen den Wahlurnen fernbleiben werden, weil sie gar keiner der Parteien vertrauen und sich weder vom ANC noch von der Opposition eine bessere Zukunft versprechen.

heute.de: Welche Sorgen bedrängen die Südafrikaner vor allem?

Naidu: Wo soll ich anfangen? Die Problemlage ist sehr komplex: Die Arbeitslosenquote etwa liegt offiziell bei 27 Prozent. Hinzu kommt eine Vielzahl prekärer Arbeitsverhältnisse und circa 60 Prozent der Jugendlichen haben keinen Job. Das hängt einerseits damit zusammen, dass die Wirtschaft an Kraft verloren hat, andererseits ist das südafrikanische Bildungssystem marode. In eine Schulklasse gehen fast 50 Kinder.

Karte: Südafrika
Karte: Südafrika
Quelle: ZDF



heute.de: Angeblich können 80 Prozent der Schüler im Alter von neun Jahren nicht lesen. Das klingt unglaublich.

Naidu: Mit der Zahl von 80 Prozent wäre ich etwas vorsichtig. Aber stimmt, dass sehr viele Schüler im Alter von zehn Jahren nicht wirklich lesen können. Viele Schulabgänger haben letztlich nicht die Qualifikation, die es braucht in der heutigen Arbeitswelt. Südafrika hat außerdem ein starkes Bevölkerungswachstum. Weil es auf dem Land keine Arbeit gibt, drängen die Leute massiv in die Städte. Die Politik hat sich darauf aber nicht wirklich vorbereitet - es fehlt an Wohnungen und sonstiger Infrastruktur. Sauberes Trinkwasser zu bekommen ist vielerorts ein Problem; von dem Entsorgen der Abwässer ganz zu schweigen.

heute.de: Südafrikas Präsident Ramaphosa ist als Reformer und Bekämpfer der Korruption angetreten. Sie sagen, dass seine Macht durch die eigene Partei, den ANC, beschränkt werde. Welche Auswirkungen haben diese Parlamentswahlen?

Naidu: Die Bürger Südafrikas vertrauen dem Präsidenten mehr als seiner Partei. Viele sagen: Ich mag Ramaphosa, aber nicht den ANC. Wenn die Partei jetzt dennoch ein starkes Ergebnis erzielen sollte, wäre das ein Zeichen der Unterstützung für Ramaphosas Politik, die Korruption in der Partei und im Land zu bekämpfen. Der Präsident hat den Südafrikanern vor einem Jahr den Aufbruch in eine bessere Zukunft versprochen. Jetzt können die Weichen dafür gestellt werden.

Das Interview führte Marcel Burkhardt.

Südafrikas Situation heute

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Zur Merkliste hinzugefügt! Merken beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Sie haben sich mit diesem Gerät ausgeloggt.

Sie haben sich von einem anderen Gerät aus ausgeloggt, Sie werden automatisch ausgeloggt.

Ihr Account wurde gelöscht, Sie werden automatisch ausgeloggt.

Um Sendungen mit einer Altersbeschränkung zu jeder Tageszeit anzuschauen, kannst du jetzt eine Altersprüfung durchführen. Dafür benötigst du dein Ausweisdokument.

Du wechselst in den Kinderbereich und bewegst dich mit deinem Kinderprofil weiter.

An dieser Stelle würden wir dir gerne die Datenschutzeinstellungen anzeigen. Entweder hast du einen Ad-Blocker oder ähnliches in deinem Browser aktiviert, welcher dies verhindert, oder deine Internetverbindung ist derzeit gestört. Falls du die Datenschutzeinstellungen sehen und bearbeiten möchtest, prüfe, ob ein Ad-Blocker oder ähnliches in deinem Browser aktiv ist und schalte es aus. So lange werden die standardmäßigen Einstellungen bei der Nutzung der ZDFmediathek verwendet. Dies bedeutet, das die Kategorien "Erforderlich" und "Erforderliche Erfolgsmessung" zugelassen sind. Weitere Details erfährst du in unserer Datenschutzerklärung.