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Chronische Schmerzen - "Kein Facharzt, keine Bedarfsplanung"

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Rund 15 Millionen Menschen in Deutschland leiden an chronischen Schmerzen. Oft warten sie Jahre auf eine Diagnose und die richtige Behandlung. Wie kann man ihnen schneller helfen?

Etwa 15 Millionen Menschen in Deutschland leiden an chronischen Schmerzen. Ein normaler Alltag ist für sie oft nicht mehr möglich. Wie kann ihnen besser geholfen werden?

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In Deutschland gibt es zu wenige Ärzte, die Schmerzpatienten richtig behandeln können - das kritisieren Fachgesellschaften wie der Berufsverband der "Ärzte und Psychologischen Psychotherapeuten in der Schmerz- und Palliativmedizin in Deutschland" (BVSD) seit Jahren. BVSD-Geschäftsführer Wolfgang Straßmeir bemängelt: "Patienten mit chronischen Schmerzen werden von einem Arzt zum nächsten geschickt und es vergehen im Bundesdurchschnitt vier Jahre, bis ihre Schmerzkrankheit erkannt und adäquat behandelt wird."

Kein geschützter Begriff

Zwar gibt es für Ärzte eine Weiterbildung in "spezieller Schmerztherapie", doch der Begriff Schmerztherapeut ist nicht geschützt. Jeder kann sich so bezeichnen. Das Schicksal von Schmerzpatienten hängt daher oft vom Zufall ab - das hat auch Claudia Pietschmann erlebt. Sie leidet an Rückenschmerzen und war jahrelang bei verschiedenen Ärzten in Behandlung, ohne Linderung zu finden. Nur durch ihren Umzug landete sie bei ihrem aktuellen Schmerztherapeuten, Andreas Jelitto vom Krankenhaus Schleiden.

Er war der erste Arzt, der ihre Psyche in den Blick nahm und dazu riet, Stress zu vermeiden und die Muskulatur zu stärken. Andreas Jelitto wünscht sich eine bessere Ausbildung für Schmerztherapeuten: "Aktuell liegt der Fokus vor allem auf Medikamenten und Operationen. Das ist beides wichtig, aber um Patienten wirklich dauerhaft zu helfen, müssen wir die psychosozialen Einflussfaktoren mehr in den Blick nehmen."

"Schmerztherapeutische Wüsten"

Darüber hinaus fordert Andreas Jelitto mehr Schmerztherapeuten in Deutschland: "Es gibt Regionen, da haben Sie relativ gute Chancen, einen Schmerztherapeuten zu finden. Es gibt aber auch schmerztherapeutische Wüsten." Der Grund: In Deutschland orientiert sich die so genannte "Bedarfsplanung" an Facharztbereichen. Das heißt: Nur für Fachärzte gibt es eine Mindestanzahl an Ärzten im Verhältnis zur Bevölkerung. Da Schmerzmedizin in Deutschland kein Facharztbereich ist, ist die Zahl der auf chronische Schmerzen spezialisierten Ärzte nicht vorgeschrieben.

"Wenn der Schmerz immer wieder kommt, sollte frühzeitig ein Arzt mit spezieller Ausbildung zu Rate gezogen werden", so die Präsidentin der Deutschen Schmerzgesellschaft Claudia Sommer.

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Experten fordern daher, einen Facharzt für Schmerzmedizin einzuführen. Wolfgang Straßmeier vom BVSD bekräftigt: "Wir müssen die Versorgung in der Breite verbessern und den Nachwuchs und damit die schmerzmedizinische Versorgung durch eine attraktivere Gestaltung des Fachgebiets sichern. Dazu gehört unter anderem, die Arbeit in dem Fachgebiet besser zu entlohnen und eine Bedarfsplanung Schmerzmedizin einzuführen. Die Sicherung über die Bedarfsplanung funktioniert jedoch nur über den Facharztstatus. Kein Facharzt, keine Bedarfsplanung."

Vorbild Irland: Facharzt für Schmerzmedizin seit 2014

Ein Vorbild könnte Irland sein. Hier ist die Behandlung von chronischen Schmerzen seit 2014 ein eigener Facharztbereich. Seitdem haben Schmerzärzte ein größeres Budget und mehr Zeit, sich um ihre Patienten zu kümmern. Paul Murphy vom St. Vincent’s Private Hospital in Dublin etwa kann nun seine komplette Zeit in die Behandlung von Patienten mit chronischen Schmerzen investieren. Vor der Einführung des Facharztes musste er nebenher als Narkosearzt im Operationssaal arbeiten.

Paul Murphy erklärt: "Chronische Schmerzen sind sehr komplex: Psyche, Nervensystem und Körper wirken aufeinander ein. Das kann man nur mit ausreichend Zeit behandeln. Deshalb profitieren die Patienten sehr davon, dass wir uns jetzt mehr Zeit nehmen können als früher. Darüber hinaus werden wir von der Regierung besser unterstützt und erhalten mehr Geld von den Krankenkassen. Das können wir in moderne Behandlungsmethoden investieren."

Der irische Arzt Paul Murphy im Gespräch mit seiner Patientin Cathy Clarke.
Der irische Arzt Paul Murphy im Gespräch mit seiner Patientin Cathy Clarke.
Quelle: Christian Efkemann

Auch die Ausbildung in Irland hat sich durch die Einführung des Facharztes verbessert: In einem neuen Studiengang lernen angehende Schmerzärzte viel darüber, wie chronische Schmerzen entstehen und wie man sie ganzheitlich behandelt. Paul Murphy beobachtet darüber hinaus ein Umdenken in der Bevölkerung: "Früher haben die meisten geglaubt, dass Schmerz nur das Symptom einer tieferliegenden Krankheit ist, und wenn man diese richtig behandelt, dann geht auch der Schmerz weg. Heute wissen wir: Chronischer Schmerz ist kein Symptom, sondern eine eigenständige Krankheit."

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