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Antibiotika und Resistenzen - Killer-Keime aus dem Stall

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Der heute praktizierte massenweise Einsatz von Antibiotika in der Humanmedizin und der Tiermast stellt die Mediziner vor gewaltige Herausforderungen. Denn immer mehr Keime entwickeln Mehrfach-Resistenzen, sind also gegen verschiedene Antibiotika resistent. Folge: Immer mehr Antibiotika verlieren ihre Wirkung.

Killer-Keime aus dem Stall: Was passiert, wenn Antibiotika nicht mehr helfen?

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Eigentlich hält die Medizin für solche multiresistenten Erreger (MRE) sogenannte Reserveantibiotika bereit, Medikamente also, die nur zum Einsatz kommen, wenn herkömmliche Mittel nicht mehr wirken. Doch auch diese Reserveantibiotika verlieren zunehmend ihre Wirkung.

Problem "Massentierhaltung"

Das Problem: Ausgerechnet diese Notfallmittel setzen Tierärzte, zusammen mit gebräuchlichen Antibiotika, auch in der Massentierhaltung ein. Bei den großen Viehbeständen entwickeln sich entsprechend schnell auch antibiotikaresistente Erreger, die über Milch, Fleisch und Gülle in die Umwelt und zu den Menschen gelangen. Zwar ist in Deutschland der Verbrauch von Antibiotika in der Tiermast in den letzten Jahren insgesamt deutlich zurückgegangen, doch gerade der Einsatz der für den Menschen besonders wichtigen Reserveantibiotika ist weiter angestiegen.

Laut Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BFL) wurden in Deutschland im Jahr 2015 insgesamt 805 Tonnen Antibiotika von der Pharmaindustrie an Tierärzte geliefert. Darunter auch Reserveantibiotika wie Fluorchinolone ( 10,6 Tonnen) und Cephalosporine der dritten und vierten Generation (3,6 Tonnen). Dabei ist zu berücksichtigen, dass diese Reserveantibiotika eine bis zu zehnmal höhere Wirkung entfalten können als gewöhnliche Antibiotika.

Horrorszenario für Ärzte und Patienten

Ein Forschungsprojekt des Bundesinstituts für Risikobewertung hat ergeben, dass Mastschweine in den rund 120 Tagen ihres Lebens durchschnittlich 5,9 Mal mit Antibiotika behandelt werden, Milchrinder pro Lebensjahr 2,5 Mal und Mastkälber pro Lebensjahr 2,3 Mal. Zudem hat eine Studie zur Hähnchenmast in Nordrhein-Westfalen gezeigt, dass 2011 über 91 Prozent aller Hähnchen in den rund 35 Tagen ihres Daseins mit Antibiotika behandelt wurden. Mit dramatischen Folgen. So berichtet das Robert-Koch-Institut, dass das Präparat Vancomycin seit den 60er Jahren als Reserveantibiotikum oral und intravenös Verwendung findet. Seit 1975 kommt es unter dem Namen Avoparcin auch in der Tierproduktion zum Einsatz. Im Jahr 1986 schließlich wurden die ersten Resistenzen auf Vancomycin festgestellt. Für Ärzte und Patienten ein Horrorszenario. Denn Vancomycin ist ein wichtiges Antibiotikum.

Tierhalter und Veterinäre wollen, und können, auf Antibiotika-Gaben indes nicht verzichten. Die sehr hohen Bestandsdichten in der industriellen Massentierhaltung machen häufig eine präventive antibiotische Behandlung der Nutztiere notwendig, um Krankheiten gar nicht erst ausbrechen zu lassen. Anderenfalls würden sich Keime in Windeseile in den Ställen ausbreiten und ganze Bestände gefährden oder zerstören.

Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) hält ein Verbot von Antibiotika in der Tierhaltung allerdings rechtlich und medizinisch nicht für möglich. Experten fordern deshalb, dass zumindest bestimmte Wirkstoffe für den Einsatz am Menschen vorbehalten sein müssen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat daher Anfang Juni 2017 eine Liste vorgelegt, in der sie erstmals und ausdrücklich solche Reserveantibiotika definiert. Unter anderem Cephalosporine der vierten und fünften Generation.

Problem "Multiresistente Erreger"

Grundsätzlich sind multiresistente Erreger (MRE) nicht aggressiver oder verursachen mehr Infektionen als die ursprünglichen Bakterienstämme. Sie sind nur deswegen gefährlich, weil eben die meisten Antibiotika bei ihnen nicht mehr wirken. Nach Angaben des Robert-Koch-Instituts entwickeln "etwa 30.000 bis 35.000 Patienten pro Jahr in Deutschland eine Infektion mit einem multiresistenten Erreger (MRE). Aktuell gibt es keine belastbaren Daten, wie viele Todesfälle durch MRE-Infektionen bedingt sind. Nach derzeit bestmöglicher Schätzung dürfte diese Zahl zwischen 1.000 und 4.000 pro Jahr in Deutschland liegen".

Das Europäische Zentrum für die Prävention und Kontrolle von Krankheiten (ECDC) und die Europäische Arzneimittelbehörde (EMA) haben basierend auf Zahlen, die im Jahr 2007 erhoben wurden, geschätzt, dass in Europa 25.000 Todesfälle im Jahr auf Infektionen mit antibiotikaresistenten Erregern zurückzuführen sind. Für die USA hat das US-amerikanische Zentrum für Krankheitskontrolle und Prävention (CDC) mindestens 23.000 Todesfälle durch antibiotikaresistente Erreger geschätzt.

Das Bundesministerium für Gesundheit hat 2015 gemeinsam mit den Bundesministerien für Ernährung und Landwirtschaft sowie Bildung und Forschung die Deutsche Antibiotika-Resistenzstrategie "DART 2020" erarbeitet. Sie wurde im Mai 2015 vom Bundeskabinett verabschiedet. Die DART 2020 bündelt Maßnahmen, die zur Reduzierung von Antibiotika-Resistenzen erforderlich sind. Dabei steht die sektorübergreifende Zusammenarbeit (One-Health-Ansatz) im Vordergrund. Um diesem One-Health-Ansatz gerecht zu werden, adressieren alle Ziele der DART 2020 Human- und Veterinärmedizin gleichermaßen.

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