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Point-Alpha-Preis für Biermann - "Verfechter der Demokratie"

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Unbequeme Wahrheiten hat Wolf Biermann immer ausgeprochen. Mit seinen Texten bot er den Machthabern der DDR die Stirn und auch danach erhob er immer wieder seine kritische Stimme. Heute wurde der 80-jährige Liedermacher mit dem Point-Alpha-Preis ausgezeichnet.

"Du, lass dich nicht verhärten in dieser harten Zeit", so beginnt die erste Strophe von Biermanns wohl berühmtestem Liedtext. "Ermutigung" erschien erstmals 1968 in der Gedichtsammlung "Mit Marx- und Engelszungen". Mit seinen poetisch-subversiven Texten erhob Wolf Biermann zu DDR-Zeiten seine Stimme gegen die Staatsmacht. Dafür wurde ihm heute der Point-Alpha-Preis 2017 verliehen.

Andreas Postel
Andreas Postel, Leiter ZDF-Studio Thüringen Quelle: ZDF

Biermann sei ein "Künstler und leidenschaftlicher Streiter für Frieden und Freiheit, der unbeeindruckt von ideologisch festgezurrten Lügen sich über die Jahrzehnte seines Lebens treu geblieben ist", begründet die Präsidentin des Kuratoriums Deutsche Einheit, Christine Lieberknecht (CDU), die Auszeichnung. "Mit den unbequemen Wahrheiten in seinen Liedern und literarischen Texten ist er ein unerbittlicher Verfechter unserer Demokratie und westlichen Wertegemeinschaft."

Auszeichnung an geschichtsträchtigem Ort

Der heute 80-Jährige hatte den Machthabern der DDR mit poetisch-subversiven Texten die Stirn geboten. Daraufhin wurde Biermann 1976 ausgebürgert. Er durfte nach einem Konzert in Köln nicht in die DDR zurückkehren. Diese Ausbürgerung sei "eines der prägendsten Ereignisse für die DDR-Opposition und Initialzündung für eine zunehmend offene Kritik am SED-Regime" gewesen, heißt es vom Kuratorium.

Die Auszeichnung erhielt Biermann an einem geschichtsträchtigen Ort: Point Alpha ist eine Gedenkstätte an der Grenze von Hessen zu Thüringen in der Rhön, wo zu Zeiten des Kalten Krieges der Eiserne Vorhang verlief. In direkter Nachbarschaft Geisas erfüllte der Beobachtungsstützpunkt "Point Alpha" bis zum Fall des Eisernen Vorhangs eine wichtige Beobachtungsaufgabe im Verteidigungskonzept der NATO. Der Stützpunkt lag im Zentrum der NATO-Verteidigungslinie "Fulda Gap" (Fuldaer Lücke), in der die NATO im Ernstfall die Invasion der Truppen des Warschauer Pakts erwartete. Die "Fulda Gap" zog sich von Herleshausen über Fulda bis in die Nähe von Bad Neustadt. Der Name Point Alpha geht darauf zurück, dass es der erste errichtete Beobachtungspunkt war.

Radikaler Kritiker der DDR

In Biermanns Leben spiegelt sich deutsche Geschichte. In seiner Autobiografie "Warte nicht auf bessre Zeiten!" schreibt er: "Also wuchs ich auf mit dem Auftrag, die Menschheit zu retten, meinen Vater zu rächen und nebenbei den Kommunismus aufzubauen. Weil ich meiner Mutter diesen kleinen Gefallen tun wollte, ging ich eben mit 16 Jahren 1953 nach Osten und wurde ein DDR-Bürger", erzählt Biermann. "Und das war das Beste, was ich in meinem ganzen Leben gemacht habe. Wenn ich das nicht gemacht hätte, wäre ich ja gar nicht der Biermann geworden. Ich wäre hier in Hamburg geblieben und mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit verblödet."

Wolf Biermann wurde 1936 in Hamburg geboren. Sein Vater, Kommunist und Jude, wurde 1943 in Auschwitz ermordet. Biermann glaubte an den Kommunismus und ging voller Ideale 1953 in die DDR. Mit der Zeit entwickelte er sich zum radikalen Kritiker der DDR.

Nach einem totalen Auftritts- und Publikationsverbot im November 1965 wurde Wolf Biermann - gegen alle Rechtsnormen - 1976 ausgebürgert. Seine Ausbürgerung war ein einschneidendes Erlebnis für die Künstler- und Dissidenten-Szene der DDR. Am 17. November 1976 veröffentlichten zwölf namhafte DDR-Schriftsteller einen offenen Brief, in dem sie appellierten, die Ausbürgerung Biermanns zurückzunehmen.

Kritischer Geist mit zahlreichen Auszeichnungen

Wolf Biermann wurde mit allen großen deutschen Literaturpreisen ausgezeichnet. Seine Gedichtbände gehören zum Kanon deutscher Nachkriegsliteratur. Der verstorbene Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki schätzte seine "Verskunst, seine robuste Rhetorik, seine gewaltige Sprachkraft". Biermann gibt Konzerte in vielen Ländern der Welt und ist bekannt durch seine scharfzüngigen Essays.

Seine kritische Äußerungen, die sich gegen ganz unterschiedliche politische und gesellschaftliche Gruppierungen richteten, lösten immer wieder öffentliche Debatten aus. Biermann provoziert. Eintracht zu stiften ist seine Sache nicht.

Obwohl er in der DDR unterdrückt wurde, gingen viele Zeilen seiner Gedichte als geflügelte Worte in den Sprachgebrauch ein, etwa die Redensart vom "sozialistischen Gang". Sein Lied "Ermutigung" wurde zur heimlichen Hymne der DDR-Opposition. Es endet mit den Versen:
"Das Grün bricht aus den Zweigen. Wir wolln das allen zeigen. Dann wissen sie Bescheid."

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