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Kirchenkrise - Eine Pastorin für 13 Dörfer

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In Mitteldeutschland leidet das Kirchenleben unter Sparzwängen. Dorfpfarrer klagen über Stress und Frust und erhalten prominente Unterstützung: "Es läuft so vieles falsch."

pfarrer haelt augeschlagene bibel
Gottesdienst in Dessau Quelle: dpa

Kurz vorm finalen Reformationsfestjubel haben Friedrich Schorlemmer und Christian Wolff ihre Finger ganz bewusst in eine klaffende Wunde gelegt: "Wider die Selbsttäuschung", rufen die beiden prominenten Pfarrer und beklagen den Bedeutungsverlust der Kirchen im Stammland der Reformation, der "mit Händen zu greifen" sei und mit wachsender Intensität voranschreite. "Es läuft so vieles falsch", sagt Wolff im heute.de-Gespräch.

"Alles ist im Niedergang"

schorlemmer, friedrich - in seinem arbeitszimmer 2015
Friedrich Schorlemmer Quelle: dpa

Schorlemmer und Wolff kritisieren die groß angelegten Feierlichkeiten des Jubiläumsjahres "500 Jahre Reformation" als "überdimensioniertes Mammutprogramm", als "grandiose Selbsttäuschung", in einer Zeit, in der die "tiefe inhaltliche und strukturelle Krise vieler Kirchgemeinden" offensichtlich sei. Gleichzeitig fragen sie: "Wie können die Gemeinden vor Ort dem dramatischen Traditionsabbruch begegnen?"

Pastorinnen und Pfarrer in Mitteldeutschland danach befragt, antworten unisono, dass ihnen Kirchen-Strukturreformen die Arbeit zunehmend erschwerten. "Viele von uns haben inzwischen so viele Gemeinden zu betreuen, dass wir keine echte Nähe mehr zu den Menschen aufbauen können, der Kontakt reißt ab, alles ist im Niedergang", sagt ein Pfarrer, der anonym bleiben möchte, aus Sorge, als "Nestbeschmutzer" bestraft zu werden.

"Strukturreformen produzieren immensen Frust an der Basis"

Der Mann ist als Seelsorger zeitlich befristet bestellt. Er fürchtet, dass seine Stelle bei der nächsten Strukturreform wegfallen könnte: "Wenn das Pfarramt wegfällt, muss auch der Pfarrer weiterziehen und die Gemeinde wird im Stich gelassen."

Mit seinen Sorgen steht der Pfarrer nicht allein, wie sich in heute.de-Gesprächen mit verschiedenen Kirchenvertretern herausstellt. Eine Sprecherin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland wollte sich auf Anfrage nicht zu dem Thema äußern. Christian Wolff, der ehemalige Pfarrer der Thomaskirche Leipzig, sagt stattdessen, er kenne die Ängste und Nöte vieler Dorfpfarrer. "Die so genannten Strukturreformen produzieren immensen Frust an der Basis."

Dorfpastorin Ellen Hoffmann übt sich im "ständigen Jonglieren"

Die Evangelische Kirche befindet sich in einem Dilemma, denn einerseits fehlen ihr vor allem in Ostdeutschland die Einnahmen in Zeiten weiter sinkender Mitgliederzahlen, andererseits beklagen viele Pfarrer, dass ihnen durch immer stärkere Sparzwänge die Möglichkeiten genommen werden, ein vitales Gemeindeleben zu gestalten. Christian Wolff sagt: "Nur wenn wir wissen, was wir wirklich in den Gemeinden wollen, hat die Kirche eine Chance."
Pastorin Ellen Hoffmann aus Altendorf bei Jena kennt die Antwort für sich. Seit 25 Jahren ist sie im Kirchendienst; sie betreut inzwischen 13 Dorfgemeinden und leistet zudem noch Seelsorgearbeit in einer psychiatrischen Klinik und in einem Altenheim. "Es ist ein ständiges Jonglieren", sagt sie, "aber ich versuche weiter, für die Leute da zu sein, ihnen Halt und Hoffnung zu geben." 

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3 min
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Gottesdienst optimieren: "Kirche geht so an den Menschen vorbei."

Weil sie den Gottesdienst sonntags nicht in allen Gemeinden feiern kann, bietet sie ihn in verschiedenen Dörfern unter der Woche an und greift dabei zur Gitarre, wenn es keinen Organisten gibt. Zudem organisiert Hoffmann Gesprächskreise und den Konfirmandenunterricht. Sie ist eine engagierte, warmherzige und intelligente Frau, die Menschen rasch für sich gewinnen kann. Aber auch sie gerät häufig an ihre Grenzen. "Manchmal habe ich das Gefühl, ich müsste mich teilen können", sagt sie.
Auch andere Dorfpfarrer in Mitteldeutschland kennen das. Einer sagt: "Ich springe die ganze Zeit hin und her und habe trotzdem das Gefühl, es keinem mehr recht zu machen." Von der Landeskirche habe er Papiere bekommen, wie er seinen Gottesdienst "optimieren" könne. Er bezeichnet das als lächerlich: "Kirche geht so doch an den Menschen vorbei!"

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