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Petersberger Klima-Dialog - Die Quadratur der Energiewende

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Öko-Strom ist nicht teuer. Das beweist ein Dorf in Brandenburg: Nur gut 16 Cent pro Kilowattstunde für die saubere Energie. Ein Modell für ganz Deutschland?

Biogasanlage und Windräder in Feldheim
Biogasanlage und Windräder in Feldheim
Quelle: imago

Michael Knape ist Bürgermeister in Feldheim, einem kleinen Dorf im Osten Brandenburgs. Eine internationale Besuchergruppe ist zu Besuch, junge Energieexperten aus Frankreich, Iran und Marokko. Denn das Dorf hat Schlagzeilen gemacht. Die 120 Dorfbewohner haben vor acht Jahren die Energiewende auf eigene Faust umgesetzt. Jeder Feldheimer investierte damals einmalig 3.000 Euro für das eigene Strom- und Wärmenetz. Die Straßen wurden aufgerissen und eigene Kabel gelegt. Am Windpark vor der Tür sind sie finanziell beteiligt.

Feldheim ist damit das Vorzeigedorf der Energiewende. Für Bürgermeister Knape liegen die Vorteile auf der Hand: "Die Feldheimer sind nicht ökologischer und grüner als der Rest der Republik, sondern sie denken sehr wohl eben auch zuallererst wirtschaftlich. Und damit ist natürlich der Preis am Ende von all den Dingen, die wir hier machen, das Entscheidende gewesen."

Eigenes Netz, günstiger Ökostrom - aber keine Blaupause

Investiert in die selbstgemachte Energiewende hat auch die Feldheimerin Petra Richter. Sie zahlt mit 16,6 Cent pro Kilowattstunde für den Strom aus dem eigenen Windpark deutlich weniger als andere Stromanbieter verlangen. Da werden auch schon mal bis zu 30 Cent pro Kilowattstunde aufgerufen. Die internationalen Besucher lernen: Feldheim ist das erste Dorf in Deutschland, das sich komplett eigenständig mit Strom versorgt. Es gibt sogar einen gewaltigen Stromüberschuss: Ins öffentliche Netz fließen 99,6 Prozent der Energie. Strom und Wärme, lokal produziert, mit eigenen Leitungen ins Haus geführt - das ist der Gegenentwurf zu den riesigen Stromtrassen von Nord nach Süd.

Was in Feldheim tadellos funktioniert, ist allerdings keine Blaupause für die flächendeckende Umsetzung der Energiewende. Was nötig ist, ist sowohl der auf dezentrale Erzeugungsanlagen angepasste Ausbau der Stromnetze als auch der Ausbau der großen Stromautobahnen von Nord nach Süd. "Die Vorstellung etwa, die Energiewende ist allein dezentral und dann könne man alles auch ohne Netze machen, weil sich jeder selbst versorgt, das ist ein Märchen, das kann nicht funktionieren", meint der Chef der Bundesnetzagentur, Jochen Homann. "Wir haben Industrieregionen, die können sich nicht selbst versorgen. Das geht schlicht nicht." Ganz ähnlich sieht das auch Schleswig-Holsteins Umweltminister Robert Habeck (Bündnis90/Die Grünen): "Der Netzausbau ist das Skelett der Energiewende. Die Windkraftanlagen und die Solarpaneele sind nur Muskel und Fleisch und Haut. Wir haben jetzt Muskel, Fleisch und Haut zuerst gemacht, das Skelett aber noch nicht errichtet. Jetzt wird es höchste Zeit, dass wir da in die Gänge kommen", sagte der Minister der ZDF-Umweltdokureihe planet e..

Schleppender Netzausbau behindert

2025 sollen die großen Stromtrassen von Nord nach Süd fertig sein, um den Ökostrom von der Küste nach Süddeutschland zu bringen. Planungsprobleme und Bürgerproteste lassen den Ausbau nur schleppend vorankommen. Auch das macht die Energiewende teuer. Denn noch gilt der Einspeisevorrang für Ökostrom. Wenn aber die Netzkapazität nicht ausreicht, um den Strom zu transportieren, dann müssen Windparks abgeschaltet werden - und die Betreiber bekommen trotzdem eine Vergütung, sozusagen für virtuellen Strom, den sie nie geliefert haben.

Deswegen macht es wirtschaftlich viel Sinn, den Zubau von weiteren Windparks und Solaranlagen sehr gut mit den Fortschritten im Netzausbau auf allen Spannungsebenen zu synchronisieren. Die Bundesregierung versucht das mit Ausschreibungen für festgelegte Strommengen zu erreichen. Dabei erhält derjenige Anbieter den Zuschlag, der mit den wenigsten Zuschüssen auskommt. So sollen Windräder an Land ab 2019 maximal nur noch 5,7 Cent pro Kilowattstunde bekommen, bei Photovoltaikanlagen sind es maximal 6,5 Cent, so sieht es ein Gesetzentwurf vor. In der Praxis gibt es bereits Anlagen, die mit weniger Geld auskommen. "Ich gehe davon aus, dass die erneuerbaren Energien in absehbarer Zeit, das heißt in den nächsten vier bis fünf Jahren, ihre Wettbewerbsfähigkeit vollständig erreicht haben - und dass wir dann imstande sein werden, erneuerbare Energien ohne zusätzliche Subventionen zu finanzieren," sagte Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) bereits im April auf einer internationalen Energiekonferenz in Berlin.

Klimaschutzziel verfehlt

Für die deutschen Klimaschutzziele reicht das nicht. 40 Prozent weniger CO2 im Vergleich zu 1990 bis zum Jahr 2020 - diese Marke wird krachend verfehlt, wie der neue Klimaschutzbericht der Bundesregierung nun bestätigt. Maximal werden es 32 Prozent sein. Man habe sich vertan bei der Einschätzung des Wirtschaftswachstums, der Klimabelastung durch den Verkehrssektor und beim Bevölkerungszuwachs, begründet Bundesumweltministerin Svenja Schulze das Misslingen. Nun soll nachgebessert werden, von allen Seiten prasseln die Forderungen der Umweltverbände nach mehr Klimaschutz auf die Bundesregierung ein.

Immerhin hat die Europäische Union am 14. Juni die Ziele für den Ausbau erneuerbarer Energien bis 2030 auf einen Anteil am Verbrauch auf 32 Prozent gesetzt. Die Mitgliedsstaaten hatten ursprünglich 27 Prozent angestrebt, Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier hatte 30 Prozent akzeptieren wollen, das EU-Parlament 35 Prozent gefordert. Wichtig: Das Erneuerbare-Energien-Ziel bezieht sich auf den Einsatz über alle Sektoren, also Verkehr, Wohnungen, Industrie und Kraftwerke. Während Deutschland beispielsweise bei der Stromversorgung bereits jetzt einen Anteil von etwa einem Drittel erreicht hat, liegt er im Schnitt über alle Sektoren nur etwa halb so hoch. "Wir sind eine Schicksalsgemeinschaft, wir können uns nicht herausreden. Klimaschutz geht uns alle an, die Fortschritte beim Klimaschutz kommen uns allen zugute", so Bundeskanzlerin Angela Merkel in ihrer Rede beim Petersburger Klimadialog - vor einem Jahr.

Im Rahmen des Petersberger Dialogs 2018 wird sie wieder eine klimapolitische Grundsatzrede halten. Der Schwerpunkt liegt diesmal auf sozialen Aspekten beim Klimaschutz, also wie der Umbau von der fossilen zur nachhaltigen Energiewirtschaft möglichst gerecht gestaltet werden kann. Alle warten nun auf eine doch hoffentlich deutlich konkretere Ansage der Bundeskanzlerin. Denn immerhin: Der Petersberger Dialog soll ja auf die nächste UN-Klimakonferenz einschwören, um vorzeigbare Ergebnisse zu erzielen. Aber das wird kniffelig. Denn Gastgeber des nächsten Klimagipfels im Dezember ist ja bekanntlich das Kohleland Polen.

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