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Xi Jinping will Armut bekämpfen - Pekings Pläne und Chinas Wirklichkeit

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Der kleine Bus rumpelt über den Schotterweg und umfährt Schlaglöcher. Dabei könnte er die neue asphaltierte Straße nehmen. Doch ein Erdrutsch hat sie zugeschüttet. Das passiert häufig in Guizhou. Die Region gilt als das Armenhaus Chinas. Jetzt hat Peking dieser Armut den Kampf angesagt.

In China hat der 19. Parteitag der Kommunistischen Partei begonnen. Rund 2300 Delegierte kommen in Peking zusammen, um Staats- und Parteichef Xi Jingping im Amt zu bestätigen. In seiner Eröffnungsrede erläuterte er seine Vision für Chinas Zukunft als …

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Früher gab es hier viele Wälder, mittlerweile nicht mehr. Mit dem Holz haben die Menschen hier entweder ihre Häuser gebaut, im Winter geheizt oder sie brauchten es, um das Mittag- und Abendessen über dem Feuertopf zu kochen. Die Region Guizhou liegt im Südwesten Chinas. Einem alten chinesischen Sprichwort nach gibt es hier "keine drei Fuß flaches Land, keine drei Tage ohne Regen und keine Menschen mit drei Yuan." In China gelten 43 Millionen Menschen als extrem arm. Ihr Einkommen liegt unter der Armutsgrenze von umgerechnet 360 Euro im Jahr, also 30 Euro im Monat.

Ein Schwein ist der größte Reichtum

Der Bus kommt an in einem Dorf in den Bergen, von denen es in der Region Tausende gibt. Dieses hat knapp 1.600 Einwohner. Die meisten hier leben von dem, was die eigene Ernte hergibt. Frau Yi Ben ist eine dieser 43 Millionen Chinesen. Und sie hat gar keinen Verdienst. Der größte Reichtum von Yi Ben ist ein Schwein, das in einem Bretterverschlag hinter dem Holzhaus steht und der Reis, den die Familie auf den Feldern geerntet hat. Meistens reicht das aber nicht, um über das Jahr zu kommen. Dann kauft Familie Ben Lebensmittel dazu.

Das Geld, um die Lebensmittel zu kaufen, bekommen Yi Ben und ihr Mann von den zwei Söhnen. Sie arbeiten Hunderte Kilometer entfernt und schicken Geld, wenn der Vorrat nicht reicht. Yi Ben ist 48 Jahre alt, ihr Mann ist 51. Sie kennen nur das Leben in ihrem Bergdorf. Die Schule haben sie nicht abgeschlossen. Schon als Kinder mussten sie auf den Feldern arbeiten. Und auch sie haben ihre Söhne auf die Felder geschickt, denn ansonsten hätten sie nicht genug zu essen gehabt. Heute sind die Bens Großeltern von drei Enkelkindern. Sie wohnen bei ihnen im Dorf, denn die Söhne und deren Frauen müssen arbeiten.

Kein fließendes Wasser

Wenn sie sich etwas wünschen könnten für ihren Alltag, dann wäre das fließend Wasser. Das fänden sie toll, erzählen sie und laufen den steilen, schlammigen Weg runter bis zum Brunnen. Mit dabei: zwei Wassereimer an einen langen Stab gebunden, der schwer auf den Schultern liegt.

Ihr Leben sei beschwerlich, aber sie wollen nicht klagen. Schließlich seien sie ja gesund. Und trotzdem erhoffen sie sich für ihre Kinder und Enkel mehr. So sagt Frau Ben, dass sie sich wünsche, dass die Kinder mehr lernen als sie, damit sie ein besseres Leben haben.
Wo genau das Dorf der Bens liegt, möchten die Eheleute nicht veröffentlicht wissen - aus Angst, dass es Ärger mit der Partei gibt. Denn die hat der Armut den Kampf angesagt. “Abgeschafft“ soll sie werden, die extreme Armut und das bis 2020. So sagt es zumindest Parteichef Xi Jinping.

Hunderte Kilometer von der Familie getrennt

Jianzhong Meng wünscht sich, dass es so wäre. Er arbeitet in einer Fabrik Hunderte Kilometer entfernt, um seine Frau seine drei Kinder und die Großeltern zu ernähren. Zuhause ist er nur selten. Jeden Monat schickt er seiner Familie rund 500 Euro. Er gilt hier als wohlhabend. Doch glaubt er an das Ende der extremen Armut in China? Nicht wirklich: "Wenn ich mir die Nachrichten so angucke, dann könnte man glauben, wir schaffen das. Aber wenn ich mir unser Leben hier auf dem Land ansehe. . . Nee. Arbeit müssen wir draußen suchen, außerhalb des Dorfes. Das ist schwierig, weil wir alle keine gute Ausbildung haben."

Ein solches Bild möchte die Partei ungern öffentlich zeigen. Bei einer organisierten Pressereise zum Thema Armut, wird aufpoliert und hübsch gemacht. Schaut her, die Armut bekämpfen, so machen wir das. In kleinen Läden werden regionale Produkte verkauft, durch e-Commerce. Die Kunden bestellen online, der Händler kauft es direkt vom armen Bauern.

Der Verkäufer des e-Commerce-Ladens, Xingning Chen, ist von seiner Sache überzeugt: "Mit dem e-Commerce können wir den Bauern helfen ihre Produkte zu verkaufen. Ich habe ausgerechnet, dass wir hier im Schnitt hier einen Umsatz von umgerechnet 900 bis 1.000 Euro für ein Dorf pro Monat verkaufen. Das ist toll. Der Gewinn für das Dorf liegt dann bei 250 bis 380 Euro." Das soll die armen Dörfer in den Wohlstand führen. Vielleicht nicht in den Reichtum, aber zumindest oberhalb der statistisch festgelegten extremen Armutsgrenze von 30 Euro im Monat. Schließlich ist auch das ein Versprechen des Regierungs- und Parteichefs Xi. Ganz China soll zufrieden und mindestens in einem akzeptablen Wohlstand leben.

Parteigesteuerte Vorzeigeprojekte

Also führt die Pressereise zu einem weiteren Dorf in der Region. Noch ein Vorzeigeprojekt der Armutsbekämpfung, parteigesteuert. Aus einem ganzen Dorf wird eine Hotelanlage gemacht. Der Reiz der Gegend ist das, was auch eine der Ursachen für die Armut ist. Es gibt keine Schwerindustrie, dafür gibt es saubere Luft und einen relativ unverseuchten Boden. Also tatsächlich frische Produkte. Das soll die Touristen locken, so der Plan. Dafür hat die Regierung auch viel Geld investiert, alle Häuser renovieren lassen. Und Frau Wang ist die Vorzeigehotelbesitzerin dieser Pressereise, die ihr Jahreseinkommen von 120 Euro auf mindestens 7.000 Euro Gewinn erhöht hat.

Den Traum vom besseren Leben träumen viele, doch so einfach wie in den Propagandadörfern der Partei kommt der Reichtum nicht in die entlegenen Winkel Chinas. In dem Dorf von Familie Ben gibt es erst seit einem Jahr eine Straße zum Dorf. Die acht Kilometer bis zur nächsten Straße mussten da noch alle zu Fuß laufen. An eine Hotelanlage denkt hier keiner. Und es gibt nicht genug Felder, um einer Idee wie dem Online-Verkauf folgen zu können. Trotzdem ist der Ausbau der Straße zum Dorf ein Anfang im Kampf gegen die Armut in China. Dort, wo es keine Industrie gibt, keine Küsten, kein Wasser.

Glaubt man den Parteiparolen der letzten Wochen, dürfte es solche Orte und die Menschen mit ihrem beschwerlichen Leben kaum mehr geben. Dass es sie aber doch gibt, zeigt wie wenig die Politshow in Peking mit Chinas Wirklichkeit zu tun hat.

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