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25. Todestag - Willy Brandt: Könnte einer wie er die SPD retten?

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Die SPD in der Krise, was müsste ein Retter können? Heute vor 25 Jahren ist Willy Brandt gestorben. Wäre mit ihm vielleicht alles anders? "Er war eine große Integrationsfigur, in der heutigen Zeit würde er aber sicher auch an Grenzen stoßen", sagt Parteienforscher Matthias Micus.

Mit Andrea Nahles an der Spitze will sich die SPD im Bundestag von ihrer Wahlniederlage erholen. Bei der Bundestagswahl hatte die SPD mit 20,5 Prozent ihr schlechtestes Nachkriegsergebnis erzielt.

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heute.de: Über die Jahre vergisst man ja manchmal so einiges. War Willy Brandt wirklich ein so hervorragender Parteichef?

Matthias Micus: Jedenfalls war er als Parteivorsitzender in den 1970er und 1980er Jahren der richtige Mann am richtigen Platz. Er hat es geschafft, die SPD in ausgesprochen turbulenten Zeiten zusammen zu halten. Vom Ende der 1960er Jahre an hat sich die Partei radikal umgewälzt. Am besten sieht man das an der Mitgliederstruktur. Fast drei von vier Genossen, die 1977 in der Partei sind, waren es zehn Jahre zuvor noch nicht. Diesem Austausch entsprach ein enormer Wandel.

heute.de: Wer kam da in die Partei?

Micus: Das waren vor allem akademische, junge Leute aus bürgerlichen Elternhäusern, die ganz anders tickten als die Alten, die noch durch die Arbeiterbewegung geprägt waren und eine hohe Disziplin und Folgebereitschaft aufwiesen. Plötzlich wurde in der SPD, wie zuvor in der Studentenbewegung, hitzig diskutiert und Kritik geübt - auch an der Parteiführung. Trotz der damit verbundenen permanenten inneren Auseinandersetzungen und Konflikte, die auch zu Abspaltungen hätten führen können, hat Brandt die Partei und ihre Flügel zu integrieren vermocht.

heute.de: Was war sein Erfolgsrezept?

Micus: Zunächst einmal begegnete er der kritischen Jugend mit großem Verständnis und Toleranzbereitschaft. Er hatte ja selbst als Jugendlicher im Clinch mit den Parteialtvorderen gelegen und sein ältester Sohn war ein aktiver 68er. Und während er als Regierender Bürgermeister von Berlin 1957-1966 zu den Parteirechten gezählt worden war, begeisterte seine Deutschland- und Ostpolitik auch die Parteilinke. Dadurch vereinte er in seiner Person obendrein die linken und rechten Strömungen in der Partei.

heute.de: Außer ihm hätte das so keiner geschafft?

Micus: Herbert Wehner jedenfalls nicht. Der war viel zu autoritär, in seiner Haltung zu hart und starr. Wehner hatte schon als Fraktionsvorsitzender große Probleme mit der jüngeren Abgeordnetengeneration, die nicht einfach mehr nur blindlings folgen wollte. Und auch Helmut Schmidt hätte die innerparteilichen Differenzen wohl nicht befrieden können. Schmidt hatte kein Verständnis für überschießende Emotionen und exaltierte Ideologiedebatten. Für ihn zählten nur Vernunft, Nüchternheit, Leistung.

heute.de: Springen wir einmal in die Gegenwart: Wäre die Situation der SPD heute anders, wäre da noch Willy Brandt an der Spitze?

Micus: Ein zentrales Problem der SPD ist, dass die Partei kaum noch überzeugendes Führungspersonal besitzt, das sich für Spitzenpositionen aufdrängen würde. Derjenige Parteiführer der letzten Jahre, der noch am ehesten besonders und außergewöhnlich war, ist Sigmar Gabriel gewesen. Er vereint ein gutes Gespür für Themen mit einer hervorragenden Redegabe, damit stellt er viele andere in den Schatten. Sein Problem ist und war allerdings stets, dass er um seine Fähigkeit allzu gut Bescheid wusste, weshalb er auf Beratung nicht viel gab und ständig zu irgendwelchen Alleingängen neigte. Die SPD hat enorm unter seiner Sprunghaftigkeit gelitten, obwohl er, noch einmal, sicherlich die größte Führungsbegabung der letzten Jahre war.

heute.de: Und Schröder?

Micus: Das war natürlich ein absoluter Instinktpolitiker, ein überragender Wahlkämpfer, aus kleinsten Verhältnissen aufgestiegen, dadurch mit der nötigen Härte ausgestattet und wenig skrupellos in der Ausnutzung der Schwachstellen seiner Gegner. Schröder gehörte zu einer Alterskohorte, die in den besagten späten 1960er und frühen 1970er Jahren in so großer Zahl in die SPD eingetreten war, dass sie untereinander, bei Kongressen der SPD-Jugendorganisation Jusos, harte Auslesekämpfe austrug und in der Mutterpartei gegenüber den älteren Genossen die innerparteiliche Machtfrage stellen konnte. Schröder ging in dieser formativen Zeit durch das politische Feuer. Das ist ein gravierender Unterschied zu heute ...

heute.de: ... inwiefern?

Micus: Angesichts des fehlenden Nachwuchses in den Parteien werden die Jüngeren durch die Älteren frühzeitig protegiert und auch aus Imagegründen, um die tatsächliche Überalterung zu kaschieren, oftmals rasch in Ämter und Mandate gebracht. Wer aber kampflos überall reinkommt, der muss keine Widerstände aushalten, nicht Kritik wegstecken und das Risiko der Niederlage nicht einzukalkulieren lernen. Vor 40 Jahren waren die Auswahlverfahren in der SPD noch andere. Wer da hindurch kam, der war durchsetzungswillig und konfliktfähig. Solche Persönlichkeiten fehlen aktuell. Man muss andererseits klar sagen: Auch Willy Brandt könnte die Zeit nicht zurückdrehen und die SPD zu alter Stärke führen.

heute.de: Weil sich die Menschen geändert haben?

Micus: Menschen, Politik, Feindbilder - fast alles hat sich geändert. In den 1960er Jahren gab es Kommunismus und Antikommunismus - und dazwischen genügend Raum für die Sozialdemokratie. Der Ostblock ist heute längst Vergangenheit - und die Gesellschaft ist insgesamt erheblich vielfältiger geworden. An die Stelle einer überschaubaren Zahl großer homogener Blöcke ist ein kleinteiliges Mosaik von unterschiedlichen Lebensstilen getreten. Über eine solch heterogene Vielfalt lässt sich viel schwerer das verbindende Dach einer Volkspartei spannen. Das würde auch ein Willy Brandt zu spüren bekommen.

Das Interview führte Christian Thomann-Busse.

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