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Plastik in den Meeren - Norwegens Müllinsel

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Norwegens "Kleine Heideinsel" ist unbewohnt. Gräser und Büsche bewuchern die Insel. Doch wer unter dem kargen Bewuchs gräbt, findet kaum Boden, stattdessen Plastik: meterdick.

Insel voller Müll
Die Insel ist voller Plastikmüll. Quelle: ZDF

Die Fahrt im offenen Motorboot von Nautnes, etwa 50 Kilometer nordwestlich von Bergen, dauert eine halbe Stunde. Es geht durch Norwegens "Inselgarten", ein wunderschönes Archipel, das bei Angelurlaubern sehr beliebt ist. Rune Gaaso steuert das Boot vorbei an Untiefen und dicht unter der Wasseroberfläche lauernden Felsen. "Das da hinten ist unser Ziel", sagt er und zeigt auf eine der vielen kleinen Inseln vor uns. Kein Haus, kein Baum ist darauf zu erkennen, kaum etwas unterscheidet sie von den Nachbarinseln.

Das Geheimnis der "Kleinen Heideinsel" entdecken wir erst, als Rune gemeinsam mit Dr. Eivind Bastesen vom Forschungsinstitut Uni Research in Bergen das Boot an den Ausgang einer kleinen Bucht manövriert und an einem Felsen vertäut hat: Ein paar Schritte nur und wir stehen vor einem kleinen Tümpel, der übervoll ist mit Plastik: Reste von Behältern, Unmengen alter Verpackungen und blauer Säcke treiben halb versunken im Wasser.

Insel voller Müll
Plastik schwimmt in einem Tümpel auf der "Kleinen Heideinsel" Quelle: ZDF

Was aussieht wie Wasserpflanzen, die vom Grund des Gewässers nach oben wachsen, ist nichts anderes als Plastik: Folien, Tüten, es ist kaum noch zu erkennen, was darin einmal verpackt war. Rune Gaaso hockt sich auf einen Felsen am Rand des Tümpels und zieht mit bloßen Fingern einen Fetzen heraus. "Schokobonbons aus Holland", sagt er, nachdem er die verblasste Aufschrift entziffert hat. Er fingert weiter in der trüben Brühe herum und fördert alte Kunststoffflaschen aus dem Wasser, in denen einst Spülmittel abgefüllt worden sein könnte oder ganz was anderes. Die Aufschrift lässt sich nicht mehr erkennen. "Die Flut und der Wind haben das hier abgeliefert", sagt er und schaut sich um: Der ekelige Tümpel ist nur das Entree zu einer wahren Müllkippe: Mehrere andere kleine Seen hier sehen genauso aus. Dazwischen: überall Plastik in allen erdenklichen Formen, Farben und Gebinden.

Immer wieder brechen wir in den Boden ein

Wir laufen über hügeliges Land, das von Heidekraut bedeckt ist. Der Boden ist weich, alle paar Schritte knackt es, als wenn man auf eine PET-Flasche tritt. "Das ist der Sound von Norwegens Westküste", sagt Rune und kniet sich hin, fängt an in der Heide zu wühlen, drückt ein paar Äste zur Seite, buddelt im Boden und zerrt an einem Stückchen blauen Plastik - solange, bis er einen zerdrückten Behälter herausgezogen hat: "Eine alte Flasche für Chlor oder sowas, die Natur ist drum herum gewachsen", sagt Rune und bittet uns, beim Weitergehen aufzupassen: "Wir gehen hier nicht über festen Boden, dieses ganze Land ist ein Plastikhaufen, von Pflanzen überwuchert, mit Erde bedeckt, es ist Müll mehrerer Jahrzehnte."

Tatsächlich müssen wir unsere Schritte vorsichtig setzen, immer wieder brechen wir knietief in den Boden ein, hinfallen möchte hier niemand. Rune und Eivind schneiden am Rande eines Tümpels wie mit einer Machete eine kleine Schneise durch das Heidekraut. Mit einem Spaten stechen sie vorsichtig Wurzelballen aus, als würden sie einen Busch umsetzen wollen. Ohne Handschuhe fingern sie in der Erde unter der Heide und fördern Plastikteile ans Tageslicht: Joghurtbecher, Folien, Eimer, das Rad eines Puppenwagens vielleicht, eine kleine grüne Spielfigur, die aussieht wie ein Fallschirmjäger. Dass ein Kind damit gespielt hat, mag Jahrzehnte her sein.

"Auf diese Insel kommt selten jemand, hier wohnt niemand, deshalb glauben wir nicht, dass irgendwer in den letzten Jahrzehnten hier mal aufgeräumt hat", sagt Wissenschaftler Eivind Bastesen. Vor einem Monat erst hatte Rune am Rande eines Vortrags über die Vermüllung des Meeres den Tipp bekommen, sich die "Kleine Heideinsel" mal näher anzuschauen. "Als ich dann hierher kam, hat es mir die Sprache verschlagen. Ich dachte nur, was haben wir Menschen der Natur angetan," erzählt Rune.

Unberührtes Müllbiotop als Forschungsobjekt

Wissenschaftler wie Eivind Bastesen wollen jetzt den Müll untersuchen, wollen graben, wie tief die Plastikreste in den Boden gesackt sind. "Bislang sind wir bei einem Meter angekommen und finden immer noch Kunststoff."

In diesem unberührten Müllbiotop soll es auch um die Frage gehen, was die Natur mit dem Abfall macht. "Haben wir hier Mikroorganismen im Boden, die Plastik in seine einzelnen giftigen und gefährlichen Bestandteile zersetzen? Haben wir hier so was wie eine Fabrik für Mikroplastik, das beim nächsten Hochwasser ins Meer gespült wird?" Forscher Eivind steht erst ganz am Anfang seiner Untersuchung.

"Wir sind dafür verantwortlich!"

Völlig unklar ist, was die Bestandteile des Plastiks mit den Tieren hier machen. Verändern Gift- und Farbstoffe im Boden die Insekten? "Sie sind das Futter von Vögeln und anderem Getier, das früher oder später in die Nahrungskette gelangt." Eivind fragt sich, was hier vor geht, und sieht die Insel des Plastikmülls als Chance, Antwort auf solche Fragen zu bekommen. Gleichzeitig sieht er auch die große Herausforderung: Auf den 20 Kilometern Küste Richtung Süden gibt es 600 solcher Inseln, auf vielen sieht es ähnlich aus. "Wir werden das alles aufräumen. Ich weiß nicht, wie lange wir brauchen, aber wir sind für diesen Zustand verantwortlich, denn alles, was an Plastik im Meer schwimmt, haben wir Menschen weggeworfen, einfach so in die Gegend, in einen Fluss oder einfach über Bord - wir sind dafür verantwortlich!"

Die Reinigung der Küste von Plastikmüll ist in Norwegen bislang die Aufgabe freiwilliger Helfer, die jedes Frühjahr ausschwärmen und Hunderttausende Tonnen Unrat auflesen. Die Regierung in Oslo hat für das nächste Jahr die Mittel zum Kampf gegen die Verunreinigung der Meere auf umgerechnet 30 Millionen Euro verdoppelt.

"Eines Tages werde ich wieder auf diese Insel kommen und dann ist der ganze Müll weg. Ich werde das noch mit eigenen Augen sehen!", ist sich der 62-jährige Rune sicher, bevor er sich wieder auf die Knie wirft und weiter tief im Boden nach Plastik gräbt.

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