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Trotz Kritik - Polens Senat billigt umstrittene Justizreform

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Polens Parlament hat sich mit der abschließenden Zustimmung zur umstrittenen Justizreform über alle Mahnungen aus dem In- und Ausland hinweggesetzt. Der Senat billigte das Gesetzespaket nach einer längeren Debatte. Nun hat Präsident Andrzej Duda das letzte Wort.

Obwohl die EU Polen mit Konsequenzen droht, hat die polnische Regierung ihre Justizreform heute weiter vorangetrieben. ZDF-Korrespondent Stephan Leifert mit Einzelheiten aus Warschau.

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Trotz massiver Kritik hat Polens Parlament die umstrittene Justizreform der nationalkonservativen Regierung gebilligt. Mit dem Senat stimmte in der Nacht zum Samstag erwartungsgemäß auch die zweite Parlamentskammer für den Umbau des Justizwesens. Der Entwurf sei ohne Änderungen durchgewunken worden, meldete die polnische Nachrichtenagentur PAP. Damit ignorierten die Volksvertreter sowohl die Sanktionsdrohungen der EU-Kommission als auch zahlreiche warnende Stimmen im In- und Ausland, die um die Unabhängigkeit der polnischen Justiz fürchten.

Die Reformen sollen es der Regierung ermöglichen, Richter des Obersten Gerichtes in den Ruhestand zu schicken und ihre Posten neu zu besetzen. Die Richterposten in dem über die Unabhängigkeit der Justiz wachenden Landesrichterrat (KRS) sollen ebenfalls neu besetzt werden. Kritiker befürchten zudem, dass ein befangenes Oberstes Gericht künftig sogar Wahlen für ungültig erklären könnte.

Duda hat das letzte Wort

Die Zustimmung beider Parlamentskammern kommt nicht überraschend, weil die Regierungspartei Recht und Gerechtigkeit (PiS) von Jaroslaw Kaczynski sowohl im Sejm als auch im Senat die Mehrheit hat. Jetzt muss nur noch Präsident Andrzej Duda unterschreiben, damit die Reform in Kraft tritt. Um das zu verhindern, hatten zuletzt Zehntausende Menschen in Warschau und anderen Städten protestiert und den Präsidenten aufgefordert, ein Veto einzulegen.

In der Nacht zum Samstag protestierten vor dem Senatsgebäude Demonstranten und Senatoren der Opposition gemeinsam gegen das Abstimmungsergebnis. Selbst vor dem Polnischen Konsulat in Köln machten nach Polizeiangaben etwa 200 Menschen ihrem Unmut friedlich Luft. Aufgerufen zu der Mahnwache hatte die europäische Bürgerbewegung "Pulse of Europe". Am Wochenende sind Kundgebungen in weiteren europäischen Großstädten geplant.

Warnung vor Zerstörung des Rechtsstaats

Die geplante Justizreform ist längst keine innerpolnische Angelegenheit mehr und beschäftigt auch befreundete Nachbarländer. Die höchsten Richter Tschechiens und der Slowakei warnten vor einer Zerstörung des polnischen Rechtsstaats, der Deutsche Richterbund vor dem Streben der PiS-Regierung nach "einer politisch gelenkten Justiz, in der willfährige Richter und Staatsanwälte an ihren Fäden tanzen". Selbst die US-Regierung als traditioneller Verbündeter riet dringend davon ab, "Gesetze zu erlassen, die die gerichtliche Unabhängigkeit und Rechtsstaatlichkeit in Polen zu untergraben scheinen".

Am potenziell folgenschwersten ist jedoch der Gegenwind aus Brüssel. Die EU-Kommission drohte für den Fall einer Verabschiedung der Reform ein Verfahren nach Artikel 7 des EU-Vertrages an. Dieser sieht bei "schwerwiegender und anhaltender Verletzung" der im EU-Vertrag verankerten Werte als schwerste Sanktion eine Aussetzung der Stimmrechte des Mitgliedstaates vor. Am kommenden Mittwoch will die EU-Kommission erneut über Polen beraten.

PiS weist alle Vorwürfe zurück

Die mit absoluter Mehrheit regierende PiS von Ministerpräsidentin Beata Szydlo weist alle Vorwürfe als ungerechtfertigt zurück. Ihr Argument: Die Reformen habe man den Bürgern versprochen, denn schließlich sei Polens Justiz seit dem Ende des Kommunismus 1989 nicht reformiert worden. Die Richter seien großteils korrupt und würden keiner demokratischen Kontrolle unterliegen.

Zwar erklärte sich Präsident Andrzej Duda bereit zu einem Treffen mit der Ersten Vorsitzenden des Obersten Gerichts, Malgorzata Gersdorf, das am Montag stattfinden soll. Das Hoffen der polnischen Oppositionellen auf Dudas Veto-Recht könnte allerdings vergebens sein. Obwohl er nach seiner Wahl zum Präsidenten aus der PiS austrat, gilt Duda weiter als Kandidat der Nationalkonservativen. Bisher winkte der Staatschef selbst die umstrittensten Gesetze durch.

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