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Studie des Alfred-Wegener-Instituts - Mikroplastik auch im Schnee nachgewiesen

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Selbst der Schnee in der Arktis ist teils massiv mit Mikroplastik verunreinigt. Nachgewiesen haben das Forscher des Alfred-Wegener-Instituts - auch bei uns fanden sie Belastungen.

Eisbrecher "Polarstern" auf Suche nach Mikroplastik
Der Eisbrecher "Polarstern" sucht in der Arktis nach Mikroplastik.
Quelle: dpa
  • Erstmals haben Wissenschaftler Mikroplastik auch im Schnee nachgewiesen.
  • In Proben aus Eisschollen des Nordatlantik, den Schweizer Alpen sowie Bayern und Bremen fanden sie in 20 von 21 Schneeproben Mikroplastik.
  • Die höchste Konzentration von Teilchen wiesen die Wissenschaftler in bayerischen Proben nach.

Melanie Bergmann ist Tiefseeökologin. Normalerweise erforscht sie Lebensräume in den arktischen Gewässern. In den letzten Jahren ist die Biologin vom Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI) aufgrund der zunehmenden Verschmutzung der Meere allerdings zur unfreiwilligen Expertin für marinen Müll geworden. Zusammen mit AWI-Kollegen hat Bergmann zuletzt untersucht, ob Plastik auch in Schnee zu finden ist.

Schnee aus Bayern am stärksten belastet

"Der Auslöser für unsere Studie waren die hohen Mengen an Mikroplastik, die wir in der arktischen Tiefsee und im Meereis gefunden haben. Wir wollten untersuchen, ob neben dem Golfstrom nach Norden auch ein Transport von Mikroplastik über die Atmosphäre denkbar ist, wie bei Saharastaub oder bestimmten Pollen-Arten", so Bergmann. Um das herauszufinden, untersuchten die Wissenschaftler Schneeproben von Eisschollen aus der Framstraße im Nordatlantik, aus den Schweizer Alpen sowie aus besiedelten Gegenden in Bayern und Bremen.

Mit einem speziellen Messgerät (Fourier-Transform-Infrarot-Spektrometer, FTIR) lassen sich Plastik-Partikel bis zu einer Größe von elf Mikrometern erkennen, die mit bloßem Auge nicht sichtbar wären. Mit dieser Methode wiesen die Forscher in 20 von 21 Schneeproben Mikroplastik nach. Die meisten Teilchen steckten in einer Probe aus Bayern: In einem Liter geschmolzenen Schnees befanden sich 154.000 Mikroplastik-Partikel. Die Fragmente bestanden aus zwölf unterschiedlichen Kunststoff-Typen. Sie stammen vor allem aus Lacken und verschiedenen Arten von Gummi.

Hauptsächlich Lacke und Gummi

"Es könnte gut sein, dass sich unter dem Einfluss von Wind und Wetter Mikroplastik in Lack-Beschichtungen von Gebäuden, Fahrzeugen und Offshore-Anlagen löst und über die Atmosphäre transportiert wird", so Bergmann. Die vielen Gummi-Partikel der Studie könnten sich der Expertin zufolge durch Abrieb in Schläuchen oder von Reifen erklären. Allerdings sei diese Zuordnung bislang nicht eindeutig möglich.

Auch Polyethylen und Polyamid wurde in fast allen Proben nachgewiesen. Insgesamt konnten die Forscher 19 synthetische Stoffe unterscheiden. In einigen Schneeproben war der Anteil an Mikroplastik höher als der Anteil natürlich vorkommender Partikel wie Chitin, Holzkohle, Tierfell, Pflanzenfasern oder Sand. In der bayerischen Rekord-Probe waren 67 Prozent aller Partikel synthetisch, im Schnee von einer arktischen Eisscholle sogar 88 Prozent.

Experten von hohen Werten überrascht

"Wir waren besonders wegen der teils sehr hohen Konzentrationen beispielsweise in den bayerischen Alpen, aber auch auf Helgoland und in der Arktis überrascht", so Studienleiterin Bergmann. "Unsere Ergebnisse zeigen, dass sich nicht unerhebliche Mengen von Mikroplastik in der Luft befinden und mit dem Schnee ausgefällt werden. Selbst Lebensräume fernab menschlicher Zivilisation, wie die Arktis, werden über die Atmosphäre und den Wind mit Mikroplastik kontaminiert."

Mikroplastik auf einem Finger
"Diese Studie zeigt, dass wir dringend die Gesundheitsrisiken von Mikroplastik für Mensch und Tier erforschen müssen", sagt der Biogeochemiker Matthias Egger.
Quelle: imago

Der Biogeochemiker Matthias Egger von der niederländischen Initiative "The Ocean Cleanup" hat sich eingehend mit der AWI-Studie beschäftigt. Die Initiative arbeitet an technischen Lösungen zur Reinigung der Meere vom Plastikmüll.

Egger befürchtet, dass die Resultate der Studie nicht einmal das ganze Ausmaß der Verschmutzung darstellen: "Plastik in der Umwelt fragmentiert durch physikalische und photochemische Prozesse in immer kleinere Teilchen. Deshalb muss man davon ausgehen, dass die Mikroplastik-Konzentration mit Abnahme der Partikelgröße exponentiell zunimmt. In dieser Studie zeigt sich bei elf Mikrometern keine Konzentrationssättigung, so dass die Anzahl an noch kleineren Partikeln – man spricht dann von Nanoplastik - wahrscheinlich noch höher ist."

Lungenkrebs durch Mikroplastik?

Die Ergebnisse der Studie legen jedenfalls nahe, dass sich Plastikteilchen praktisch überall in der Luft befinden. Schon 1989 wurde Mikroplastik in menschlichem Lungengewebe nachgewiesen, seither hat sich die Produktion von Kunststoffen weltweit vervielfacht. Da sich viele Kunststoffe nur äußerst langsam zersetzen und sich teilweise in der Umwelt anreichern, sprechen manche Forscher von einer tickenden Zeitbombe.

"Generell wissen wir nur sehr wenig über die gesundheitlichen Auswirkungen der Inhalierung von Mikroplastik", so Matthias Egger. "Erste Studien deuten aber darauf hin, dass das Einatmen von Mikroplastik und daran gebundener Chemikalien zu einem erhöhten Risiko von Lungenkrebs führen könnte. Diese Studie zeigt, dass wir dringend die Gesundheitsrisiken von Mikroplastik für Mensch und Tier erforschen müssen."

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