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Patrick Süskind wird 70 - Der unsichtbare Autor

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In seinen Romanen porträtiert er Außenseiter, in seinen Drehbüchern nimmt er sich der Schickeria an. Nach dem Weltbestseller "Das Parfüm" von 1985 hat sich Süskind zurückgezogen.

Zwei Männer tragen den Aufsteller mit dem Buchcover des Romans "Das Parfüm" von Patrick Süskind davon
Das Buch ist überall, der Autor fast nirgends zu finden. Patrick Süskind wird heute 70. Bekannt wurde er mit seinem Roman über einen Mörder, der den perfekten Duft erschaffen will.
Quelle: frank may, dpa

Patrick Süskind scheint ein ganz besonderes Talent zu haben. Er kann sich rarmachen - sogar wenn er da ist. "Sechzig Minuten zu schweigen, wäre für ein Gespräch zwischen zwei Personen, die eng befreundet waren, nicht üblich, wenn eine der Personen nicht Patrick Süskind hieße", schrieb der 2015 gestorbene Regisseur Helmut Dietl in seinen Erinnerungen "A bissel was geht immer" über seinen engen Freund. "Er verfügte über etliche Varianten der stummen Anwesenheit, die für den Kenner eine gesteigerte Art von Abwesenheit signalisierten." Oft, so schrieb es Dietl, denke Süskind dann ans Kochen und Essen.

Porträt Patrick Süskind
Eines der wenigen Porträtfotos von Patrick Süskind. Das Bild ist undatiert. Es stammt aus dem Archiv des Diogenes Verlag.
Quelle: Philipp Keel, Diogenes Verlag

Heute wird Patrick Süskind 70 Jahre alt. Er verweigert sich in diesen Tagen konsequent dem Literaturbetrieb. Süskind gibt kaum Interviews, lehnt Fotos und Auszeichnungen ab und ließ sich bei der Film-Premiere seines Bestseller-Romans "Das Parfüm" nicht blicken. Seit mehreren Jahren wurden von ihm keine aktuellen Fotos mehr veröffentlicht. Das letzte Bild, auf dem Süskind angeblich zu sehen ist, wurde 2012 bei einer Veranstaltung der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung aufgenommen. Das Foto zeigt lediglich ein linkes Auge und ein Ohr, weswegen nicht sicher gesagt werden kann, ob es Süskind ist oder nicht. Das ist auch der Grund, warum wir es an dieser Stelle nicht zeigen. Süskind soll in München leben, am Starnberger See, wo er 1949 in Ambach geboren wurde, und außerdem im südwestfranzösischen Montolieu.

"Das Parfüm": Startauflage von 50.000 Exemplaren

Der Erfolg von "Das Parfüm" begann in der Zeitung: Joachim Fest, damals Feuilleton-Herausgeber der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", brauchte 1984 dringend einen Text für den traditionellen Fortsetzungsroman. Mit Süskinds "Parfüm" gelang ihm ein Coup: die größte Leser-Resonanz, die das Feuilleton jemals erhalten hatte. Sein Literaturchef Marcel Reich-Ranicki schrieb über Süskind: "Ein deutscher Schriftsteller, der des Deutschen mächtig ist; ein Romancier, der uns nicht mit dem Spiegelbild seines Bauchnabels belästigt."

Ein deutscher Schriftsteller, der des Deutschen mächtig ist; ein Romancier, der uns nicht mit dem Spiegelbild seines Bauchnabels belästigt.
Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki über Patrick Süskind

"Das Parfüm" erschien im Frühling 1985 mit einer sagenhaften Startauflage von 50.000 Exemplaren im Zürcher Diogenes Verlag. Aber den Literaturpreis der FAZ wollte Süskind 1987 nicht haben. Auch den französischen Preis für das beste Debüt lehnte er 1986 ab. Wie sein mörderischer Protagonist Jean-Baptiste Grenouille, der sich in der Mitte des Romans für sieben Jahre im französischen Zentralmassiv verkriecht, so verschwand auch sein geistiger Vater von der Bildfläche.

"Der Kontrabass": Erfolgreicher Monolog eines Kontrabassisten

Süskind, der nach dem Abitur in München und Aix-en-Provence Geschichte studiert hat, ist gesellschaftlichen Außenseitern verfallen. Schon sein Monodram "Der Kontrabass" (1981) wurde weltberühmt und war in der Spielzeit 1984/85 das meistgespielte Stück an deutschsprachigen Bühnen. Der Monolog eines alternden, verbitterten Kontrabassisten steht noch immer im Repertoire deutscher und internationaler Theater.

"Das Parfüm" mit seinen rund 20 Millionen verkauften Exemplaren wurde in 49 Sprachen übersetzt. Die Leser rissen sich um die Geschichte eines bestialischen Mörders, der im 18. Jahrhundert 26 Jungfrauen meuchelt, um aus ihrem individuellen Geruch Spitzenparfüme zu kreieren. Grenouille, der im Gestank eines Pariser Marktes zur Welt kommt, hat zwar keinen Eigengeruch, dafür aber eine Nase mit der olfaktorischen Fähigkeit eines Hundes.

"Das Parfüm" wurde 2006 als Kinofilm verfilmt

Überaus suggestiv erzählt Süskind von der Bestie, in die sich der Mensch verkehren kann. Der Roman wird zur historischen Parabel, als Grenouille schließlich auf dem Schafott steht und die lüsterne Masse mit einem Parfüm bezirzt, mit dem er sich übergossen hat. Mit seiner angemaßten Aura wird er für die Menschen zum Gott: "eine grandiose Darstellung des Massenwahns, der Verführbarkeit der Menschen", schrieb Reich-Ranicki.

Als "dunklen Schatten der Aufklärung" deutete Wolfram Schütte den Antihelden in der "Frankfurter Rundschau". Regisseur Tom Tykwer verfilmte den Roman 2006, unter anderem mit Dustin Hoffman. Im vergangenen Jahr startete eine sechsteilige Serien-Adaption auf ZDF neo.

Moritz de Vries (August Diehl) in Nahaufnahme hält sich ein kleines, weißes Stäbchen in der Hand und riecht daran
August Diehl spielt Moritz de Vries, den Parfümkreateur in der Neuverfilmung von Patrick Süskinds "Das Parfüm" auf ZDF neo.
Quelle: ZDF/Jakub Bejnarowicz

Satire, aber keinen weiteren Welterfolg

In seinen Drehbüchern nimmt Süskind ironisch-satirisch die Schickeria aufs Korn: Mit Regisseur Helmut Dietl verfasste er die Bücher zu den Fernsehserien "Monaco-Franze - Der ewige Stenz" (1982) und "Kir Royal" (1986) sowie zu den Filmen "Rossini - oder die mörderische Frage, wer mit wem schlief" (1997) und "Vom Suchen und Finden der Liebe" (2005). In "Rossini" zeichnet Süskind mit dem menschenscheuen Bestseller-Autor Jakob Windisch - gespielt von Joachim Król - ein ironisch verfremdetes Selbstporträt. Der Premiere blieb er allerdings fern.

Süskind hat nach dem "Parfüm" noch andere Bücher veröffentlicht, konnte aber an seinen Welterfolg nicht mehr anschließen. Seinen Roman "Die Taube" (1987) über einen einsiedlerischen Kauz, der in einer Taube das Inbild des Chaos erblickt, könnte man als Selbstkarikatur lesen. "Die Geschichte von Herrn Sommer" (1991) kreist ebenfalls um einen lebensuntüchtigen Mann. Und der Essay "Über Liebe und Tod" (2006) brachte Kritiker zur Verzweiflung: "Wie ist ihm denn das passiert?", fragte die FAZ - das Süskindsch'e Gesetz der Perfektion scheine mit diesem Text gebrochen zu werden.

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