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Gefahr für das Weltklima - Die große Eisschmelze in Kanada

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In den Böden der arktischen Permafrostgebiete sind riesige Mengen Kohlenstoff gespeichert. Wenn sie auftauen, könnte sich der Klimawandel dramatisch beschleunigen.

Forscher vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt erforschen unter extremen Bedingungen die Auswirkungen des Klimawandels auf den Permafrostboden in der kanadischen Arktis. Auch im eisigen Winter starten sie zu Vermessungsflügen.

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Es ist halb zehn am Morgen, als die Sonne am Horizont erscheint - drei Breitengrade nördlich des Polarkreises. Wir sind auf dem Weg von Inuvik nach Tuktoyaktuk in der Arktis,  eine der nördlichsten Siedlungen auf dem kanadischen Festland. 

Erst seit eineinhalb Jahren gibt es diese Straße, die die 900 Seelen-Gemeinde am Nordpolarmeer mit den wirtschaftlichen Zentren im Süden verbindet. Fast 3.500 Kilometer sind es bis nach Edmonton, der nächsten Großstadt.

Das Meer schwemmt die Häuser weg

Ein kaltes, arktisches Idyll am Rande der Welt, das ist unser erster Eindruck, doch die Realität ist eine andere. Dramatisch habe sich ihr Leben in den vergangenen Jahren verändert, erzählt uns Sandy Adam. Drei Hausreihen hätten früher vor seinem Haus gestanden. Doch die seien mittlerweile weggewaschen. Diesen Sommer werde es wohl sein Haus erwischen. Dann, wenn das Eis geschmolzen ist und der Arktische Ozean zur tosenden See wird. Das Meerwasser nimmt sich die Häuser langsam, aber stetig, sagt der 64-jährige Adam.

"An meinem Haus verrottet das Fundament. Weißt Du, das Haus steht auf Holzpfählen. Wenn das Wasser kommt, wird der Boden instabil und das Holz zerfällt." Familie Adam muss jetzt, bevor der Sommer kommt, umziehen - nach einem ganzen Leben in ihrem Haus: "Wir haben keine andere Wahl, denn wir sind bald im Wasser. Wir müssen an unsere Kinder und Enkelkinder denken und unser Haus an einen anderen Ort umsetzen. Auch wenn es schwer für uns wird."

Einblick in eine faszinierende Welt

Forscher vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt erforschen unter extremen Bedingungen die Auswirkungen des Klimawandels auf den Permafrostboden in der kanadischen Arktis.
Forscher vom DLR.
Quelle: ZDF

Aber es ist nicht nur die Erosion, die die Zukunft der Menschen hier bedroht. Am Rande von Tuktoyaktuk bekommen wir einen einmaligen Einblick in eine faszinierende Welt - sechs Meter unter der Erde.

Sandys Sohn Jeffrey führt uns durch das Kühlhaus der Gemeinde, eine Art Höhle im gefrorenen Boden: "Das ist alles Permafrost. Die Gänge und Kammern haben wir mit Hacken und Schaufeln hier rein gegraben. Schau, das ist alles Eis."

Das Eis schmilzt

Viele tausend Jahre alt, meterdick und tiefgefroren. Das ist der Grund, auf dem hier alles steht: Permafrost. Um stabil zu bleiben, braucht er eine Jahresdurchschnittstemperatur von weniger als minus ein Grad. Erhöht sich die Durchschnittstemperatur, verwandeln sich die schier unendlichen Weiten hier im Norden Kanadas in einen endlosen Sumpf.

Eine Gefahr nicht nur für die wenigen Menschen, die in den kanadischen Arktisgebieten leben, sondern auch für das Weltklima. Wie gefährlich der auftauende Permafrostboden werden könnte, erforscht das deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt in der kanadischen Arktis.

Die Gefahr aus dem Eis

Wir sind an Bord des deutschen Forschungsflugzeugs, einer Dornier, vollgepackt mit High-Tech. Auf vier verschiedenen Wellenlängen gleichzeitig sendet das Flugzeug Radarstrahlen aus der Luft in verschiedene Tiefen des Bodens. Projektmanager Ralf Horn und seine Kollegen führen Experimente durch, die einmal dabei helfen sollen, zu verstehen, wie sich der Permafrost verändert. Die kanadische Arktis eigne sich dafür besonders, erklärt Horn: "Dieses Schwemmland bietet uns alle Facetten des Permafrosts. Das ist genau das Gebiet, wo wir sein wollen mit diesem Gerät".

Ein Viertel der Erdoberfläche besteht aus Permafrostböden, darunter große Teile von Kanada, Alaska und Sibirien. Diese bis zu 1.500 Meter tief gefrorenen Böden speichern mehr als doppelt so viel Kohlenstoff wie die Erdatmosphäre. Wenn sie auftauen, können diese gigantische Mengen Treibhausgase freigesetzt werden.

Eine Wüste aus Eis und Schnee

Drei Kilometer weiter unten, in einer Wüste aus Schnee und Eis, schaufeln die Kollegen bei eisigem Wind einen Radarreflektor aus. Sie nehmen die Schneeproben, um sie mit den Messungen aus dem Flugzeug abzugleichen. Sie wollen genau wissen, was sich in den Böden abspielt, denn es stehe viel auf dem Spiel, sagt Umweltingenieurin Irena Hajnsek.

Etwa 50 Kilometer weiter westlich nehmen kanadische Kollegen ebenfalls Proben, messen die Dicke des Eises auf dem zugefrorenen McKenzie River. Miles Dillon, ein lokaler Jäger und Fallensteller, ist zu ihrem Schutz dabei. Das Leben habe sich in den vergangenen Jahren verändert, sagt er, das spüren sie hier draußen deutlich: "Wir sind alle verwirrt, auch die Tiere sind verwirrt. Die Grizzlys wachen jetzt schon im März auf,  einen Monat zu früh. Seitdem es immer wärmer wird, kommen all diese Insekten, die wir hier nie zuvor gesehen haben. Die machen die Frauen und Kinder wahnsinnig und sie fragen, was ist das denn schon wieder für ein Viech?"

Magische Welt der kanadischen Arktis

Etwa sechzig Zentimeter misst das Eis - viel zu wenig für diese Jahreszeit - so Dillon: "Als ich noch ein Kind war, war das Eis viel dicker - fast zweieinhalb Meter. Mein Vater hat mich immer an den Knöcheln festgehalten, wenn wir ein Loch fürs Eisfischen gehackt haben. Er hat mich immer tiefer runtergelassen und ich musste dann das abgeschabte Eis in einen Eimer tun."

Nur noch sechzig Zentimeter sind es heute. Eine dramatische Veränderung, die sich in den vergangenen Jahren vollzogen hat. Eines ist uns unmissverständlich klar geworden, hier oben in dieser magischen Welt der kanadischen Arktis: Die Katastrophe hat längst begonnen, auch wenn die Schönheit dieser wilden, kalten Welt es erst auf den zweiten Blick erkennen lässt.

Johannes Hano ist Leiter des ZDF-Studios New York, Frederic Ulferts ist Redakteur im auslandsjournal.

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