Sie sind hier:

Politisch gespaltenes Polen - Psychologe: Auf Hassreden folgt Hass

Datum:

Heute verabschiedet sich Polen vom erstochenen Bürgermeister Pawel Adamowicz. Dazu gehört auch eine ernsthafte Debatte über den politischen Zustand des Landes.

Trauerkundgebung in Warschau zum Begräbnis von Paweł Adamowicz
Trauerkundgebung in Warschau zum Begräbnis von Paweł Adamowicz.
Quelle: reuters

heute.de: Ein paar Tage nach dem Adamowicz-Mord: Was sagt die seit Montag angestoßene Diskussion über den politischen Zustand in Polen?

Michal Bilewicz: Die letzten Tage zeigen uns, wie politische Sprache gesellschaftliche Emotionen zum Schaukeln bringen kann. Das Verbrechen, dessen Opfer Bürgermeister Adamowicz war, hat die politische Sprache, die politische Propaganda als Erklärung genutzt.

heute.de: Was macht das mit einer Gesellschaft, in der die Sprache zum Teil so hasserfüllt ist?

Bilewicz: Unsere Studien zeigen, je mehr "Hassrede" wir begegnen, desto häufiger benutzen wir selbst diese Sprache. Man beginnt sich selbst von den stigmatisierten Gruppen zu distanzieren. Sprache beeinflusst also sehr unsere Haltung gegenüber diesen Gruppen.

heute.de: Ermutigen solch wachsende Vorurteile womöglich die Täter?

Bilewicz: Bei den Tätern finden wir oft psychotische oder psychopathische Störungen. Für solche Personen gilt die Sprache der Politik als Rechtfertigung für Attacken.

heute.de: War der Adamowicz-Mord für Sie politisch motiviert?

Bilewicz: Im gewissen Sinne ja. Politischer Mord heißt nämlich nicht nur, dass politische Aktivisten ihn verübt haben. Er kann auch von einem Täter kommen, der über lange Zeit sehr oft die aggressive politische Sprache hört und sich als Repräsentant einer politischen Gruppe fühlt, auch wenn sich diese Gruppe sich nicht wünscht. Wie bei Anders Breivik, der auf der Utoya Insel ja nicht zufällig die sozial-demokratischen Jugendlichen angegriffen hat.  

heute.de: Wer hat die Debatte in Polen befeuert?

Bilewicz: In Polen war das Jahr 2015 ein sehr wichtiger Moment. Da gab es die Wahlkampagne vor den Präsidentschaftswahlen und vor den Parlamentswahlen. Gleichzeitig kamen viele Flüchtlinge nach Europa. Die Migrationskrise - ich mag den Begriff nicht, aber so nennt man das - wurde in Polen von den Politikern und Medien ausgenutzt. Die Medien versuchten, die Angst gegen Migranten zu schüren.

heute.de: Warum ist die Diktion im politischen Polen so aggressiv?

Bilewicz: Politiker nutzen sie zynisch für ihre politischen Zwecke. Die Medien haben eher kommerzielle Ziele: mehr User im Internet zu kriegen, mehr Interesse zu erwecken, mehr Werbung zu verkaufen. Und das Fernsehen will Emotionen erwecken. Ich habe den Eindruck, die polnischen Medien haben auf die Attacke in der Silvesternacht in Köln mehr reagiert als die deutsche Presse. Es hat mich gewundert, dass das für alle Medien ein Hauptthema war. Und jeder Beitrag über Köln weckte Emotionen, die zu Hass-Kommentaren gegen Muslime führten - mit der Suggestion, dass alle Muslime Verbrecher, Mörder und Vergewaltiger sind.

heute.de: Meinen Sie alle polnischen Medien?

Bilewicz: Als die PiS im Jahr 2015 gewonnen hat, sind die öffentlich-rechtlichen Medien "nationale Medien" geworden. Man sieht den Wandel sehr klar.  

heute.de: Welche Sprache benutzt die PiS-Partei?

Bilewicz: Die Spaltungssprache. Kampf des Guten gegen das Böse. In dieser Sprache sind die politischen Gegner nicht nur die anderen Parteien, sondern auch Menschen aus Wissenschaft, Kunst oder Kultur. Als Adamowicz über die freie Stadt Danzig gesprochen hat, hat ihm sein Gegner aus der PiS-Partei vorgeworfen, er wolle gern Danzig den Nazis wiedergeben. Solche Aussagen bauten Hass gegen den Bürgermeister auf.

heute.de: Wird diese Tat und der Umgang damit Polens Gesellschaft verändern?

Bilewicz: Ich würde gerne Optimist sein, aber ich denke, das wird nichts ändern. Die Medienkultur sieht so aus und das Niveau der Emotionen in Polen ist so hoch. Es wird schwierig sein, so was zu stoppen. Ein paar Tage Trauer, das war's. Das Alte wird zurückkommen. Nach der Attacke in Charlottesville, als ein Mann sein Auto in die Gruppe der Gegendemonstranten fuhr, waren wir auch voller Hoffnungen, die Gesellschaft wache auf. Aber es reicht heute, Trump zuzuhören, wie er über Migranten redet, und man sieht, nichts hat sich in der Sprache geändert.

Das Interview führten Natalie Steger und Milena Drzewiecka

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert auf Mein ZDF! Abo beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Die Website verwendet Cookies, um Ihnen ein bestmögliches Angebot zu präsentieren. Nähere Informationen und die Möglichkeit, die Verwendung von Cookies einzuschränken finden Sie hier.

Um Sendungen mit einer Altersbeschränkung zu jeder Tageszeit anzuschauen, können Sie jetzt eine Altersprüfung durchführen. Dafür benötigen Sie Ihr Ausweisdokument.

Sie wechseln in den Kinderbereich und bewegen sich mit Ihrem Kinderprofil weiter.