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Gewalt in der Partnerschaft - Jeden Monat töten zwölf Männer ihre Partnerin

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Fast 140.000 Menschen erleiden jedes Jahr Gewalt in der Partnerschaft. Täter sind meist die Männer. Die wichtigsten Zahlen im Überblick - und von einem Psychologen erklärt.

Das BKA registrierte im vergangenen Jahr fast 140.000 Fälle von Gewalt in Beziehungen. Vier von fünf Opfern sind weiblich. Bundesfamilienministerin Giffey will Frauenhäuser stärker fördern.

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Im vergangenen Jahr wurden jeden Tag etwa 188 Frauen und 44 Männer durch ihren Partner oder ihre Partnerin verletzt. Etwa sieben Frauen wurden pro Tag von ihrem Partner vergewaltigt oder sexuell genötigt. Und jeden zweiten Tag wurde ein Mensch von seinem Partner oder seiner Partnerin umgebracht.

Diese Zahlen stammen aus einer aktuellen Auswertung des Bundeskriminalamts. Sie zeigen, wie oft Menschen in Deutschland 2017 Gewalt in ihrer Beziehung durchlitten haben. Insgesamt in 138.893 Fällen, sagt die Statistik - die nicht nur alle Arten von Körperverletzungen umfasst, sondern auch Mord, Totschlag, Vergewaltigung und sexuelle Nötigung sowie psychische Gewalt wie Bedrohung, Stalking und Nötigung. Außerdem zeigt sie erstmals Straftaten auf, die die Freiheit der sexuellen Selbstbestimmung einschränken, nämlich Zuhälterei und Zwangsprostitution. Als Partnerschaften sind dabei Ehepartner, eingetragene Lebenspartnerschaften, Partner nichtehelicher Lebensgemeinschaften und ehemalige Partnerschaften definiert.

Partnerschaftliche Gewalt belastet das Leben der Opfer – häufig auch das der Täter. Zudem wird oft die ganze Familie in Mitleidenschaft gezogen oder zerstört. Beratungsstellen für gewalttätige Männer arbeiten mit Frauenhäusern und Jugendämtern zusammen.

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Alle Zahlen beruhen auf der Polizeilichen Kriminalstatistik - und sind deshalb unvollständig. Denn sie zeigen nur die Verbrechen, die Opfer zur Anzeige gebracht haben oder die von der Polizei ermittelt wurden. Die sogenannte Dunkelziffer ist vermutlich um einiges höher. Familienministerin Franziska Giffey (SPD) geht im ZDF davon aus, "dass nur 20 Prozent der Betroffenen sich Hilfe suchen".

Dennoch liefert die Auswertung des Bundeskriminalamts zahlreiche Anhaltspunkte zur Gewalt in der Partnerschaft.

Die wichtigsten Zahlen im Detail und erklärt

  • Männer als Täter, Frauen als Opfer: 113.965 der Opfer waren Frauen. Das sind 82,1 Prozent. 24.928 der Opfer waren Männer. Das sind 17,9 Prozent. Bei den 116.043 ermittelten Tatverdächtigen ist es umgekehrt. Dort gab es 93.494 Männer, 80,6 Prozent, und 22.549 Frauen, 19,4 Prozent. Auffällig: Je älter die Tatverdächtigen sind, desto häufiger sind sie männlich. In der Altersklasse der bis zu 20-Jährigen sind 69,1 Prozent aller Tatverdächtigen männlich, 30,9 Prozent weiblich. Bei den ab 60-Jährigen sind 85,2 Prozent aller Tatverdächtigen Männer, nur noch 14,8 Prozent Frauen.

Der Darmstädter Psychologe Jens Hoffmann vom Institut Psychologie und Bedrohungsmanagement beschäftigt sich seit Jahren mit Drohungen, Stalking und Gewalt - und weiß, warum Männer in Beziehungen eher zu Tätern werden als Frauen. "Es gibt immer noch eine Legitimation männlicher Gewalt", erklärt Hoffmann, bestärkt durch Stereotypen. Ein Mann könne sich nicht alles von einer Frau gefallen lassen. "Da gibt es auch subkulturelle Einflüsse, Situationen, in denen ein Mann deutlich zeigen muss, dass er die Frau im Griff und unter Kontrolle hat." Außerdem gebe es immer noch Bevölkerungsgruppen, in denen "für uns betrachtet sehr alte, fast schon archaische" Rollenbilder dominierten, "wo es auch als absolute Berechtigung angesehen wird, dass ein Mann Frauen und Kinder schlagen darf", sagt Hoffmann.

Für die Unterstützung von Frauenhäusern gibt die Regierung ab 2019 sechs Millionen Euro aus und "im darauffolgenden Jahr über 35 Millionen", so Familienministerin Franziska Giffey.

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  • Körperverletzungen dominieren: Die häufigste Straftat in Beziehungen sind einfache Körperverletzungen. Insgesamt gab es im letzten Jahr 84.752. Damit machen sie 61 Prozent der Gewalttaten aus. Es folgen Bedrohung, Stalking und Nötigung mit 32.382 Fällen (23,3 Prozent), gefährliche Körperverletzungen mit 16.627 Fällen (12,1 Prozent) und Vergewaltigungen sowie sexuelle Nötigungen mit 2.752 Fällen (2 Prozent). Außerdem versuchten 455 Menschen, ihren Partner oder ihre Partnerin umzubringen - 173 mal starb am Ende ein Mensch. Die restlichen Straftaten in Beziehungen waren Freiheitsberaubungen (1.785 Fälle), schwere Körperverletzungen (57 Fälle), Zuhälterei (49 Fälle), Zwangsprostitution (26 Fälle) und Körperverletzungen mit Todesfolge (acht Fälle).
  • Die meisten Morde und Tötungen geschehen allerdings außerhalb einer Partnerschaft: In Deutschland gab es im vergangenen Jahr 731 Fälle von vollendetem Mord oder Totschlag. 173 davon geschahen in einer Partnerschaft. Das sind 23,6 Prozent. In 109 Fällen war es der Ehemann oder die Ehefrau. Das entspricht 14,9 Prozent aller Fälle.

Was aber bringt jemanden dazu, gegen seinen Partner oder seine Partnerin Gewalt anzuwenden? Der Darmstädter Psychologe Hoffmann nennt mehrere Motive. "Manche haben Angst, dass ihre Partner sich verselbständigen und ein eigenes Leben aufbauen." Gewalt sei dann ein Mittel, um wieder die Kontrolle zu gewinnen. "Es gibt aber auch Gewalttäter, die nur selten Gewalt anwenden, die eher konfliktvermeidend sind - und nicht wissen, wie sie gewisse Themen ansprechen und ihre Bedürfnisse formulieren sollen", erklärt der Psychologe. Die Gewaltausbrüche dieser Männer seien eher Ausdruck einer Überforderung. Und vieles, sagt Hoffmann, hänge auch mit der eigenen Biografie zusammen. "Es gibt Menschen, die von Kindesbeinen an gelernt haben, dass Gewalt ein völlig adäquates Mittel ist", sagt Hoffmann. Solche Täter würden Gewalt oft sehr gefühlskalt anwenden.

  • Es sind fast nur Männer, die vergewaltigen, nötigen und bedrohen: 99 Prozent aller Tatverdächtigen bei Vergewaltigungen und sexueller Nötigung waren Männer. Bei Fällen der psychischen Gewalt, also Bedrohung, Stalking und Nötigung, waren 88,6 Prozent aller ermittelten Tatverdächtigen Männer. Eine ähnlich hohe Quote gab es sonst nur im Bereich der Zuhälterei, wo 98 Prozent aller Tatverdächtigen männlich waren.

Häufig unterschätzt werden noch die gesellschaftlichen Folgen, die häusliche Gewalt haben kann. Vor einigen Jahren hat Hoffmann mit einem Team für die Technische Universität Darmstadt untersucht, wie sich Stalking auf Frauen auswirkt. Das Ergebnis: Frauen, die von Stalking betroffen sind, haben im Durchschnitt 61 Krankheitstage. "Das soll nicht unempathisch klingen: Aber natürlich ist es auch ein wichtiges Thema, auszurechnen, was das für die Volkswirtschaft kostet", sagt Hoffmann. "Denn die Kosten für Arbeitsausfall und Krankenkassen sind enorm."

  • Risiko für Frauen, in Partnerschaft zum Opfer zu werden, besonders hoch: Wie hoch die Gefahr für Frauen in Deutschland ist, in einer Beziehung Opfer einer Gewalttat zu werden, zeigt der Vergleich mit der Zahl aller relevanten Straftaten. Demnach gab es 2017 insgesamt 335.469 weibliche Opfer in Deutschland. Die 113.965 Straftaten in einer Partnerschaft machen damit einen Anteil von 34 Prozent aus. Bei den Männern wurden insgesamt 508.661 zu Opfern einer Straftat - aber nur 24.928 in einer Partnerschaft (4,9 Prozent).

Von außen betrachtet wirkt es oft unverständlich: Warum verlässt man einen gewalttätigen Partner nicht einfach? Doch Psychologe Hoffmann warnt: "Diese Frage kann sich nur jemand stellen, der das nicht selbst erlebt." Häufig gebe es Kinder, eine Familie. "Manchmal gibt es auch Partner, die im Prinzip noch nie selbständig gelebt haben. Da gibt es eine Urangst: 'Wie soll ich ohne meinen Mann, ohne meine Familie zurechtkommen?'" Zudem müsse man berücksichtigen, dass viele gewalttätige Partnerschaften zyklisch verliefen. "Es gibt die sogenannten 'Honeymoon'-Phasen'. Das sind gute, schöne Phasen, die auch lange andauern können", erläutert Hoffmann. "Wenn es dann wieder eine Phase der Gewalt gibt, ist es für viele nicht leicht, den Partner zu verlassen. Da gibt es immer wieder die Hoffnung, dass es auch wieder anders wird."

  • Täter gibt es in jeder Schicht - aber es gibt Auffälligkeiten: Der Vorwurf, dass Gewalt in der Partnerschaft vor allem bei sozial Schwächeren und Ausländern vorkommt, lässt sich so pauschal nicht halten. "Es geht durch alle gesellschaftlichen Schichten, es geht durch alle ethnischen Schichten", betont Familienministerin Giffey. Dennoch weist die Auswertung des Bundeskriminalamts Auffälligkeiten auf.
  • Beispiel Alkohol: 26.720 Tatverdächtige standen zur Tatzeit unter Alkoholeinfluss. Das sind 23 Prozent aller Tatverdächtigen. Bei den Männern waren es 24 Prozent, bei den Frauen 20.
  • Beispiel Herkunft: Bei einigen Delikten gibt es durchaus Auffälligkeiten bei der Herkunft der Täter - so auch bei versuchtem und vollendetem Mord in der Partnerschaft. Dort gab es insgesamt 469 Tatverdächtige. Die allermeisten davon waren Deutsche - 69,1 Prozent, oder, in absoluten Zahlen, 324. Das sind viel mehr als Afghanen (18 Tatverdächtige, 3,8 Prozent) und Syrer (15 Tatverdächtige, 3,1 Prozent). Allerdings ist der Anteil an Tatverdächtigen im Vergleich zum Anteil der Afghanen und Syrer an der Gesamtbevölkerung um das ungefähr Zwölf- beziehungsweise Vierfache erhöht - in Deutschland lebten im vergangenen Jahr 698.950 Syrer (0,8 Prozent der Gesamtbevölkerung) und 251.640 Afghanen (0,3 Prozent der Gesamtbevölkerung). Zur Wahrheit gehört aber wiederum auch, dass die meisten Tatverdächtigen männlich sind - und der Anteil der Syrer und Afghanen an der männlichen Gesamtbevölkerung etwas höher ist. Von 40.741.400 Männern in Deutschland waren 428.960 syrischer Herkunft (1,1 Prozent) und 166.015 afghanischer (0,4 Prozent).

Diesen Punkt sieht auch Hoffmann. "Bei den Syrern und Afghanen müssen wir schauen: Wer kommt eigentlich nach Deutschland?" Junge Männer seien dort übermäßig repräsentiert. Außerdem gebe es gehäuft Persönlichkeitsstrukturen, "die sich gerne robust durchsetzen und weniger Empathie zeigen", sagt Hoffmann - "gehäuft, nicht generell!" Aber, das dürfe man nicht außer Acht lassen: "Es gibt tatsächlich noch Subkulturen, bei denen Gewalt gegen Frauen legitimiert ist." Dafür müsse man jedoch nicht erst in andere Länder schauen. "Wenn wir uns Deutschland und Europa betrachtet: Da sah es vor 100 Jahren auch noch viel schlimmer aus. Da war es völlig legitim, Kinder zu schlagen", sagt Hoffmann. Dass das deutlich seltener geworden sei, verdanke man einer kulturellen Entwicklung und Veränderung - die es aber auch anderswo gebe.

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