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Interview zu 68er-Bewegung - "Die Kultur des Gehorsams beseitigt"

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"Es war alles andere als ein freies Leben" - so beschreibt Autor Peter Schneider das Klima, in dem die 68er-Revolte entstand. "Heute leben wir in einem weitaus freieren Land."

Die Generation der 68er hat provoziert und rebelliert, mit dem Ziel Deutschland zu verändern. Die Bevölkerung beäugte sie oft kritisch. Durch ein Attentat auf Rudi Dutschke spitzte sich die Situation zu.

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heute.de: Es heißt über Sie, dass Sie die Jahre 1967/68 wie viele Menschen Ihrer Generation als "zweite Geburt" erlebt hätten. War dem wirklich so?

Peter Schneider: Das war bis zum Attentat auf Rudi Dutschke am 11. April 1968 so. Zweite Geburt, das klingt etwas pathetisch. Aber gemeint ist, dass es sich keineswegs nur um einen politischen Aufbruch gehandelt hat, sondern um den Entwurf eines anderen, eines neuen Lebens. Das kann man nur verstehen, wenn man sich in Erinnerung ruft, wie versteinert das Leben in den 1950er- und frühen 1960er-Jahren in Deutschland war.

heute.de: Wie "versteinert" war es denn?

Schneider: Viele haben heute vergessen, wie stark das alltägliche Leben damals noch durch die autoritären Verhaltensweisen aus der Nazi-Zeit geprägt war. Wir sind aufgewachsen ohne jedes Urvertrauen in die Generation vor uns. Wir haben uns doch bei jedem Vierzigjährigen gefragt, was der zwischen 1939 und 1945 gemacht hatte. Es herrschte ein unfrohes Klima, das über allem lag wie eine Glasglocke. Bloß nicht reden über den Zweiten Weltkrieg, den Holocaust, die Verbrechen der Deutschen!

Hinzu kam das Gefühl eines verpassten Lebens, das die ältere Generation an uns weitergegeben hat. Und dann dieses im Alltag sehr stark verbreitete Denunziantentum, die "freiwilligen" Polizisten, die sich aus dem Fenster beugten und aufpassten, ob jemand beim Einparken irgendwo anstößt, um dann gleich die Polizei zu rufen. Als junger Mann konnten Sie auch nie eine Frau aufs Zimmer mitbringen. Es war alles andere als ein freies Leben.

heute.de: Kein Wunder, dass die Jugend rebelliert hat, oder?

Schneider: Ja, wir haben praktisch alles infrage gestellt, was da überliefert war. Die Einehe, die sexuellen Gepflogenheiten, das Verhältnis zwischen den Geschlechtern, zwischen Eltern und Kindern. Aber auch: Welche Klamotten man trug, welche Musik man hörte. Überhaupt: Wie man sein Leben lebte.

heute.de: 1968 liegt lang zurück, über die Wirkung der Studentenbewegung wird aber noch immer gestritten. Nicht wenige sehen in den 68ern einen "wildgewordenen Haufen", der sich selbst zu wichtig nahm. Sie waren einer ihrer Wortführer. Was sehen Sie als größte Errungenschaft an?

Schneider: Dass man in Deutschland die Kultur des Gehorsams beseitigt hat! Aus '68 ist hervorgegangen, dass ein Bürger Politik in erster Person machen kann, dass er nicht nur im Wahljahr, sondern jederzeit durch sein Sich-Einmischen etwa in Bürgerbewegungen enorm viel in Bewegung bringen kann. Sie müssen sich nur vor Augen halten, dass Ende der 70er Jahre mehr Leute in Bürgerbewegungen tätig waren als es Parteimitglieder in sämtlichen Parteien gab. Da hat also eine gewaltige Mobilisierung stattgefunden. Das ist etwas Positives.

Das Jahr 1968 in Bildern

heute.de: Dagegen übt nun Karlheinz Weißmann, einer der bekanntesten Vertreter der Neuen Rechten, Fundamentalkritik an den 68ern, indem er die Ideen als "wahnhaft" geißelt und die Anführer als "verantwortungslos und bereit, einem Weg zu folgen, der entweder in ein totalitäres System oder in den Terror führen musste". Was antworten Sie darauf?

Schneider: Über die Frage der Gewalt ist sehr viel und kontrovers diskutiert worden und man kann nicht leugnen, dass die Verirrung namens RAF aus der 68er-Bewegung hervorgegangen ist. Aber das ist nur ein winziger Teil dieser Bewegung gewesen. Es überwiegt die positive Leistung, dass wir heute in einem weitaus freieren Land leben als es damals der Fall war.

Ich finde im Übrigen: Nicht diejenigen müssen sich rechtfertigen, die nach dem Zivilisationsbruch des Zweiten Weltkrieges und des Holocaust gesagt haben: "Wir müssen gegen die Generation, die für diese Verbrechen verantwortlich ist, rebellieren, wir müssen ihre Autorität infrage stellen und alles auf den Prüfstand stellen!" Sondern jene, die so taten, als wäre nichts geschehen und in die Schuhe und Roben ihrer Eltern schlüpften. Das war die Mehrheit meiner Generation.

Das Interview führte Marcel Burkhardt.

Frauenbewegung, sexuelle Revolution, grüne Bewegung - mit den 68ern ging ein Ruck durch die Gesellschaft, der noch heute zu spüren ist.

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