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Führung der Deutschen Bank - Zukunft mit Cryan? - Zweifel an Achleitner

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Der Aufsichtsrat der Deutschen Bank berät heute über die Zukunft von Vorstandschef Cryan. Die Krise des Unternehmens lässt aber auch Zweifel an Chefaufseher Achleitner aufkommen.

Archiv: Paul Achleitner
Paul Achleitner - gibt im Aufsichtsrat der Deutschen Bank den Ton an. Quelle: imago

Einen Vorstandschef quasi öffentlich anzuzählen, selbst aber nicht dazu zu stehen - dieses Verhalten kreidet ihm mancher Beobachter an. Als vor Ostern durchsickerte, dass Paul Achleitner angeblich auf der Suche nach einem Nachfolger für Vorstandschef John Cryan sei, da hörte man von dem obersten Aufpasser der Deutschen Bank - nichts.

Er sei auf Reisen, hieß es in der Kommunikationsabteilung der Deutschen Bank. Ein solches Kaschieren sei illoyal und peinlich, urteilten Beobachter. Auch wenn der Aufsichtsratschef nicht allein die Mitglieder des Kontrollgremiums auswählt - da haben die anderen Aufsichtsräte sicher auch mitzureden - hat seine Stimme natürlich besonderes Gewicht.

Streit über richtige Strategie

John Thain bei einer Pressekonferenz 2008
Investmentbanker John Thain Quelle: imago

Innerhalb der Bank ist wieder einmal der Streit über die richtige Strategie ausgebrochen: Sollte das Investmentbanking, das der Bank so viel Unheil gebracht hat, jetzt wieder gestärkt werden oder sollte sich die Bank eher auf ihre Aufgabe als Begleiter der Wirtschaft konzentrieren?

Cryan jedenfalls denkt wohl eher darüber nach, das Investmentbanking zu stutzen. Achleitner aber sieht das offenbar anders: Von ihm dürfte etwa der Vorschlag stammen, John Thain in den Aufsichtsrat zu berufen. Denn den kennt Achleitner noch aus seiner Zeit bei der amerikanischen Investmentbank Goldman Sachs, der Kaderschmiede für viele mächtige Politiker und Manager dieser Welt.

Fokus auf Investmentbanking

Doch Thain steht für die Selbstbedienungsmentalität der Banker an der Wall Street. Eine Mentalität, die auch Achleitner eigentlich bei der Deutschen Bank so nicht mehr dulden wollte. Er dürfte aber vor allem Thains Qualitäten als Investmentbanker schätzen. Denn der Amerikaner war einst die Nummer Zwei bei Goldman Sachs und leitete einige Jahre die Investmentbank Merrill Lynch.

Christian Sewing, Stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bank
Christian Sewing, Stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bank Quelle: dpa

Deshalb wird seine wahrscheinliche Berufung auch so gesehen, dass Achleitner strategisch wieder stärker auf das Investmentbanking setzt - vielleicht auf Geheiß von Großaktionären der Bank. Angeblich soll vor allem Katar den Aufsichtsratschef drängen, das Investmentbanking wieder zu stärken, in der Hoffnung auf eine bessere Entwicklung der Bank und ihres Aktienkurses. Thain könnte dann, ähnlich wie vor drei Jahren Cryan, womöglich auch aus dem Aufsichtsrat an die operative Spitze geholt werden, also Cryan nachfolgen.

Kurzfristig könnte es eher eine interne Lösung für eine Cryan-Nachfolge geben. Nach Informationen von "Spiegel" und "Handelsblatt" will Achleitner den bisherigen Vize-Vorstandschef, Christian Sewing, dem Kontrollgremium vorschlagen. Der Aufsichtsrat tagt kurzfristig am Sonntagabend, wie die Deutsche Bank mitteilte. Die Entscheidung solle noch am Tag fallen.

Einflussreich und gut vernetzt

Der 61-jährige gebürtige Linzer Achleitner gilt als gut vernetzt in der deutschen und internationalen Wirtschaft, als einflussreicher Manager und Aufsichtsrat. Der Österreicher arbeitete nach seinem Studium der Rechts- und Sozialwissenschaften an der Universität St. Gallen und an der Harvard University zunächst als Berater für Bain & Company, bevor er dann zu Goldman Sachs wechselte, deren Deutschland-Geschäft er schließlich leitete. In diese Zeit fiel etwa der Börsengang der Deutschen Telekom, den die Bank begleitete.

Im Jahr 2000 ging er zum Versicherungskonzern Allianz. Dort spielte er als Vorstand für Finanzen und Beteiligungen auch eine wichtige Rolle beim Verkauf der Dresdner Bank an die Commerzbank. Die Allianz verließ er Ende Mai 2012, als er den Aufsichtsratsvorsitz bei der Deutschen Bank annahm.

"Fünf Freunde"

Angeblich war das der Job, den er sich immer gewünscht habe, hieß es damals. Zumindest galt der Aufsichtsratsvorsitz der einst so stolzen Deutschen Bank lange als einflussreichster Posten der deutschen Wirtschaft. Und in der mischt Achleitner auch weiter mit: Er ist neben seinem "Hauptjob" bei der Deutschen Bank auch Mitglied im Aufsichtsrat von Bayer und Daimler.

Und er hat zahlreiche weitere Kontakte in die deutsche Industrie: So teilt er mit seiner Frau, der Wirtschaftsprofessorin Ann-Kristin Achleitner, ein Büro im vornehmen Münchner Palais Preysing. Darin residiert auch sein ehemaliger Chef bei der Allianz, Michael Diekmann, der inzwischen das Kontrollgremium der Versicherung leitet, außerdem Peter Löscher, früher Vorstandschef von Siemens, und schließlich Joachim Faber, Aufsichtsratschef der Deutschen Börse.

Aufsichtsrat künftig ohne Industrie-Vertreter

Die "Fünf Freunde" sitzen insgesamt in zehn Aufsichtsräten der 30 DAX-Unternehmen. Der gute Draht in die deutsche Wirtschaft ist also vorhanden. Umso verwunderlicher ist es jedoch, dass die im Aufsichtsrat der Deutschen Bank, die einst im Zentrum der Deutschland AG stand, nicht mehr vorkommt - sieht man einmal vom langjährigen Chef der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PWC, Norbert Winkeljohann, ab, der nach der Hauptversammlung am 24. Mai in das Kontrollgremium einziehen soll.

Vertreter der deutschen Industrie aber werden künftig nicht mehr die Deutsche Bank kontrollieren. Ob sie kein Interesse mehr daran haben oder nicht mehr erwünscht sind, das ist offen. Achleitner jedenfalls scheint auf die Investmentbanker mehr Wert zu legen, um die Deutsche Bank wieder nach vorn zu bringen.

Ob das die richtige Strategie ist, bezweifeln jedoch immer mehr Beobachter. Die deutsche Wirtschaft brauche eine Bank, die sie weltweit begleitet, ist immer wieder zu hören. Die Deutsche Industrie aber scheint das inzwischen anders zu sehen - sie braucht die Deutsche Bank inzwischen nicht mehr unbedingt. Ob das auch an deren Aufsichtsratschef liegt, bleibt (noch) ihr Geheimnis.

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