ZDFheute

Gebrochene Tabus, verlorenes Vertrauen

Sie sind hier:

Pogromnacht - Gebrochene Tabus, verlorenes Vertrauen

Datum:

In der Nacht vom 9. zum 10. November 1938 brannten Synagogen in ganz Deutschland. 81 Jahre später macht sich Charlotte Knobloch große Sorgen um den gesellschaftlichen Frieden.

Jüdischer Friedhof in Rostock - Dort wurde an die Pogromnacht von 1938 erinnert.
Jüdischer Friedhof in Rostock: In vielen Teilen Deutschlands wurde der Pogromnacht von 1938 gedacht.
Quelle: dpa

heute.de: Kürzlich hat ein Rechtsextremist einen heimtückischen Anschlag auf eine Synagoge in Halle verübt. Antisemitische Hetze im Internet und auf offener Straße ist leider wieder zum Alltag in Deutschland geworden. Viele Juden sagen: Wir sitzen auf gepackten Koffern. Wie sicher fühlen Sie sich?

Meine Koffer sind schon lange ausgepackt, und das bleiben sie auch.

Charlotte Knobloch: Meine Koffer sind schon lange ausgepackt, und das bleiben sie auch. Ich verstehe aber sehr gut, dass in dieser Atmosphäre viele jüngere Menschen in der jüdischen Gemeinde zunehmend unsicher sind, ob Deutschland für sie und vor allem für ihre Kinder auf Dauer eine Heimat bleiben kann.

Wenn man kaum noch eine Zeitung aufschlagen kann, ohne von verschiedenen antisemitischen Übergriffen zu lesen, von Ereignissen wie in Halle ganz zu schweigen, dann ist klar, dass manche den Glauben daran verlieren, dass jüdisches Leben hier in der Form möglich ist, wie wir es uns alle gewünscht haben.

heute.de: Weshalb hat sich die Lage in Deutschland verschlechtert?

Online und offline verstärken sich die Stimmen, die Vielfalt und Toleranz ablehnen, heute gegenseitig, und in einem solchem Umfeld fühlen sich Judenhasser pudelwohl.

Knobloch: Das gesellschaftliche und politische Klima hat sich in den letzten Jahren sehr zum Unguten verändert. Dazu hat die Diskussionskultur im Internet beigetragen, die Hass und Beschimpfungen normalisiert, aber auch die Änderungen der politischen Landschaft mit den Erfolgen einer rechtsradikalen Partei. Online und offline verstärken sich die Stimmen, die Vielfalt und Toleranz ablehnen, heute gegenseitig, und in einem solchem Umfeld fühlen sich Judenhasser pudelwohl.

heute.de: Sie selbst waren sechs Jahre alt, als im November 1938 mit der Pogrom-Nacht der bis dato größte Völkermord in Europa begonnen hatte. Die Jugendlichen heute erleben die längste Zeit ohne Krieg, die es je in Deutschland und Europa gegeben hat. Ist diese Phase des Friedens in Gefahr?

Knobloch: So weit, dass ich den Frieden in Europa in Gefahr sehen würde, sind wir noch nicht. Ich mache mir aber große Sorgen um den inneren, den gesellschaftlichen Frieden. Wenn Politiker regelrecht hingerichtet und Passanten auf offener Straße erschossen werden, dann habe ich das Gefühl, wir haben den Kipppunkt schon erreicht.

Gerade die jungen Leute, die Sie angesprochen haben, sind für dieses Problem heute vielfach sehr sensibel. Ich erlebe das auch bei meinen Besuchen in Schulen immer wieder. Umgekehrt hat bei der Wahl in Thüringen ein Viertel der Wähler unter 30 für die AfD gestimmt. Wenn die demokratischen Parteien hier nicht schnell gegensteuern, sehe ich große Probleme auf unser Land zukommen.

heute.de: Wissen junge Menschen heute noch genug über den Holocaust und die Gräueltaten des NS-Regimes?

Knobloch: Mein Eindruck ist, sie sind heute besser informiert und auch neugieriger als noch vor fünf oder zehn Jahren. Auch an den Schulen sind sie es heute oft, die die Lehrer dazu drängen, das Thema stärker zu behandeln, früher war das umgekehrt. Trotzdem gibt es immer wieder erschreckende Bildungslücken, und mit zunehmendem zeitlichem Abstand zum Holocaust wird es immer schwieriger, dem zu begegnen.

heute.de: In absehbarer Zeit wird es keine Zeitzeugen mehr geben, die diesen Teil der deutschen Geschichte lebendig werden lassen können. Wie wird sich das auf die Erinnerungskultur auswirken?

Die "Zeit ohne Zeitzeugen" ist eine enorme pädagogische Herausforderung.

Knobloch: Die "Zeit ohne Zeitzeugen" ist eine enorme pädagogische Herausforderung, und ich bin noch nicht überzeugt, dass wir die richtigen Mittel zu ihrer Bewältigung an der Hand haben. Die Weitergabe des Wissens und die Vermittlung der demokratischen Verantwortung werden in den kommenden Jahren nicht leichter werden. Ich würde mir hier eine verstärkte politisch-demokratische Bildung an allen Schulformen wünschen.

heute.de: Immer wieder steht im Raum, den Besuch von Gedenkstätten verpflichtend auf dem Stundenplan für alle Schüler in Deutschland zu verankern. Wie stehen Sie zu dieser Forderung?

Knobloch: Man kann niemanden dazu zwingen, einen individuellen Bezug zur Vergangenheit herzustellen. Damit es diesen Bezug gibt, sind aber vor allem die Lehrer gefordert, die solche Besuche intensiv vor- und nachbereiten müssen. Viele tun das auch, aber bei denen, die glauben, mit einer Fahrt in die Gedenkstätte sei das Thema erledigt, befürchte ich, dass man bei vielen Schülern eher das Gegenteil erreicht. Wer freiwillig mitfährt, der hat am Ende mehr davon.

Das Interview führte Michael Kniess.

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Zur Merkliste hinzugefügt! Merken beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Um zu verstehen, wie unsere Webseite genutzt wird und um dir ein interessenbezogenes Angebot präsentieren zu können, nutzen wir Cookies und andere Techniken. Hier kannst du mehr erfahren und hier widersprechen.

Um Sendungen mit einer Altersbeschränkung zu jeder Tageszeit anzuschauen, kannst du jetzt eine Altersprüfung durchführen. Dafür benötigst du dein Ausweisdokument.

Du wechselst in den Kinderbereich und bewegst dich mit deinem Kinderprofil weiter.