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auslandsjournal extra - Das System Putin

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Wie funktioniert das Russland des Wladimir Putin? Für das ZDF ist Antje Pieper durchs Land gereist und hat erfahren, wie die Russen über das System Putin denken.

Unmittelbar vor der Präsidentschaftswahl reist Antje Pieper für ein "auslandsjournal spezial" durch Russland, ein Land, das Präsident Wladimir Putin fest im Griff hat.

Beitragslänge:
28 min
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Bei frostigen Temperaturen wage ich mich auf’s Eis. "Kalt? Wieso kalt?" - fragt mich Alexander Ostaschkin kopfschüttelnd. "Minus 20 Grad ist doch perfektes Wetter!". Der Eisfischer harrt bereits seit Stunden auf der zugefrorenen Wolga aus. Einen Fisch hat er noch nicht gefangen. Was denkt er über Putin, will ich wissen. "Ich halte viel von ihm. Weil es während seiner Regierungszeit wenigstens nicht schlechter geworden ist",  meint der Rentner.

Hauptsache nicht schlimmer - das höre ich auf meiner Reise durch Russland vor der Wahl immer wieder. Putin versteht es, sich im Riesenreich als Garant für Stabilität, als Alternative zu Chaos und Zerfall darzustellen.

"All diese verlogene Schwäche ist nicht russisch"

"auslandsjournal spezial: Das System Putin - Russland vor der Wahl": Moderatorin Antje Pieper vor der Basilius-Kathedrale in Moskau.
Antje Pieper vor der Basilius-Kathedrale in Moskau. Quelle: ZDF/Frederic Ulferts

Im Machtzentrum des Landes, in Moskau, treffe ich in der Duma ein Mitglied der Kreml-Partei "Einiges Russland": Witali Milonow. Für ihn ist klar, warum die Russen Putin wählen: "Unsere Mentalität, unser Charakter, unsere nationale Identität zeigen doch, dass wir einen starken Präsidenten brauchen. Nicht, weil wir Diktatoren oder ein totalitäres Regime brauchen, nein, wir brauchen eine starken Präsidenten mit starken Meinungen. All diese verlogene Schwäche ist nicht russisch, nicht unser Charakter. Das ist nicht sibirisch. Wenn Du in Sibirien lebst, musst Du bei minus 40 Grad und Bären überleben."

"Ein starker Präsident - ein starkes Russland" ist der Wahlkampfslogan von Putin, zum vierten Mal tritt er an und es gibt keinen Zweifel, dass er gewinnt. Nur die Wahlbeteiligung ist fraglich. Für viele ist die Wahl einfach sowieso gelaufen. Deshalb werden bis zum Schluss Putins wirkungsvollste Wunderwaffen eingesetzt: demonstrative Stärke und Nationalstolz. Bei seinem Auftritt im Luschniki-Stadion in Moskau wird er gefeiert. Popstars heizen die Stimmung an, immer wieder fallen die Worte "groß", "stark", "mächtig" - erst ganz zum Schluss tritt er für wenige Minuten auf die Bühne. Umgeben von den aus Südkorea zurückgekehrten Olympiasiegern ruft er der jubelnden Menge zu: "Gemeinsam sind wir ein Team - nicht wahr?". Dann wird die Nationalhymne angestimmt. Die Botschaft hier und während des gesamten Wahlkampfes ist klar: "Wer den Präsidenten schwächt, schwächt das Land".

Putin ist stark - und alternativlos

Putin vertraut auf seine Stärke, ansonsten braucht er kein Programm, erklärt mir Michail Fischman. Der Journalist arbeitet bei Doschd TV, einem unabhängigen Fernsehsender, der nur noch im Internet ausgestrahlt werden darf. Putins Erfolgsrezept beschreibt er so: "Um es kurz zu machen: es ist das Fehlen jeder Form von Alternative. Alles ist unter seiner Kontrolle. Die Medien beispielsweise: im Grunde seit 18 Jahren. Außerdem ist in Putins Amtszeit jede politische Alternative zu seiner Agenda ausgelöscht worden." Und die Opposition, will ich wissen? Schließlich sind sieben Gegenkandidaten bei der Präsidentschaftswahl zugelassen. "Aus der Sicht des Kremls: die ist sowas wie eine Beilage. Damit es zumindest wie eine Wahl aussieht - aber jeder kennt das Ergebnis", meint Fischman.

Eine, die gegen Putin antritt, ist Xenia Sobtaschak - ehemaliger Fernsehstar. Ohne Umschweife erklärt sie mir im Interview: "Es gibt keine Demokratie in Russland". Sie selbst habe keinerlei Chance und als Hauptprobleme in Russland nennt sie: "Keine unabhängigen Richter, keine Meinungsfreiheit, keine freien Wahlen."

Der einzige ernstzunehmende Gegenspieler ist Alexei Nawalny, der immer wieder Korruption und Vetternwirtschaft in Putins Reich offenlegt. Von der Wahl wurde er ausgeschlossen. Seine Anhänger hat er zum Wahlboykott aufgerufen. Die Hoffnung: mit einer extrem niedrigen Wahlbeteiligung verlöre Putins Wahlsieg an Legitimität.

Es darf nur nicht schlechter werden

Nicht zur Wahl gehen wird auch Tatiana Ogorodnikowa, doch keineswegs aus Protest. Schließlich geht es ihr gut. Die 52-Jährige gehört zur Moskauer Oberschicht und produziert TV-Soaps. Als Begründung für die Nichtabgabe der Stimme gibt sie an, sie wisse sowieso, wie die Wahl ausgehe, "zu 100, 200 Prozent." Wenn aber viele so denken, was ist dann mit der Wahlbeteiligung, frage ich nach. "Ach, das kriegen die hin … sie werden das arrangieren." Sagt sie, scheint sich aber daran nicht weiter zu stören. Das grundsätzliche Einverständnis mit Putin erklärt sie so: "Unser Volk mag es sehr gerne, wenn ihm der Weg gezeigt wird. Wissen Sie, wir Russen sagen: Lasst uns darauf trinken, dass es nicht schlechter wird. Wir trinken nicht darauf, dass es besser wird. Einfach nur nicht schlechter. Die Menschen fürchten sich einfach davor, dass sich etwas ändert."

So ähnlich hatte es mir ja auch schon der Eisfischer auf der Wolga erklärt - nur ungeschminkt und ohne HighHeels. Fast zwei Wochen war ich in Russland. Auf meiner Reise habe ich viel Zustimmung gespürt, teilweise Begeisterung, aber auch deutliche Kritik an Putin. Nirgendwo aber Zweifel, dass er an diesem Sonntag für sechs weitere Jahre gewählt wird.

Reportage vor der Wahl in Russland

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