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planet e - Artensterben droht: Eine Welt ohne Insekten

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Gerodete Wälder, Monokulturen, Überdüngung, Pestizide - weltweit kämpft die Tier- und Pflanzenwelt gegen die Hochleistungslandwirtschaft ums Überleben. Ein Massenaussterben droht.

Fast alle Wild- und Kulturpflanzen werden von Insekten bestäubt
Fast alle Wild- und Kulturpflanzen werden von Insekten bestäubt. Damit sind sie unersetzlich für unsere Ãkosysteme. Obendrein leisten sie noch unentbehrliche Dienste für uns Menschen.
Quelle: ZDF und Norbert Porta

Am Montag stellt der Weltbiodiversitätsrat IPBES seinen ersten globalen Bericht zum Artenschwund vor und warnt vor einem Massensterben. 450 Experten aus mehr als 50 Ländern haben über drei Jahre etwa 15.000 einschlägige Studien aus aller Welt zusammengetragen, gesichtet und in ihrem Abschlussbericht auf 1.800 Seiten bewertet. Das alarmierende Fazit des umfangreichen Reports: Die Erde steht vor einer unmittelbar bevorstehenden extremen Beschleunigung des weltweiten Artensterbens.

"Weckruf für Politik und Wirtschaft"

Viele Forscher gehen davon aus, dass ein weltweites "Massenaussterben" bereits begonnen hat. 500.000 bis eine Million der etwa acht Millionen Arten könnten demzufolge vor der Ausrottung stehen, warnt der Weltbiodiversitätsrat IPBES. Einen solch extremen Artenschwund hat es erst fünfmal in der Erdgeschichte gegeben. Schon jetzt sterben Tiere und Pflanzen zehn- bis hundertmal schneller aus als im Durchschnitt der vergangenen zehn Millionen Jahre, schätzen die Forscher.

Vor allem bei Säugetieren ist das Artensterben gut dokumentiert. Weniger bekannt und erfasst ist die Lage im Insektenreich. Rund 300.000 Arten fliegen und krabbeln hierzulande - noch. Doch vor einigen Jahren machten auch in Deutschland Studien Schlagzeilen, die erstmals einen langfristigen Rückgang des Insektenaufkommens nachwiesen: um dramatische 75 Prozent seit 1990. Der Einsatz von Bioziden, Pestiziden sowie abnehmende Lebensräume durch intensive Landwirtschaft und Zersiedelung sind vielfach die menschengemachten Ursachen des Insektensterbens. Der WWF spricht von einem "Weckruf für Politik und Wirtschaft".     

Schwere Folgen für Biodiversität und Wirtschaft

Das hat nicht nur schwere Folgen für die Biodiversität, sondern auch erhebliche wirtschaftliche Auswirkungen. Wissenschaftler des Nationalen Institutes für Agrarforschung (INRA) und des Zentrums für Wissenschaftliche Forschung (CNRS) aus Frankreich sowie des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ) haben 2008 erstmals errechnet, welche Werte Insekten wie Bienen durch die Bestäubung von Agrarpflanzen schaffen. Die Schätzungen gehen davon aus, dass die Insekten durch ihre Bestäuberleistung rund zehn Prozent des Gesamtwertes der Weltnahrungsmittelproduktion erwirtschaften. Die weltweiten Schäden allein durch ausbleibende Bestäubung würden sich auf mehrere hundert Milliarden Euro belaufen, schätzten die Wissenschaftler damals schon. 

Bunte Vielfalt: Die Welt der Insekten

Noch dramatischer wird es, wenn alle Ökosysteme weltweit zusammengerechnet werden: Der WWF beziffert die globale wirtschaftliche Wertschöpfung der Natur mit ihrer Vielzahl an Lebewesen auf rund 125 Billionen US-Dollar und warnt: "Die menschengemachte Klima- und Ökokrise wird uns mehr kosten als jede Bankenkrise."

Geschädigte Ökosysteme

An der Universität Freiburg forscht Bienenexpertin Alexandra-Maria Klein daran, welche Auswirkungen die auf Höchsterträge ausgerichtete deutsche Landwirtschaft auf die Bienenwelt hat. Beispiel: Ausgedehnte Obst- oder Gemüseplantagen. "In diesen intensiv bewirtschafteten Plantagen gibt es kaum noch Insekten. Ein paar Ohrenkneifer, ein paar Ameisen und das war´s dann auch schon. Denn wir haben hier wenig Nahrungsressourcen und wenig Nistplatzressourcen, was aber für Bienen sehr wichtig ist", resümiert Bienenexpertin Klein.

Von den fast 550 heimischen Bienenarten ist nur die Honigbiene genügsam genug, in solchen Monokulturen zu überleben. Sollte sie durch Krankheiten oder Unwetter in einem Jahr nicht ausfliegen, wären Ernteausfälle gewiss. Der Artenschwund in der Luft schadet spätestens dann auch dem Menschen. Laut IPBES ist bereits die Hälfte aller Ökosysteme durch menschliche Eingriffe schwer geschädigt worden.

Kompromiss gesucht

Mathias Lies vom Helmholtz-Institut für Umweltforschung UFZ in Leipzig untersucht in kontrollierter Laborumgebung, welche Wirkungen Pestizide auf Äckern und Feldern haben. Seine Forschungsarbeit zeigt: "Moderne Pestizide schädigen die Insekten schon in 100-fach geringerer Dosis als bei der Zulassung angegeben." Die Grenzwerte gingen an der Realität vorbei, meint Lies. Er hofft, mit seinen Studien den Zulassungsbehörden eine Basis für neue, niedrigere Grenzwerte geben zu können. Und er baut auf die Verbraucher - denn ohne massiven Pestizideinsatz wird der Ertrag kleiner und das Agrarprodukt teurer.

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