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Pflegesituation in Deutschland - "Wer nicht ins Altenheim will, driftet in die Illegalität ab"

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Deutschlandweit sind rund 2,86 Millionen Menschen pflegebedürftig. Die meisten davon werden zu Hause betreut. Der Markt mit Kräften aus Ost-Europa boomt. Eine Bestandsaufnahme.

Pflegerin reicht einem älteren Mann das Essen am 11.05.2018
Deutschlandweit sind laut Zahlen des Statistischen Bundesamts rund 2,86 Millionen Menschen pflegebedürftig.
Quelle: dpa

Die Nummern werden unter der Hand vergeben. Irgendjemand kennt jemanden, der wiederum jemanden kennt, der eine Handynummer von einem Vermittler für Pflegekräfte aus Ost-Europa zur Hand hat. Meist sind es osteuropäische Frauen, die in Deutschland leben, die sich am anderen Ende der Leitung melden. Sie vermitteln Frauen aus ihrem Herkunftsland in deutsche Haushalte - als Pflegehilfe.

Die Frauen bleiben in der Regel zwei bis sechs Monate. Sie wohnen bei den Familien, verdienen je nach Pflegeintensität ab 1.200 Euro und haben Kost und Logis frei. Die Frauen bieten zu einem Preis, der im Vergleich zu deutschem Pflegefachpersonal unschlagbar günstig ist, eine ganz bestimmte Dienstleistung: 24-Stunden-Betreuung. Die Nachfrage steigt, der Schwarzmarkt mit den Menschen aus dem Osten boomt und eine staatliche Regelung sucht man vergebens.

"In vielen Fällen illegal und schlichtweg unseriös"

"Gerade die Dumping-Angebote, die von bestimmten Vermittlern gemacht werden, sind mit höchster Vorsicht zu genießen. In vielen Fällen sind sie illegal und schlichtweg unseriös", weiß Lothar Knopp, Geschäftsführender Direktor des German-Polish Centre for Public Law and Environmental Network (GPPLEN). Das ist eine 2009 gegründete deutsch-polnische Wissenschaftseinrichtung der Universitäten Cottbus und Breslau. Aktuell forschen die Wissenschaftler rund um Knopp zum Thema "Osteuropäische Betreuungskräfte kontra deutsche Pflegepolitik".

Wer in Deutschland zum Pflegefall wird, möchte in den meisten Fällen möglichst nicht ins Heim. Eine Vollzeit-Betreuung zu Hause kann sich aber gleichzeitig kaum jemand leisten. Deutschlandweit sind laut Zahlen des Statistischen Bundesamts rund 2,86 Millionen Menschen pflegebedürftig. Mehr als zwei Drittel davon werden zu Hause gepflegt. Bei einem Drittel dieser Fälle helfen auch ambulante Pflegedienste mit. Der größte Teil bleibt aber an den Angehörigen selbst hängen. Weil diese die Aufgabe kaum alleine bewältigen können, suchen sie nach Lösungen. Und werden dabei recht kreativ, denn vom Staat werden sie weitestgehend allein gelassen.

Wissenschaftler: Politik hat Markt bis heute ignoriert

Es gibt keine rechtliche Verankerung für den Einsatz osteuropäischer Pflegehilfen. "Man fragt sich, wie dieser Markt überhaupt entstanden ist und stellt dann fest, dass die deutsche Gesundheitspolitik diesen Markt bis heute schlichtweg ignoriert", betont Wissenschaftler Knopp. Durch dieses bewusste Nicht-Wahrnehmen seitens der Politik haben sich verschiedene Grauzonen entwickelt, die zwischen Legalität und Illegalität schwanken.

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Der Wissenschaftler hat deshalb klare Forderungen an die Politik: Es müssen Rahmenbedingungen geschaffen werden, um zu versuchen diesen Markt zu legalisieren. Gerade im rechtlichen Bereich mangelt es daran. Hierbei könnte die von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn geplante Initiative, Betreuungsdienste in der häuslichen Pflege zuzulassen, helfen. Lothar Knopp sieht darin eine große Chance für die Politik, für mehr Rechtssicherheit zu sorgen, indem man die Zulassungsvoraussetzungen klärt und sich bemüht osteuropäische Pflegehilfen in die Initiative mit einzubinden. "Wie es da tatsächlich weitergeht, ist ungewiss", fügt der Geschäftsführende Direktor des GPPLEN hinzu.

Preise für ausländische Pflegehilfen steigen

Weiterhin fehlen nach Einschätzung von Knopp und seinen Kollegen Finanzierungsmechanismen. Die Preise für eine ausländische Pflegehilfe steigen. "Vor einigen Jahren lag der Preis für den Einsatz einer solchen Pflegehilfe zwischen 1.600 und 1.800 Euro, abhängig von Aufwand und Pflegegrad wohlgemerkt", erklärt der Geschäftsführende Direktor. "Heute liegen die Preise ganz klar jenseits der 2.000 Euro." Diese Entwicklung ist dem Mindestlohn geschuldet.

Knopp gibt zu bedenken, dass gerade bei den höheren Pflegegraden häufig auch ein mobiler Pflegedienst vor Ort ist. Aber nur punktuell. "Einen dauerhaften Einsatz des Pflegedienstes kann sich niemand leisten, da würden monatlich Preise zwischen 10.000 und 20.000 Euro aufgerufen werden", erklärt er. Rechnet man den punktuell tätigen mobilen Pflegedienst und die Kosten für die Pflegehilfe zusammen, stellt man schnell fest, dass das aktuelle Pflegegeld dafür nicht ausreicht. "Die Betreuungskraft muss seitens der Angehörigen oder des zu Pflegenden mitfinanziert werden", lautet deshalb sein nüchternes Fazit.

"Wir haben ein echtes Pflege-Desaster"

Die sich weiterdrehende Preisspirale führt natürlich dazu, dass Angehörige und Pflegebedürftige, die sich noch vor einigen Jahren so eine Pflegehilfe leisten konnten, das heute nicht mehr können und sich anderweitig umschauen. "Wer nicht ins Altenheim möchte, driftet so in die Illegalität ab", fügt Knopp hinzu. Hier kommen dann Fälle auf, bei denen die Pflegehilfe auf Minijob-Basis oder als Scheinselbständige beschäftigt wird. "Das kann natürlich volkswirtschaftlich nicht gewollt sein", ist sich Professor Lothar Knopp sicher.

Für ihn gibt es in Deutschland keinen Pflegenotstand: "Das ist für mich eine verniedlichende Umschreibung, denn wir haben ein echtes Pflege-Desaster". Um ein rechtlich und sozial einwandfreies Arbeitsverhältnis zu gewährleisten, lohnt die Beratung, beispielsweise durch die Verbraucherzentralen.

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