Sie sind hier:

Konzept aus den Niederlanden - Wo das Auto nur noch Gast ist

Datum:

Großstädte ächzen unter dem Verkehr. Doch das Fahrrad als Alternative ist vielen zu umständlich oder zu gefährlich. Eine Stadt in den Niederlanden zeigt, wie es trotzdem geht.

Lot van Hooijdonk fährt auf ihrem Fahrrad durch Utrecht
Für Lot van Hooijdonk gibt es keine moderne Mobilität ohne das Fahrrad.
Quelle: ZDF/Insa Onken

Laut der INRIX 2017 Traffic Scorecard verbringen deutsche Autofahrer in Großstädten und Ballungsgebieten zu Stoßzeiten durchschnittlich 30 Stunden pro Jahr im Stau und pusten dabei Tonnen von Schadstoffen in die Luft. Immer wieder werden Rufe laut, häufiger aufs Auto zu verzichten. Öffentliche Verkehrsmittel zu nutzen, Fahrrad zu fahren. Doch der Weg mit dem Fahrrad scheint oft zu unbequem, zu langsam, zu gefährlich. Was wäre, wenn eine Stadt so gebaut wäre, dass das Fahrrad immer das praktischste und schnellste Verkehrsmittel wäre?

Houten in den Niederlanden macht vor, wie es gehen kann

Solch eine Stadt gibt es: in den Niederlanden. Ihr Name ist Houten, eine Gemeinde mit 50.000 Einwohnern in der Nähe von Utrecht. Die Kleinstadt wird häufig von Fachleuten besucht: Sie gilt international als Modell für ein Verkehrskonzept der Zukunft. Hier passiert wirklich alles mit dem Fahrrad, Autos sieht man nur selten: Die Stadt ist ganz auf Fahrradfahrer ausgerichtet, das Zentrum ist sogar komplett autofrei. In keiner Stadt der Welt werden so viele Wege mit dem Rad zurückgelegt wie hier.

Kein Wunder, denn nur so kommt man am schnellsten überall hin: Die Fahrt zum Supermarkt dauert für die zugezogene Anwohnerin Kylie van Dam etwa drei Minuten mit dem Rad. Mit dem Auto wären es zehn, denn das Auto muss einen Umweg nehmen. "Die Menschen hier verstehen nicht, warum man mit dem Auto zum Einkaufen fahren sollte", erzählt sie.  

Stadtplanung, vom Menschen aus gedacht

Der Ursprung dieses besonderen Konzepts liegt in den 1970ern, geplant und umgesetzt wurde es von Stadtplaner Robert Derks. Damals suchten er und seine Kollegen nach neuem Wohnraum für das wachsende Utrecht. Houten war damals noch ein kleines Dorf - die Chance, hier ein ganz neues Verkehrskonzept zu etablieren. Er erinnert sich: "Wir wollten alles anders machen. Wir fingen also nicht mit dem Auto an, was in der Stadtplanung damals üblich war, sondern wir planten zuerst die anderen Bereiche ein. Die Grünflächen, das Laufen, Radfahren, das soziale Leben."

Auto- und Radverkehr sind in Houten voneinander getrennt, Autos werden meist über eine Umgehungsstraße geleitet. Wo Auto und Fahrrad dann doch aufeinandertreffen, hat das Rad immer Vorrang: Autos müssen sich dem Tempo des Fahrrads anpassen, sie sind nur "Gäste" auf den Straßen. Die Zahlen sprechen für sich: Seit 40 Jahren gab es hier keinen einzigen tödlichen Fahrradunfall. Und: wer noch nicht (oder nicht mehr) Fahrrad fahren kann, für den gibt es kleine Elektro-Scooter, die als eine Art Mini-Taxi Senioren und kleine Kinder chauffieren können.

Von der Autostadt zur Fahrradstadt

Houten ist ein Sonderfall: Die Stadt wurde von Grund auf fahrradfreundlich geplant. Wer sehen will, wie eine Entwicklung von der Autostadt hin zur Fahrradstadt funktionieren kann, der muss nur ein paar Kilometer weiter fahren: Die Großstadt Utrecht hat genau diese Entwicklung genommen.

"plan b: Verkehr ohne Chaos - Wo es auf den Straßen läuft": Kylie van Dam und Fahrradlehrer Frans Lueb fahren auf ihren Fahrrädern durch Utrecht.
Utrecht investiert konsequent in den Radverkehr: 40 Prozent der Wege werden mit dem Fahrrad zurückgelegt. In Berlin sind es gerade mal 13 Prozent.
Quelle: ZDF/Insa Onken

Führte im vergangenen Jahrhundert noch eine Schnellstraße mitten durch die Stadt, findet man an derselben Stelle jetzt einen Kanal und viel Grün. Ein Großteil des Zentrums von Utrecht ist dank Umbauten autofrei. Viele Radwege führen durch die Stadt, der Anteil des Radverkehrs beträgt heute 40 Prozent. Und: Von der Stadt finanzierte Fahrradlehrer geben Unterricht oder helfen Neuzugezogenen, sich auf dem Rad in der Großstadt zurechtzufinden.

Das größte Fahrradparkhaus der Welt

Das neueste Prestigeprojekt der Vizebürgermeisterin Lot van Hooijdonk, einer überzeugten Fahrradfahrerin: Das größte Fahrradparkhaus der Welt, direkt am Hauptbahnhof. So stellt die Stadt sicher, dass auch Pendler von außerhalb lieber mit einer Kombination aus Bahn und Fahrrad als mit dem eigenen Auto anreisen. Das Fahrradparkhaus bietet Platz für 6.500 Fahrräder, weitere 6.000 Plätze sollen folgen. Leuchtanzeigen führen zu freien Parkplätzen auf mehreren Ebenen. Die ersten 24 Stunden parkt man kostenlos.

Und Lot van Hooijdonk plant weiter in die Zukunft: Ein neues Wohngebiet ist mit nur einem Parkplatz für jede dritte Wohneinheit geplant, normal ist mehr als einer pro Wohnung. Und: An zentraler Stelle ist ein "Mobility Hub" eingeplant, ein Knotenpunkt mit einem breit gefächerten Angebot an Fortbewegungsmitteln vom Lastenrad über E-Bikes bis zu öffentlichem Nahverkehr und Angeboten für Carsharing. "Menschen sollten im Mittelpunkt der Stadtplanung stehen, nicht die Autos", erklärt Lot van Hooijdonk. 

plan b: Die ganze Doku in der Mediathek

Immer mehr Autos und Lkw rollen auf Deutschlands Straßen, Staus und Abgase gehören zum Alltag. Geht es nicht auch anders? "plan b" trifft Menschen mit guten Ideen für weniger Verkehr.

Beitragslänge:
30 min
Datum:
Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert auf Mein ZDF! Abo beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Die Website verwendet Cookies, um Ihnen ein bestmögliches Angebot zu präsentieren. Nähere Informationen und die Möglichkeit, die Verwendung von Cookies einzuschränken finden Sie hier.

Um Sendungen mit einer Altersbeschränkung zu jeder Tageszeit anzuschauen, können Sie jetzt eine Altersprüfung durchführen. Dafür benötigen Sie Ihr Ausweisdokument.

Sie wechseln in den Kinderbereich und bewegen sich mit Ihrem Kinderprofil weiter.