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Warum sich in Altenheimen nichts ändert

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Der Pflegestillstand - Warum sich in Altenheimen nichts ändert

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Die Selbstverwaltung in der Pflege bestimmt völlig abgeschottet über die Abläufe in Heimen. Das Brisante daran: Leute, die am System verdienen, dürfen maßgeblich mitentscheiden.

Ich kenne zu viele Heime, die eklatante Mängel aufweisen. Wenn wir die alle schließen wollen, weiß ich nicht, wo die Menschen alle hinsollen.
Leitender Angestellter der Heimaufsicht

Verdeckte Recherchen in einem Altenheim offenbaren die Probleme gleich am ersten Tag: Das Essen ist unappetitlich. Teilweise werden Portionen halbiert und reichen nicht aus. Kotbeschmierte Waschlappen werden mehrmals benutzt. Hygienevorschriften werden nicht eingehalten und alte Menschen sind stundenlang sich selbst überlassen.

Dieses Heim ist kein Einzelfall. "Ich kenne zu viele Heime, die eklatante Mängel aufweisen. Wenn wir die alle schließen wollen, weiß ich nicht, wo die Menschen alle hinsollen", berichtet ein leitender Angestellter der Heimaufsicht.

Wer mitentscheidet - und wer nicht

In der Pflege hat sich eine Art "System im System" etabliert, das völlig abgeschottet über die Abläufe in den Heimen bestimmt. Es gilt das Prinzip der Selbstverwaltung. Heimbetreiber können in diesem System weitreichend mitbestimmen, zum Beispiel über Regeln zur Personalanzahl, zu den Qualitätskontrollen und teilweise sogar auch über Beitragszuweisungen. 

Gleichzeitig verdienen Heimbetreiber an der Pflege. Pflegebedürftige, Angehörige oder Pflegekräfte dürfen hingegen nicht mitentscheiden – und das, obwohl sie einen großen Teil der Pflegekosten selbst tragen müssen. Fehlt im System eine effektive Kontrolle?

Die meisten Pflegeheime schreiben schwarze Zahlen

Gleichzeitig wird in Veröffentlichungen deutlich, dass Altenheime in Deutschland finanziell gut dastehen: Beispielsweise schreiben laut "Pflegeheim Rating Report" 90 Prozent der deutschen Altenheime schwarze Zahlen. Wenn die Heime so rentabel sind, warum ändert sich dann nicht endlich flächendeckend etwas an den Zuständen für die Bewohner?

Seit Jahren gibt es in der Branche Kritik an den intransparenten Entscheidungsabläufen. Aktuell sind die kritischen Stimmen wieder lauter geworden, denn die Akteure der Pflegeselbstverwaltung entscheiden derzeit über ein neues Prüfverfahren sowie eine neue Qualitätsberichterstattung für die stationäre Pflege. Im Klartext heißt das: Die Heimbetreiber bestimmen selbst mit, wie ihre Heime in Zukunft kontrolliert werden sollen und was die Öffentlichkeit von den Kontrollergebnissen erfahren darf.

"Sie müssen sich das so vorstellen wie bei einer Abi-Prüfung: Da setzen sich Lehrer und Abiturient zusammen und überlegen sich gemeinsam im Konsens welche Prüfungsaufgaben im Abitur drankommen: Damit ist doch klar, dass es nur gute Abi-Noten geben wird", beschreibt die frühere leitende Ärztin des Medizinischen Dienstes Bayern, Dr. Ottilie Randzio, die Absurdität des Systems.

Verschlossene Türen und Verschwiegenheitserklärungen

Betroffenenverbände wie der Sozialverband VdK versuchen seit Jahren, mehr Offenheit und Transparenz in die Pflegeselbstverwaltung zu bringen und die Mitwirkungsrechte der Patientenseite zu stärken - bisher vergeblich. Die Verhandlungen finden so gut wie immer hinter verschlossenen Türen statt und Geschäftsordnungen und Protokolle dürfen nicht eingesehen werden. Gelegentlich werden sogar Verschwiegenheitserklärungen unterschrieben, damit von den Verhandlungen etwa über das neue Altenheimkontrollsystem nichts an die Öffentlichkeit dringt.

Die Widerstände gegen mehr Transparenz im System scheinen groß, Interviewanfragen werden abgeblockt. Auch der Bundesgesundheitsminister will - trotz beharrlich gestellter Anfragen - kein Interview zur Arbeitsweise der Pflegeselbstverwaltung geben.

Mehr Transparenz für eine bessere Pflege

Doch solange die wichtigen Entscheidungen zu den Abläufen in der Pflege nicht öffentlich nachvollziehbar getroffen werden, werde sich auch an den Zuständen nichts ändern, warnen Kritiker. Sie fordern eine umfassende Reform des Pflegesystems und auch der Organisation der Selbstverwaltung.

Derzeit ist es so, dass in unserem Pflegesystem sehr viel Geld verdient wird. Und das geht nur, solange es so intransparent bleibt.
Dr. Wolfgang Wodarg, Transparency International Deutschland

"Transparenz würde mit Sicherheit zu grundlegenden Änderungen im System führen", so  Dr. Wolfgang Wodarg von Transparency International Deutschland. Das Problem sei aber, dass die Akteure nicht an Transparenz interessiert seien: "Derzeit ist es so, dass in unserem Pflegesystem sehr viel Geld verdient wird. Und das geht nur, solange es so intransparent bleibt."

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