Sie sind hier:

Am Limit - Pflegenotstand auf der Kinderstation

Datum:

Kind krank, Klinik überlastet, kleine Patienten werden abgewiesen. Kein Einzelfall - auch nicht an der Von-Haunerschen-Kinderklinik in München, ein renommiertes Medizinzentrum.

Sibylle Koletzko ist Oberärztin an der Kinderklinik der Uni München. Eine wichtige Aufgabe, die chronisch unterfinanziert ist: jeden Tag muss die Oberärztin neu entscheiden, für welches Kind die knappen Mittel eingesetzt werden können.

Beitragslänge:
7 min
Datum:

Die Von-Haunersche-Kinderklinik ist eine an die Ludwig-Maximilian-Universität angeschlossene Klink. Die kleinen Patienten, die hier behandelt werden, haben zum Teil schwere oder chronische Erkrankungen. Einblick in einen Klinikalltag voller Hindernisse:

Manchmal muss es ganz schnell gehen

Selbstgebastelte Weihnachtssterne am Fenster, an der Wand Kinderzeichnungen und Tannenzweige mit LED-Lichtern im Schwesternzimmer - Spuren von Weihnachten auf der Station "Intern 1" der Von-Haunerschen-Kinderklinik. Es ist morgens, 8 Uhr. Visite auf der Station mit Professor Sibylle Koletzko, Leitende Oberärztin der Gastroenterologie in der Kinderklinik.

Auf der "Intern 1" sind schwerkranke Kinder wie der kleine Jetmir. "Aktuell ist der kleine Mann zur Lebertransplantations-Jahreskontrolle hier", sagt Koletzko. Vor einigen Monaten hatte der Vierjährige eine Spenderleber bekommen, seine einzige Chance zu überleben. Auf seinem Weg zurück in den Alltag wird er von Sibylle Koletzko und ihrem Team betreut. "Natürlich baut man zu seinen kleinen Patienten ein intensives Verhältnis auf, gerade, wenn sie so hilflos und schwer krank sind", sagt die Ärztin, die seit knapp 25 Jahren hier tätig ist. Es sieht gut aus für den Kleinen, er darf nach Hause, in das knapp 500 Kilometer entfernte Limburg. Aufatmen bei der Familie nach Monaten zwischen Bangen und Hoffen.

Nebenan die kleine Sophie - die Zweijährige ist vor zwei Tagen eingeliefert worden. Mit hohem Fieber, sagt ihr Vater Stefan. Bis vor kurzem sei Sophie völlig gesund gewesen. Doch von einem Tag auf den anderen habe sich alles geändert. Mehrmals sei sie blau angelaufen, sei ganz schwach gewesen. Dann die ärztliche Diagnose: akute Leukämie. Danach ging "alles ratzfatz. Mittwoch eingeliefert, Freitag erste Chemotherapie", so ihr Vater. Mitte Januar dann hoffentlich die Stammzellen-Transplantation. Der geeignete Spender müsse noch gefunden werden. Aber bei aller Sorge hätten sie noch Glück gehabt, dass Sophie überhaupt auf der Station aufgenommen werden konnte.

Bettenmangel auch bei Notfällen

10 Uhr: Besprechung im Team. In der Nacht ist ein Notfall, ein kleines Mädchen eingeliefert worden. Es konnte in der Klinik jedoch nicht versorgt werden: "In ganz München kein einziges Bett, kein Intensivbett, kein normales Bett in ganz München, es war wieder die Hölle", murmelt Koletzko sichtlich angegriffen.

Fünf Stunden und unzählige Telefonate habe es gedauert, bis sich eine Klinik fand, die das Kind aufnehmen konnte. Spät in der Nacht wurde das kleine Mädchen mit dem Rettungswagen dann dorthin transportiert. Knapp 100 Kilometer entfernt. "Wir verwalten nur noch den Notstand hier", so ihre bittere Analyse.

Immer wieder werden Termine gecancelt

12 Uhr, Spezialambulanz. Andrea und Sebastian Bultmann warten mit ihrer Tochter Hanna. Die Siebenjährige kam mit einem seltenen Chromosomendefekt auf die Welt, leidet unter Atemproblemen. Sie braucht eine spezielle Therapie. Doch mehrfach, sagt ihr Vater Sebastian, seien Termine kurzfristig von der Klinik gecancelt worden: "Man ist dem Ganzen hilflos ausgeliefert, wir können uns natürlich beschweren, aber was nützt es? Für unsere Hanna gibt es keine Alternative." "Und", fügt seine Frau Andrea hinzu, "dass die Situation in der Klinik so dramatisch ist, das macht sehr viel Angst". Dennoch ist die junge Familie dem medizinischen Team sehr dankbar - auch, weil sie weiß, unter welchem Druck die Ärzte hier stehen.

Dass Eingriffe kurzfristig abgesagt werden und es zu langen Wartezeiten kommt, ist hier keine Seltenheit. "Wir kommen an die Grenze dessen, was möglich ist. Wir als Team geben hier alles, was in unserer Macht steht", sagt Professor Christoph Klein, der ärztliche Direktor der Von-Haunerschen-Kinderklinik. "Und doch reicht es hinten und vorne nicht." Gerade habe er mit einer Mutter telefoniert, deren Kind in einer anderen Klinik verstorben sei. Sie habe ihn gefragt, warum sie nicht in der Lage waren, das Kind aufzunehmen. Der sonst eher nüchterne Mediziner ringt um Fassung.

Kosten in Konkurrenz zu Behandlung

14 Uhr, Visite auf der Intensivstation. Ein kleines Mädchen, umgeben von zahlreichen Schläuchen und medizinischen Geräten, leidet unter einer chronischen Lebererkrankung und ein schweren Infektion. Es kämpft um sein Leben, seit Tagen. Die Intensivmediziner sind ratlos, wie sie therapeutisch weiter vorgehen sollen. Eine enorme Herausforderung für das Team: Zeit-, Kräfte- und Kosten-intensiv. Seit 2003 werden Krankenhäuser mit Fallpauschalen vergütet. Für jede Diagnose gibt es einen Fixpreis. Um Verluste zu vermeiden, seien viele Ärzte seitdem dazu angehalten, genau auf die Kosten zu achten.

Abrechnungen über Fallpauschalen wie bei Erwachsenen seien auf kleine Patienten nicht übertragbar. So würde sich ein Dreijähriger bei Untersuchungen nicht wie ein Erwachsener durch das System durchschleusen lassen. Er habe Angst, müsse beruhigt werden - all dies störe die Abläufe, koste Geld. Mit kranken Kindern lasse sich kein Geld verdienen, so Christoph Klein. Angesichts dieser Situation müssten wir uns als Gesellschaft die Frage stellen, was uns die medizinische Versorgung von kranken Kindern wert sei, wie ernst wir die Würde des Kindes nehmen.

Momente, die den Ärzten Kraft geben

18 Uhr, auf der Intensivstation. Eine Jugendliche ist eingeliefert worden. Seit 17 Jahren wird sie von den Ärzten hier wegen ihrer Stoffwechselerkrankung betreut. Ihr Zustand hat sich akut verschlechtert. Dennoch können die Ärzte die junge Frau nicht behandeln. Der Leitende Oberarzt der Intensivstation, Karl Reiter, ist verzweifelt: "Wenn es dem Mädchen am schlechtesten geht, dann müssen wir es verlegen, das ist kaum zu ertragen. Ich weiß nicht, wie ich das den Eltern erklären soll."

20 Uhr, auf Station "Intern 1". Sibylle Koletzko macht die letzte Runde. Es ist ruhig, die kleinen Patienten schlafen. Es seien Momente wie diese, sagt die Ärztin, die sie und ihr Team immer wieder zu Höchstleistungen antreiben: "Es ist ein gutes Gefühl, dass alle immer das Kind im Blick haben und es uns oft gelingt, die Kinder auf einen guten Weg zu bringen." So kurz vor Weihnachten würden sie alles daran setzen, die meisten der kleinen Patienten nach Hause zu entlassen und ihnen zumindest über die Festtage ein unbeschwertes Kinderleben zu bescheren.

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert auf Mein ZDF! Abo beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Die Website verwendet Cookies, um Ihnen ein bestmögliches Angebot zu präsentieren. Nähere Informationen und die Möglichkeit, die Verwendung von Cookies einzuschränken finden Sie hier.

Sie wechseln in den Kinderbereich und bewegen sich mit Ihrem Kinderprofil weiter.